do it yourself und die Folgen
"flockenpop" - Ein Indie-Verein im Interview
Interview vom 23.11.2006 | Autor: Christian Bethge
Tags: flockenpop
Interview vom 23.11.2006 | Autor: Christian Bethge
Tags: flockenpop
Nach einer dreijährigen Geschichte, monatlich stattfindenden Konzerten mit regionalen und überregionalen Größen, einem jährlich stattfindendes Festival und der Veröffentlichung einer Sampler CD, wird es Zeit dem ganzen mal detailliert auf den Zahn zu fühlen. Wir sprachen mit Caro über die ursprüngliche Motivation und Zukunft es Projektes.
Hallo Caro, nun seid ja schon seit längerer Zeit fester Bestandteil der hannoverschen Subkultur. Wann genau habt ihr mit eurem Projekt begonnen?
Kennen gelernt hab ich die anderen ja zum großen Teil beim ersten flockenpop*festival, das ich damals im Mai 2004 noch allein organisiert habe. Danach haben wir uns zusammengetan und im Herbst die ersten Partys gemeinsam veranstaltet. Die Konzertreihe im Kulturpalast, die uns am meisten beschäftigt und Mittelpunkt unserer Arbeit ist, begann 2005.
Ein Projekt mit solch einem Umfang setzt ja einen beständigen Pool von Mitarbeitern, sowie ein aktives Netzwerk von Bands voraus. War es denn anfangs schwer, die Leute für euer Projekt an Land zu ziehen?
Eigentlich nicht. Die meisten sind schon vorher untereinander befreundet gewesen. Andere sind auf uns zugekommen und wollten dabei sein. Der Kern besteht nur aus einer handvoll Leute neben mir. Wenn wir, zum Beispiel auf größeren Partys, Helfer am Tresen brauchen, sind viele unserer Freunde und Geschwister dabei. Im Laufe der Zeit haben wir Kontakte zu anderen Veranstaltern, Labels und Bookern geknüpft und eine Menge Bands kennen gelernt, die immer mal wieder zu uns kommen und mit uns zusammenarbeiten. Das meiste hat sich von selbst ergeben. Aber wir halten natürlich auch immer die Augen offen, suchen ständig nach Helfern und neuen Bands und wenn wir tolle Künstler entdecken, laden wir sie ein.
Was sich ja mittlerweile nicht nur auf lokale Größen beschränkt. Bekannte Bands aus allen Ecken, u.a. Finn aus Hamburg und The Pedestrians aus England waren schon bei euch zu Gast. Wollt ihr dies noch erweitern und besteht in erster Linie die Möglichkeit als Newcomer Band mit euch in Kontakt zu treten?
Im nächsten Jahr haben wir z.B. Bands aus Paris und aus der Schweiz zu Gast. Aber wir wollen genauso die lokale Musikszene berücksichtigen. Immer wieder treten regionale, tolle Bands bei uns auf. Uns ist es wichtig, dass vor allem Bands, die wir mögen und interessant finden bei uns spielen. Ob die nun eine Straße oder ein Kontinent weg wohnen, ist erst mal egal. Bewerben kann man sich immer und sehr gern, solange man ein bisschen zu uns passt.Unabhängig von eurer lokalen Aktivität seid ihr ja auch so eine Art Booking-Agentur für eure „Hausbands“. Gibt es denn die Möglichkeit euch demnächst irgendwo außerhalb Hannovers zu erleben? Wo habt ihr als letztes Halt gemacht?
Hemden, eine ganz famose Deutschpop-Band aus Hannover, waren kürzlich für zwei Termine in Göttingen und Berlin unterwegs. Paperboat, unsere liebste und beste Indierock-Band aus Hannover fahren im Dezember für zwei Termine in den Süden. Ich hab damit gerade erst angefangen und das auch eher nebenbei, aber wir versuchen natürlich befreundete Bands ein bisschen zu unterstützen. Mit der Zeit ergeben sich viele Kontakte zu anderen Veranstaltern wie von selbst. Aber bis auf die Tour mit den Pedestrians und Paperboat letztes Jahr, fahren wir normalerweise nicht mit. Wir wollen eventuell nächstes Jahr mal wieder eine richtige flockenpop-Tour machen und dann auch selbst dabei sein.
Also steht stets der Community-Gedanke im Vordergrund. Gutes Beispiel dafür ist ja auch die bereits erschienene Sampler CD, „The Scorpions are dead, boy!“, die nicht nur in eurer Gegend geliebt wird. Habt ihr schon weitere Pläne in dieser Richtung?
