Am ersten Juli-Wochenende war es an der Zeit, einen Geburtstag zu feiern, der lange Zeit nicht mal als gesichert galt. Denn noch bevor eine zweistellige Anzahl von Kerzen auf dem Festivalkuchen entflammt werden durften, schien das Splash! Festival schon fast den Wetterkapriolen und der Unzuverlässigkeit gebuchter US-Headliner der letzten Jahre zum Opfer zu fallen.
Fotos: David Luther
© David Luther Dabei hatte '98 alles so schön und gleichzeitig so chaotisch angefangen: Das erste Splash! fand in einem Kraftwerk in Chemnitz statt, eine Indoor-Geburt sozusagen. Innerhalb der folgenden drei Jahre stieg die Besucherzahl bis auf 30.000 von HipHop und Reggae begeisterte Festivalfreunde an, die Jahr für Jahr an den Stausee in Oberrabenstein pilgerten. Mit Höhen und Tiefen etablierte sich das Splash! zum größten HipHop-Festival Europas, wobei dieser Titel aufgrund von sintflutartigen Regenfällen in den Jahren 2005 und 2006 wortwörtlich den Bach runter ging. Als Konsequenz stand für das zehnjährige Jubiläum der Umzug auf die Halbinsel Pouch in Bitterfeld an, den der Chemnitzer Pressesprecher wehmütig mit folgenden Worten absegnete: "Lieber wird ein Chemnitzer Kind in Sachsen groß und gesund, als hier zu sterben".
Mit der neuen Location und dem besagten Festivalkuchen im Gepäck war klar, dass auch in Sachen Line-Up nichts dem Zufall überlassen werden durfte: die Reunion von La Familia und der angekündigte Auftritt von Freundeskreis, die ebenfalls ihr zehnjähriges Bestehen feiern, trieb schon im Vorfeld jedem Deutschrap-Fan die Freudentränen in die Augen. Hinzu kamen die angekündigten Headliner in Form von Snoop Dogg und Redman sowie internationale Hochkaräter wie Talib Kweli, The Roots, eMC, Papoose, IAM oder T.O.K..
Fotos: David Luther
© David Luther Das Festival eröffnen durfte der Ex-Chablifer
Jaysus, der leider aufgrund des heftigen Windes, der die Hauptbühne für 90 Minuten lahm legte, seine Show etwas früher beenden musste. Das erste Highlight setzen die
Spezializtz, die schon am Abend zuvor auf dem Zeltplatz mittels mobiler Bühne einen Geheimgig und damit Kostproben von ihrem kommenden Album
G.B.Z. Oholika III ablieferten. Mit weniger aktuellem Material präsentierten sich im Laufe des Abends
eMC,
Dendemann und
Kool Savas, der jedoch sowohl auf der Bühne, als auch durch die enorme Präsenz eines Optik-Promoteams sein kommendes Soloalbum
Tot oder lebendig für dieses Spätjahr ankündigte. Zeitgleich lieferten in dem Samoa HipHop Tent unter anderem die Splash! Moderatoren
Maeckes & Plan B sowie
Kollegah ihre Liveshows ab, wobei vor allem Letzterer etwas wieder gut zu machen hatte. Für den vorläufigen Abschluss sorgte mit etwas Verzögerung
Snoop Dogg, der sein gesamtes musikalische Repertoire von
Drop It Like It's Hot bis
Gin & Juice mitsamt Verstärkung in Form von Kurupt in gewohnt entspannter Manier präsentierte. Dass die Party noch nicht zu Ende sein sollte, bewies das aus allen Nähten platzende Samoa Zelt, in dem der diesjährige Soundclash zwischen dem
Phlatline Club Movement (DJ Kenny & Jaleel) und dem
Optik Soundsystem (DJ Nicon) ausgetragen wurde. In diversen Kategorien mussten sich die Soundsysteme um die Hosts Ercandize und Tefla vor dem Referee Harris und dem Publikum beweisen. Letztendlich konnten die Lokalheroen vom Phlatline Club Movement nach einem heißen Kampf den Clash mit 5:3 für sich entscheiden. Leider geriet durch ein solch hochkarätiges Line-Up sehenswerte Acts wie
Nosliw, David Rodigan oder Wiley etwas ins Hintertreffen.
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Nach einer harten Nacht standen für den Samstag noch mehr Sureshots für ein gelungenes HipHop-Festival auf dem Programm. Mainz Finest Separate überzeugte mit den neuen Tracks von Ein guter Tag zum Sterben sowie einer pathetischen Rede über die geliebte Kultur. Aufgrund der frühen Zeit in der Running Order und der besagten Nacht konnten jedoch noch einige freie Plätze auf dem kompakten Festivalgelände gesichtet werden. Abhilfe konnte zunächst Papoose aus Brooklyn schaffen, der mit seinem "Alphabetical Slaughter"-Acapella unter Beweis stellte, warum er eine der größten Hoffnungen für Rap aus der Mutterstadt darstellt. Den größten Zuspruch in Form von Zuschaueraktivität bekam an diesem Abend jedoch Olli Banjo, der nach jahrelanger Nichtbeachtung endlich einen ansprechenden Slot bekam und niemanden mit seiner energiegeladenen Show inklusive Massenpogo enttäuschte. Lediglich Redman sollte da später noch eine Schippe drauflegen.
