wo maschinen und melodien zusammenpassen

Melt! 2007 - Review

Review vom 19.07.2007
Autor: Christian Bethge
Tags: Indierock   Tocotronic   Mouse on Mars   The Notwist   Melt!   Black Rebel Motorcycle Club   Ferropolis  

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Melt! - 2007
Melt! - 2007
© regioactive.de
Einem solchen Namen gerecht zu werden ist nicht immer einfach, doch den Organisatoren des Melt! Festivals gelingt dies jedes Jahr aufs Neue: Das gewagte Line-Up besteht aus der Creme de la Creme des Indie-Rock und dem Besten, was die Electronica-Szene zu bieten hat. Das sorgt gleich an zwei Tagen für einen erhöhten Flüssigkeitsverbrauch in allen Formen und Farben. Nur hier trifft die alte Hamburger Schule auf die Vorreiter der elektronischen Zeitverschiebung, während nur ein paar Meter weiter HipHop und Grime regieren. Exklusivität spielt schon seit der Erstauflage vor 10 Jahren eine große Rolle bei dem Melt! Festival, doch bei solch einem Jubiläum wird natürlich erst richtig aufgedreht: Tocotronic, Autechre, Motorpsycho, Clickclickdecker, Mouse on Mars und Black Rebel Motorcycle Club sind nur ein kleiner Auszug der Acts, die dieses Jahr in Ferropolis auftraten.  [Unten weiterlesen ...]


Melt! 2007: Hier geht es zur Bildergalerie

Tocotronic - Melt! 2007 7
Tocotronic - Melt! 2007
© regioactive.de
Das Line-Up spricht also für sich und wird in Sachen Faszination höchstens von Ferropolis selbst übertrumpft; einem Ort, der auch den unterkühlten Namen "Stadt aus Eisen" trägt. Auf dem Veranstaltungsgelände befinden sich riesige Maschinen, die bis zu ihrer endgültigen Stilllegung für die Rohstoffgewinnung genutzt wurden. Nun sind sie der Hauptfaktor für ein einzigartiges Szenario. Wie es sich bei einem gut organisierten Festival gehört, werden keine Kosten und Mühen gescheut, um die Wirkung solch einer Maschinerie deutlich hervorzuheben: Überall befinden sich Video-Installationen, die dem kalten Stahl etwas Leben einhauchen und so fast schon eine gewisse Sympathie für die Kolosse entstehen lassen. Auch der erste Gang über den abgelegenen Campingplatz  zeigt dem Besucher, dass hier wirklich an alles gedacht wurde: Trinkwasserstellen, extra für das Melt! planierte Gehwege und - für Festival-Verhältnisse - hochwertige Toiletten sind nur einige der Dinge, die dazu beitragen, dass ab der ersten Minute bei allen gute Laune aufkommt.

Mouse on Mars - Melt! 2007 5
Mouse on Mars - Melt! 2007
© regioactive.de
Nach einer kurzen Zeltaufbau-Phase geht es los in Richtung Veranstaltungsgelände, das recht schnell mit einem der Shuttlebusse zu erreichen ist. Auch erste Blicke auf den nahe liegenden Badesee werden so möglich. Am Eingang angekommen fallen die großzügig konzipierten Durchgänge auf, was den Zugang zu den Hauptbühnen erheblich beschleunigt. Ein schneller Blick auf den Zeitplan und eines steht fest: Sofort ab zu The Notwist auf die Hauptbühne. Die Achers, Console und Co. sind bekannt für ihre hervorragenden Live-Auftritte und unterstreichen dies an diesem Abend nur einmal mehr. Sie spielen Songs von allen Alben und entwickeln währenddessen eine beeindruckende Dynamik. Von zurückhaltenden Klangteppichen aus dem Laptop bis hin zu Shoegaze-Attacken, die Parallelen zu My Bloody Valentine entstehen lassen, ist bei der Band aus Oberbayern wirklich alles geboten. Nach einer guten Stunde und diesem gelungenen Auftakt geht es direkt weiter zur Gemini-Stage, wo wenig später Autechre spielen werden. Sean Booth und Rob Brown veröffentlichen schon seit über 15 Jahren Musik auf dem Label "Warp Records" aus England. Die Musik von Autechre ist sehr komplex und es lässt sich nicht voraussehen, was dieses geniale Duo hier präsentieren wird. Nach einem kurzen Intro, welches zum Großteil aus einem vertrackten HipHop-Beat besteht, veranlassen Autechre das Ausschalten der Bühnenbeleuchtung. Von nun an werden verschobene Beats im Dunkeln abgefeuert, die durch eine ungeahnte Härte trotzdem funktionieren und zum tanzen animieren: Ein unbeschreibliches Erlebnis.

Ein Interview mit Melt!-Booker Stefan Lehmkuhl

Black Rebel Motorcycle Club - Melt! 2007 1
Black Rebel Motorcycle Club - Melt! 2007
© regioactive.de
Am Samstag in den frühen Morgenstunden führt der erste Weg die meisten zu einer Abkühlung im See, denn die Sonne hat die Zelte schon recht früh in Saunas verwandelt. Nach diesem entspannenden Tagesbeginn auf dem Campingplatz oder am See bekommen Tocotronic den Zuschlag, um als erste Band den Abend einzuleiten. Leider wirken die Hamburger stellenweise etwas lustlos und zurückhaltend. Die raue Musik aus der Vergangenheit ist fast gänzlich in den Hintergrund getreten, denn live wie auch auf dem neuen Album handelt es sich um mehr oder weniger solide gemachte Popmusik. Nach dem neuen Hit Kapitulation kapituliert deshalb auch so mancher Tocotronic-Fan und begibt sich lieber eine Bühne weiter zu Mouse on Mars. Die Gemini-Stage ist gut besucht und die Mäuse rocken was das Zeug hält in der von ihnen gewohnten Manier: Big Beats, Clicks, Blips und Blops aus dem Laptop werden bis zur Endlosigkeit bearbeitet und die Partystimmung erreicht schnell einen ersten Höhepunkt. Mouse on Mars sollten ursprünglich ein zweites Mal mit dem Sänger Mark E. Smith als Von Südenfeld auftreten, doch der war letztendlich verhindert und widmete seine Zeit lieber dem Pizzaessen in England (so zu lesen auf der Melt! Homepage). Während Mouse on Mars die Gemini-Stage zerlegen, spielen auf der Hauptbühne Black Rebel Motorcycle Club und wühlen dabei ganz tief in der Rock'n'Roll-Kiste. Technisch perfekt und mit gewaltigen Spannungsbögen überzeugen BRMC schon ab der ersten Sekunde.

Das kontrastreiche Programm des Melt! ist verblüffend und stellvertretend für den restlichen Verlauf des ganzen Festivals. Menschen mit den unterschiedlichsten Musikinteressen feiern gemeinsam und demonstrieren damit, dass das Genredenken nicht unbedingt sein muss. Das ursprüngliche Experiment hat sich also etabliert und heute ist das Melt! wohl eines der beliebtesten Festivals in Deutschland, vielleicht sogar in ganz Europa.

Christian Bethge

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