schlagfertig wie sprühsahne
Dendemann und der "gottverdammte Flow"
Review/Bericht vom 30.09.2006 | Autor: beatrice
Tags: Dendemann
Review/Bericht vom 30.09.2006 | Autor: beatrice
Tags: Dendemann
Wenn Dendemann nicht eine Reise in die Vergangenheit und unter HipHop-Youngsters wert ist, welcher sich dem deutschsprachigen HipHop Verschriebene dann? Und siehe da, trotz Charteinstiegs der Pfütze des Eisbergs und VideoRotation der 3 ½ Minuten Schnulze darf man übertriebene Pimps & Homies größtenteils missen. Das tut man selbstverständlich gerne – schwitzt und ringt gemeinsam nach Luft in dem zum Bersten gefüllten Cafe Central.
Dendemann ist seit geraumer Zeit fester Bestandteil der HipHop-Szene Deutschlands – im speziellen Hamburgs - und niemals wurde in der Hansestadt rougher und (kommerziell) erfolgreicher gerhymed als Ende der 1990er Jahre. Gemeinsam mit DJ Rabauke zählte Dendemann auf Eins Zwo und sorgte 1998 mit der EP Sport für sportive Manöver unter den HipHop-Headz und Pop-Gazetten. Begeisterung, die der Longplayer gefährliches Halbwissen noch um einiges zu steigern vermochte. 2001 erschien das Zweite und bereits letzte Werk von Eins Zwo. Das Schweigen Dilemma nahm seinen Lauf und wurde 2003 per EP gebrochen. 2004 tourte er - vom Mainstream unbeachtet - über einige kleine Bühnen. Mit die Pfütze des Eisbergs meldet sich Daniel Larusso nun auf der deutschen HipHop-Bühne zurück und bietet eine echte Alternative zum die Szene beherrschenden postpubertären Zwangsvulgarismus und Ghetto-Gepimpe.
Mit cleveren Battlerhymes, herrlich weirden Texten, zitatenreich und die ganze Bandbreite der Lebens-, Ding- und Erfahrenswelt „junger Erwachsener“ (sukzessive erwachsener HipHopper) absorbierend, hebt er sich vom Gros der ChartHopper ab.
In logischer Konsequenz wird der Abend mit Denmarks Finest eröffnet, sprich mit anspruchsvoller im Old Skool verhafteter Scratcharbeit von Static. Die Raps von Nat Ill allerdings wissen – zumindest mich - nicht zu überzeugen, was wohl daran liegen mag, dass v.a. beim performeten Album Teamwork schlichtweg das Team der Gefeatureten fehlt, besonders schmerzlich misst man einen Promoe beim heimlichen Hit GetUpGetOut.
Währenddessen drückt sich Dendemann unscheinbar und nahezu unsichtbar an seinem Merch-Stand herum, hält ein Schwätzchen und entert wenig später ebenso unprätentiös die Bühne. Dendemann reiht erst mal ein paar Tracks wie eine Perlenkette, bevor er das Wort ans Publikum richtet. Kein Grund zur Beunruhigung, Deutschlands Pferdelunge ist bekannt dafür langsam aber gewaltig zu kommen und das Publikum besteht aus hinreichend Eins Zwo Fans, um dieser Gewaltigkeit zu harren.
Überhaupt gewinnt man im Laufe des Konzerts den Eindruck, dass das Publikum zu großen Teilen bereits 1998 Fan war. Vom gehobenen 20-30something Altersdurchschnitt einmal abgesehen steht überwiegend Eins Zwo Material auf der Wunschliste, aber auch der Live-Exclusive-Song Kein Platz im Tourbus wird herzhaft mitgegröhlt. Dendemeier erfüllt nahezu alle Wünsche, kommentiert und lässt mit Lieblingsmensch nicht nur Mädchenherzen in der ersten Reihe höher schlagen.
Ganz offensichtlich bemüht sich Dende null, um die Gunst des Publikums zu buhlen – klar gibt’s Wunschprogramm aber massig Ansagen geraten zu leise (Technik?) und zynische Kommentare treffen durchaus auch mal eine sich anbiedernde Person in der ersten Reihe. Zumeist nimmt er jedoch das aktuelle HipHop-Szene-Gebaren auf die Schippe. Seine Schlagfertigkeit spielt er nach der anfänglichen Warmlaufphase, voll mit und gegen das Publikum aus (nur nimmt dieses an diesem Abend den Minibattle nur selten an). Dennoch darf er das – denn da steht ein Mann, der auch sich selbst auf den Arm zu nehmen weiß und einfach nur wie ein grundehrlicher Beobachter seiner eigenen Szene wirkt.
Dass er trotz Spott dafür, am härtesten Spitten kann (hörtnichtauf) beweist er zu fortgeschrittener Stunde. Selbstredend, dass keiner im Publikum mitkann. Der Typ nebenan konstatiert zum zigten Mal an diesem Abend „Mann, is der Typ durch“. Im positiven Sinne, ganz meine Meinung.
Trotz oder wegen der dicht gedrängten, flauschig erhitzten Atmo vor der Bühne ringt man einem stimmgeschwächten Dende eine letzte echte (nach dem Rausschmissmukke-Erklingen-) Zugabe ab. Danach lässt er sich nicht mehr bitten, bietet aber einen (gewiss Volker Racho-mäßig heiseren) Schwatz am Merchandise für all jene, die sich auch weiterhin ins Gedränge werfen mögen.
Ein kleines bisschen Zeitreise war das bei aller Vogelperspektive auf zu laute Eins Zwo-Zeiten auf Jeden, aufs Stärkste unterstrichen durch den an diesem Abend verwendeten Eintrittsstempel (We’re havin’ a party my memory and me) aus dem Jahre 99. Nichtsdestotrotz hat er mit seinem aktuellen Solomaterial nichts vom Prädikat "cuts and raps mit wortwitz" und seinem livehaftigem Flow eingebüßt.
Schön, dass Diggi Dende trotz Nichtschwimmer endlich wieder im hier und jetzt und in der Rhein-Neckar-Region angekommen ist.
beatrice
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