Fotos: David Luther
© David Luther Aufgrund der Erkrankung von Frontmann
Shurik'n mussten
IAM aus Marseille leider ihren Auftritt absagen, was aber der guten Stimmung an der Hauptbühne keinen Abbruch tat.
Curse begann seine Show mit Solotracks, bevor er sich nach und nach die
La Familia-Mitglieder in Form der
Stieber Twins,
Aphroe und
Fast Forward auf die Bühne holte, die dann Deutschrap-Klassiker wie
Tausend MCs,
Kopfsteinpflaster,
Ihr müsst noch üben oder
Schlangen sind giftig zum besten gaben und damit für einen der historischsten Momente des Splash! Festivals sorgten. Danach galt es für
Talib Kweli und seine charmante Begleitung
Jean Grae die Stimmung konstant oben zu halten. Vor allem Jean Grae ließ mit ihren Acapellas nahezu jeden männlichen Kollegen erblassen, was von dem Publikum leider nur spärlich anerkannt wurde. Kweli hingegen sorgte mit seinem unnachahmlichen Flow und einigen neuen Stücken vom kommenden Album
Ear Drum für den gewünschten Ausgleich, bevor
DJ Kool mit stupider Phrasendrescherei das Publikum für Redman anheizte. Die "Fuck you Redman"-Spielchen gefolgt von
I'll Be Dat kennt man noch von 2003, jedoch haben sie auf keinste Weise ihren Reiz verloren. Auch der Rest der Show unterstrich das Prädikat "Partystarter #1" ohne Abstriche.
Fotos: David Luther
© David Luther Für den Festivalabschluss am Sonntag zeigte sich selbst die Sonne wohlwollend, was dem ein oder anderen verkaterten Festivalbesucher und auch dem verkaterten Schreiber dieses Berichtes überraschenderweise einen kleinen Sonnenbrand in den Nacken zauberte. Aufgrund dieser Tatsache wurde der Auftritt von
Megaloh &
Sprachtot meist im Sitzen und mit einem Becher Kaffee in der Hand genossen, bevor
Casper und anschliessend auch die Kannibalen von
K.I.Z. der Crowd etwas mehr Aktivität abverlangen konnten. Zum sonntäglichen Entspannungsprogramm eigneten sich auch die Virtuosen aus dem Stones Throw Kollektiv um DJ und Gründer
Peanut Butter Wolf, der sich, zusammen mit
J-Rocc,
Percee P,
Aloe Blacc & Guilty Simpson, vor allem der Huldigung von Producer-Legende
J Dilla verschrieben hat. Aufgelockert durch Trompeten-Performances und einige Classics aus dem Stones Throw Katalog stieg die Vorfreude auf die Westküsten-Vorzeigecrew
Dilated Peoples. Während diese ihre gemeinsamen Hits und Auszüge aus
Evidence's Wheaterman-LP präsentierten, zogen es die Ruhrpott-Spitter
Snage & Pillath vor, das trotz internationaler Konkurrenz gut gefüllte Samoa Zelt in einen heißen Deutschrap-Kessel zu verwandeln, was sich auch der Rest der deutschen Rap-Elite nicht entgehen lassen konnte. Derweil schickten sich
The Roots an, ihren Titel als beste Live-Crew im Rapsegment zu verteidigen. Ausgestattet mit einem ausgiebigen Medley an aktuellen Hits und Klassikern diverser Kollegen, welches natürlich auf Roots-typische Art und Weise mit Liveinstrumenten interpretiert wurde, konnten sie ihren Titel trotz kurzzeitiger Schwächephasen gerade noch sichern.
Fotos: David Luther
© David Luther Für den gebührenden Abschluss des 10. Splash! Festival sorgte nach einer etwas zu langen Umbauphase inklusive ausgiebigem Soundcheck der wiederbelebte
Freundeskreis, der zusammen mit Reimemonster
Afrob und Soulqueen
respektive Max-Gemahlin
Joy Denalane die Zeiten von '97 bis '00 wieder aufleben ließen. Diesem hochkarätigen Abschluss-Line-Up fielen dafür so geniale Konzepte wie der '80's Flashback' inklusive Skate-Rollbahn von
Maxwell & DJ Stylewarz im Aruba Funk Zelt oder die vierstündige Deutschrap-Sause von
Marteria aka Marsimoto im HipHop-Zelt quasi zum Opfer, doch wie heißt es so schön: man kann nicht alles haben. Letztendlich kann man den 10. Geburtstag durchaus als gelungene Party mit vielen zufriedenen Gästen bezeichnen, auch wenn der ein oder andere Schönheitsfehler in der Festdekoration unterlaufen ist.
Silvio Steurer / Fotos: David Luther