"ach ist doch quatsch, alles quatsch"

milagro.tv befragt Muff Potter

Portrait vom 23.10.2007 | Autor: Jasmin N. Weidner / Fotos: Nils Grobmeier // (milagro.tv/regioactive.de)

Tags: Muff Potter   milagro.tv  

Muff Potter, seit 1993 irgendwie da, spätestens seit von wegen nicht mehr zu überhören. Jetzt ist ihr neues Album da und Jasmin von milagro.tv und regioactive.de war bei ihnen im Schlachthof Wiesbaden, um einige Fragen zu stellen. Dazu serviert gibt es Konzertfotos aus dem Underground in Köln.

Muff Potter, Underground Köln, 2007 1Fotos: Nils Grobmeier
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Hölle nervös rennen wir zehnmal um den Schlachthof, Tür finden wir nicht, Telefonnummer auch vergessen, Geld liegt eventuell irgendwo im Auto. Und dann stehen da auf einmal so ganz normale Typen vor uns, die anscheinend nicht mal wissen, wie sehr Urgestein sie sind. Haben wir ihnen dann zwar gesagt. Haben Sie uns aber nicht geglaubt. Da Brami uns erzählt hat, dass er Musikzeitschriften lieber mag, die auch über Musik schreiben, fangen wir doch einfach mal mit Musik an. Steady Fremdkörper ist das neue Album, das sich durch eine andere Herangehensweise und reduziertere Produktion als eine musikalische Weiterentwicklung zeigt. Was ist an dem neuen Album denn sonst noch anders? "Es ist noch geiler", sagen Brami und Shredder, die wir für unser Interview in einem Biergarten vorm Schlachthof eine dreiviertel Stunde lang ausfragen dürfen.

Muff Potter, Underground Köln, 2007 8Fotos: Nils Grobmeier
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Und in welcher Kategorie steht das Album denn dann im Plattenladen? Shredder will von diesem Schubladengedöns eigentlich nichts hören, Muff Potter sind Punk, Pop, Indie, manchmal auch noch Angry-Pop, je nachdem wo sie einsortiert werden. Dabei ist Einsortieren wirklich nichts Wünschenswertes für sie. Genauso wenig wollen sie sich privat auf einen ausschließlichen Musikstil festlegen: "Das ist nicht mehr wie früher, als man Punkfan war, und zwar nur PUNK". So finden sich bei Shredder The Streets, Gorillaz und jede Menge HipHop und bei Brami doch tatsächlich eine Scorpions-CD. Deswegen ist auch das Gerede von Mainstream und Trends nichts, was ihre Meinung über eine Band beeinflusst. Nirvana und Beatles sind ja auch Mainstream, irgendwie. Wenn sie schon von anderen Bands reden, gibt es denn da Bands, bei denen sie auch gerne spielen würden? Brami: "Es gibt natürlich tausend Bands....also, eigentlich nur bei uns." Eine Trennung der Band ist demnach nicht in Sicht, auch wenn sich die beiden auf Blackmail, Queens of the Stone Age und Bright Eyes als Alternativen zu MP einigen können.

Muff Potter, Underground Köln, 2007 2Fotos: Nils Grobmeier
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So dreht sich auch für MP mittlerweile alles um die Gigs und den tatsächlichen Auftritt und nicht mehr so sehr um das Besäufnis drumherum. "Wir führen das klassische Leben von Drogenabhängigen, die auch noch Musik machen", sagt Brami und lacht dabei. Das mit den Drogen meinen sie wohl nicht so ernst, was wir ihnen allerdings ohne Zögern glauben ist, dass Sätze wie "Wir machen die Musik doch für uns und nicht für die Verkaufszahlen" und "Wenn das Konzert scheiße war, dann ist der ganze Tag gelaufen, wegen dem Konzert sind wir doch hier" keine leeren Phrasen sind, sondern vielmehr ihre Bandphilosphie.

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Bekannte Castingshows auf privaten Sendern zeigen, dass es heutzutage in der Musikbranche auch genau andersrum laufen kann. Da fragen wir uns und sie doch glatt, was sie davon halten. Gegen die Sendungen sind sie dann aber auch nicht: "Es geht ja auch gar nicht darum, einen wirklichen Star zu finden, sondern es geht darum, während der Sendung unterhalten zu werden. Das ist seltener, dass so Sachen langlebig sind. Das ist dann Zufall oder Glück. Elton John hätte wahrscheinlich nie irgendeine Chance in einer Chartshow gehabt, weil er einfach überhaupt nicht singen kann. Das ist aber auch nicht worum es geht. Primär ist es nicht wichtig, dass man gut singen kann."

