scheinheilig oder konsequent?

Apple würde DRM-freie Musikverkäufe sofort unterstützen

News vom 07.02.2007 | Autor: Markus Biedermann

Tags: Apple    Mika  

Es wird kontrovers diskutiert: Apple-Chef Steve Jobs stößt mit seiner Stellungnahme zu digitalem Rechte-Management sowohl auf offene, wie auch auf geschlossene Ohren.

Steve Jobs Thoughts on musicSteve Jobs: Thoughts on music
Gerade erreicht uns wieder eine Erfolgsstory aus der Welt der digitalen Musikverkäufe: Der Pop-Sänger und Senkrechtstarter Mika erreichte mit seinem Titel Grace Kelly allein durch Download-Verkäufe den ersten Platz der britischen Single-Charts. Gleichzeitig bleibt aber festzuhalten, dass der Online-Musikmarkt in weiten Teilen noch vom Chaos bestimmt wird. Einerseits haben die Anbieter unterschiedlichste Angebotsformen, vom iTunes 99ct-Download bis zu Abonnements, wie beispielsweise bei emusic. Während diese Vielfalt eigentlich als positiv verbucht werden müsste, werfen unschöne Begleiterscheinungen einige Schatten auf die digitale Musikwelt. Im Zentrum der Kritik stehen dabei die unterschiedlichen, zueinander inkompatiblen DRM-Systeme (Digitales Rechte-Management System), die aus Shops heruntergeladene Songs nur zu bestimmten Konditionen und auf unterstützter Hardware abspielen lassen. Prominentestes Beispiel ist das System "Fairplay" von Apple. Songs aus dem iTunes-Store spielen nicht auf allen MP3-Playern – sondern nur auf dem iPod, denn nur dieser versteht es mit den durch Fairplay geschützten Dateien umzugehen. Diese Einschränkung rief bereits vor einiger Zeit v.a. die europäischen Verbraucherschützer auf den Plan. Vor kurzem erst hatte der norwegische Ombudsmann Bjørn Erik Thon Apple eine Klage angedroht. Jedoch gilt das auch umgekehrt: Die anderen proprietären DRM-Systeme von anderen Anbietern spielen nicht auf dem iPod; Microsoft geht mit seinem neuen Player "Zune" einen ganz ähnlichen Weg wie Apple.

Steve JobsSteve Jobs
Nun hat sich Apple-CEO Steve Jobs in einer Stellungnahme auf apple.com ("Thoughts on music") persönlich zu Wort gemeldet und schiebt den schwarzen Peter weiter an die 4 großen Major-Labels Universal, Sony BMG, Warner und EMI, welche zusammen ca. 70% des weltweiten Musikmarktes abdecken. Nicht Apple, sondern diese Musikkonzerne bestünden auf den verbraucherfeindlichen Kopierschutz-Systemen, so Jobs. Apples Verträge mit den Labels sähen dies vor, ebenso wie die Konsequenz alle Titel aus dem iTunes-Store entfernen zu müssen, sollte "Fairplay" gehackt werden und wirksame Gegenmaßnahmen nicht schnell genug erfolgen. Deshalb könne Apple sein DRM nicht an Dritte lizenzieren. Geheimhaltung sei oberstes Gebot: Apple könne nur so den von der Musikindustrie zwingend geforderten Kopierschutz garantieren. "Schlaue Menschen mit viel Zeit" hätten noch jedes DRM geknackt und Apple habe mit Updates für iTunes- und iPod-Software bereits gegen solche Hacks vorgehen müssen.

In seiner Stellungnahme zeigt Steve Jobs mögliche Wege aus diesen Wirren auf, wobei einer davon ein "weiter wie bisher" wäre. Seine favorisierte Alternative sind jedoch ganz offenbar DRM-freie Musikverkäufe. Er plädiert dafür, die Musikindustrie davon zu überzeugen, Musikdownloads von den Zwängen rund um DRM zu befreien. Unter anderem weist er darauf hin, dass DRM-freie und nach iTunes importierte Audio-CDs nach wie vor mit 90 Prozent die wichtigste Musikquelle für iPods seien. Dabei stammten durchschnittlich nur drei Prozent der Musik auf den beliebten MP3-Playern aus dem iTunes-Store – ca. 22 Songs im Durchschnitt - und seien damit kopiergeschützt. Mit einem ganz simplen Trick lässt sich der Schutz sowieso seit jeher umgehen: Die gekauften Tracks auf CD brennen und dann als MP3 re-importieren. Damit gäbe es längst die "offenen Formate", die Verbraucherschützer und Konsumenten fordern.

iTunes StoreiTunes Store
Stellt Jobs mit seiner Stellungnahme also eine richtige und konsequente Forderung? Die Kritik der Musikindustrie ließ jedenfalls nicht lange auf sich warten. Scheinheiligkeit lautet der Vorwurf, mit dem beispielsweise Michael Haentjes vom Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft die Forderungen zurückweist: "Der Vorstoß von Steve Jobs ist ebenso durchsichtig wie scheinheilig. Apple versucht, seine Probleme mit dem eigenen Kopierschutz zum Problem der Musikindustrie zu machen." Für Apple sei die Strategie, ein für andere Anbieter geschlossenes DRM-System von Software und Hardware einzusetzen, der Schlüssel zum Erfolg gewesen. "Solange es ein krasses Missverhältnis zwischen illegalen und legalen Downloads gibt, kann man es niemandem verdenken, sein geistiges Eigentum zu schützen" fährt Haentjes fort und sieht den besten Ausweg aus dem aktuellen Formate-Chaos darin, dass Apple sein "Fairplay" an andere Unternehmen lizenziert. Diesem Vorschlag schließt sich auch die amerikanische RIAA an, ungeachtet dessen, dass Jobs in seiner Stellungnahme darlegte, dass er ein solches Vorgehen für reichlich unpraktikabel hält. Der Marketing-Chef von Microsofts "Zune" hält Steve Jobs Vorstoß gar für "unverantwortlich". DRM sei kein Übel: "DRM enables a lot of cool scenarios like subscription music. If you didn't have DRM, those wouldn't be possible." sagte er gegenüber CNET. Scheinheiligkeit lautet auch der Vorwurf aus Kreisen der Verbraucherschützer. Statt diese nun aufzufordern, sich mit ihrer Kritik an die 4 großen Majors zu wenden, solle sich Apple um neue Verträge bemühen, mit denen sich Steve Jobs' Vorstellungen realisieren lassen.

Auf der Musikmesse Midem, die Ende Januar in Cannes stattfand, wurden zum Teil ebenfalls Stimmen gegen DRM vernommen. Vorreiter sind dabei die Independent-Labels, von denen einige schon seit geraumer Zeit legale Musikdownloads ganz ohne DRM ermöglicht haben. Mit dem digitalen Musikvertriebsmodell von regioactive.de sind Bands in mehreren Shops vertreten und damit in der Online-Welt breit aufgestellt. Der Partner-Store Finetunes beispielsweise verzichtet hierbei auf Kopierschutz - ideal für die Fans, wenn man die folgende Meinung teilt: "I see 2% of DRM as protecting copyright and 98% annoying consumers," lässt sich der Musiker Moby von USA Today zitieren und spricht damit vielen Musikkonsumenten und Musikern aus der Seele. Steve Jobs Aufforderung stößt also durchaus auf offene Ohren und könnte wahrscheinlicher werden, je länger und erfolgreicher sich der digitale Musikvertrieb als lukrativer Geschäftszweig erweist.

Markus Biedermann

Kommentare

Kontakt | Über regioactive.de | Jobs | Backstage | Partner | Mediadaten | Presse