Ja, sicher. Wirklich etwas zu bewegen gelingt nur gemeinsam. In den letzten Jahren haben sich viele Bands hier untereinander angefreundet. Auf dem Sampler haben wir die besten Bands aus Hannover vereint und viele gemeinsame Konzerte organisiert. Beim jährlichen flockenpop*festival stehen dann lokale und überregionale Bands gemeinsam auf der Bühne, tauschen sich aus und treten dann vielleicht mal bei anderen Bands zu Hause auf. Wir sind neben unserer Funktion als Veranstalter für Bands von außerhalb auch Plattform für unsere Lokalhelden. Es wird sicher noch einen und noch viel mehr solcher Sampler geben. Wann, steht noch nicht fest. Die nächste Veröffentlichung soll aber eine Zusammenstellung von Bands sein, die bei uns aufgetreten sind. Also auch Bands von weiter weg und auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Das wird also eine Art Rückblick und Zusammenfassung unserer Geschichte.
Klingt ja alles sehr positiv. Momentan stehen die Sterne ja auch sehr gut für ein Projekt dieser Art. Es lässt sich ja ein allgemeiner Trend zu einer gewissen Offenheit festmachen. Indie bzw. handfeste Gitarrenmusik findet sich wieder eher in den Medien als das noch vor wenigen Jahren der Fall war. Ihr seid ja mittendrin, könnt ihr auch etwas von dem Trend nachvollziehen?
Eigentlich empfinde ich diese Entwicklung als gar nicht so positiv. Indiemusik wird zum Mainstream, was für Bands, die da mithalten können, sicher gut ist. Andererseits findet ja aber auch ein regelrechter Ausverkauf statt. Bands wie Juli und Revolverheld machen es anderen deutschsprachigen Gitarrenbands schwer, noch ernst genommen zu werden. Wenn Indiemusik zum Mainstream wird, haben wir kaum noch die Chance, nicht-kommerziell wie wir sind, uns gegen die „Großen“ durchzusetzen. Die Leute müssen jetzt zweimal hinschauen, ob das, was wir machen, nun mit dem Strom schwimmt oder wirklich etwas Besonderes und anderes darstellt. Wir machen auf den ersten Blick genau das, was gerade angesagt ist, aber eigentlich wollen wir eine Alternative dazu darstellen. Wenn man da nicht die Gelder hat, ordentlich die Werbetrommel für sich zu rühren, wird man schnell übersehen.
Aber gerade jetzt ist es doch nötig, eine Basis für Künstler, der etwas individuelleren Art am Leben zu erhalten, was euch ja offensichtlich gelingt. Hat sich denn das Publikum selbst über die Jahre verändert?
Schwer einzuschätzen. Ich denke, viele sind durch den Überfluss von neuen Bands ein wenig überfordert. Das geht mir auch so. Noch vor ein paar Jahren waren neue und gute Bands im Indie-Genre vergleichsweise selten und die Bands hatten alle etwas individuelles und bemerkenswertes. Heute sind Bands gegeneinander austauschbar und vieles klingt gleich und abgekupfert. Ich glaube, das Publikum und wir fühlen uns da etwas überrannt und man verliert schnell den Blick für das Besondere. Ich könnte da jetzt eine stundenlange Abhandlung halten, weil ich mich in letzter Zeit viel damit auseinandersetze. Fazit ist, es wird einem nicht leicht gemacht, das Gespür für das Besondere zu behalten. Unser Publikum ist definitiv anspruchsvoller geworden und lässt sich nicht mit der Kopie von der Kopie abspeisen, aber so soll es ja auch nicht sein.Wie sieht es denn mit der Stadt Hannover aus? Habt ihr schon den Dialog gesucht? Die Aufrechterhaltung ist doch sicher auch von der Stadt direkt abhängig oder?
Bislang sind wir finanziell unabhängig. Wir arbeiten alle ehrenamtlich, was es uns ermöglicht die Einnahmen komplett in neue Events und Projekte wie den Sampler zu stecken. Und wir kalkulieren die Konzertveranstaltungen so, dass wir möglichst keine Verluste machen. Für größere Projekte, wie zum Beispiel das Frenchpop Festival nächstes Jahr, wollen wir jetzt aber Anträge stellen um eventuell etwas von der Stadt dazu zu bekommen. Wir suchen auch ständig nette Sponsoren, die sich zum Beispiel an den Kosten für Flyer und Plakate beteiligen und dafür ihr Logo abgedruckt bekommen oder ähnliches. Also meldet Euch!
Vielen Dank für dieses Interview!
Christian Bethge
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