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Doch genug jetzt von der Musik, immerhin haben wir auch noch andere Interessen, also gleich mal los ins Blaue: Würdet ihr euch für ein Frauenmagazin ausziehen? Der enttäuschenden Antwort "Nein" schiebt Shredder ein genuscheltes "aber ihr könnt einfach in unserem Tour-Tagebuch gucken, das ist dasselbe" nach. Da wir dann schon beim privaten Ausfragen sind, erzählt Brami uns von seiner Freundin, mit der er gerne in den Urlaub fahren möchte, was aber nicht geht, da die Band immer auf Abruf bereit sein muss. Das erklärt auch die Antwort auf die Frage, was für die beiden denn Luxus sei: "Zeit freischaufeln, wann immer wir wollen." Shredder ergänzt, dass das Leben auf Tour ebenfalls etwas luxuriöses an sich habe. Bei alten Feldbetten, die als Doppelbett ausgegeben werden, hört der Spaß für ihn dann aber auf. Obwohl sie keine klassische Skandal-Band sind, kann es in dem Fall dann schon passieren, dass das Feldbett kurze Zeit später ausschaut wie der frischgelieferte Bausatz eines renommierten schwedischen Möbelherstellers. "Das ist daran dann selber Schuld", sagt Shredder, der sich privat liebend gern selbst bekocht. Um einer möglichen Einsamkeit beim Kochen vorzubeugen, empfehlen wir das perfekte Dinner. Bei Brami bekäme er immerhin volle Punkte für Spargel, Auflauf ist dagegen generell dismissed. So sicher sind ihm die zehn Punkte dann aber doch nicht, weil er "manchmal einfach nur nervt. Und das mit Absicht", sagt Brami. Er selbst wird dafür dann als "faul und antriebslos" bezeichnet. Trotz dieser Kritik am Anderen, zeigt sich bei der Frage, ob es Seelenverwandtschaft gibt, dass die beiden dicke Freunde sind. Um Brami zu zitieren: "Man muss ja nicht gleich miteinander ins Bett steigen, um seelenverwandt zu sein." Im Gegensatz dazu sind Unehrlichkeit und von Beruf Punk zu sein ziemlich abstoßend für die Beiden, wobei Promiskuität aber auf keinen Fall etwas Verwerfliches ist: "Macht doch Spaß", ergänzt Shredder grinsend.

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Eine ebenfalls überraschend ehrliche Antwort liefert uns Shredder auf die Frage, ob er etwas anders machen würde, wenn er könnte. Zwei Wochen vor seiner Gesellenprüfung hat er seine Lehre geschmissen, um auf Tour mit MP gehen zu können. Richtig glücklich macht ihn die Aussicht, ohne irgendetwas dazustehen – sollte aus irgendwelchen Gründen mit MP etwas schief gehen – verständlicherweise nicht. Aber wieso sollte denn etwas schief gehen. Er nimmt es mit Humor: "Ich gehe dann einfach mit der Band unter", sagt er und lacht schon wieder. Etwas unsicher, was wir da eigentlich machen, müssen wir natürlich wissen, was absolute no-go Fragen in einem Interview sind und siehe da, wir sind ja gar nicht so schlecht. Immerhin wissen wir, dass der Sänger nicht Thees heißt, MP nicht Tomte spielen und woher der Bandname kommt, da hilft Google blitzschnell weiter.

Doch machen wir jetzt lieber ganz schnell Schluss, denn bei unseren beiden Interviewheldinnen macht sich das Becks irgendwie bemerkbar. Eine letzte Frage haben wir noch und Shredder beantwortet sie sogar. Wie handhabt ihr das denn mit den Groupies? (Shredder und Brami schauen sich und uns verwirrt an) Oder habt ihr etwa keine? Shredder antwortet nach ein bisschen Bedenkzeit: "Groupies gibt’s ja gar nicht wirklich. Die sind ausgestorben. Wegen dem Status einer Band mit den Mitgliedern zu schlafen, ist doch das erklärte Ziel von denen. Und den Status haben wir nicht. Die interessieren sich ja nicht für die Musik. Aber wenn einen jemand wegen der Musik irgendwie interessant findet, dann ist das gut." (er stutzt, überlegt kurz) "Ach ist doch Quatsch, ist alles Quatsch hier."

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Jasmin N. Weidner / Fotos: Nils Grobmeier // (milagro.tv/regioactive.de)

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