Wie wäre es denn dieses Jahr mal nicht auf Altbekanntes zurückzugreifen, sondern Größen wie die Red Hot Chili Peppers, Depeche Mode, The Who und Manu Chao gemeinsam auf einem Festival zu erleben? Möglich war das am letzten Juni-Wochenende in Belgien.

main stage oben
Eigentlich konnte man sich dieses Jahr über die Güte der Festivals in Deutschland kaum beschweren ...

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Dennoch, es musste mal was anderes her. Also vielleicht mal einen Blick ins benachbarte Ausland werfen? Großbritannien leider wie immer zu teuer, Italien zu weit, das Sziget zu einem unpassenden Termin. Was bleibt? Vielleicht Belgien, ein zu diesem Zeitpunkt doch eher schwarzer Fleck auf der Festivallandkarte. Aber weit gefehlt. Belgien rockt und speziell am letzten Juniwochenende taten das pro Tag ca. 80.000 Zuschauer auf Belgiens ältestem Kassenschlager, dem Rock Werchter, einem Gelände ca 30 km nördlich von Brüssel.

 

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Die Preiskategorie im Rahmen von RAR/RIP, jedoch für volle 4 Tage Programm, das alle Zweifel und pessimistische Geldnöte von vornherein im Keim erstickte: Für mich hieß das Manu Chao, die Chili Peppers, die Black Eyed Peas, The Kooks, Clap your hands say yeah, Elbow, Mogwai, Muse, The Who, An Pierlé & White Velvet, Placebo, eels, Ben Harper und Depeche Mode.

dixie
Zum Eindruck, den Werchter abgesehen von der Musik machte, lässt sich sagen, dass der gesamte Ablauf, vom Campen über Wege, nahe gelegene Supermärkte, Duschen, berühmt berüchtigte Dixie-Batterien und Versorgung mit Essen & Flüssignahrung reibungslos organisiert war. Es gab von allem genug, man musste nirgends lange warten - Dank des eingeführten Bonsystems für Essen, Trinken und Duschen. Die Preise auf Campingplatz und dem Gelände um das Festival herum waren human, insbesondere wenn man bedenkt, dass man bei 80.000 Besuchern pro Tag plus die Besucher aus der Umgebung plus alle Anderen die nur zum Campen oder Trinken kamen (das ging auch ohne Festivalticket), eine Menge Geld mehr verdienen würde, wenn man das gute belgische Stella nicht für 1,50 € sondern 2,50 € verkaufen würde. Dass die Preise auf dem Festivalgelände dann doch ein wenig höher lagen, störte da wenig.

Positives zur entspannten Stimmung beigetragen hat mit Sicherheit das Wetter. Wie die Veranstalter so schön vorhersagten, gab’s das sonnigste Rock Werchter seit Jahren mit durchgehend über 30 Grad. Und damit auch Sonnenbrandgefahr und volle Sanizelte, weil sich übermäßiger Alkohol-, minimaler Wasser- und so gut wie kein Nahrungskonsum bei knallheißen Temperaturen nicht unbedingt positiv auf den Kreislauf auswirken.

Tag 1 mit Manu Chao, den Peppers und den Black Eyed Peas

 

campen
Nun aber zum eigentlichen Grund des Festivals: Musik! Das Konzertprogramm sollte eigentlich am Donnerstag mit Tool beginnen, das ließ sich aber leider ob der doch etwas längeren Anfahrt plus Zeltaufbau nicht realisieren.

einen Review von Tool bei Rock im Park als kleinen Ersatz findet ihr hier

So beginnt das Festivalvergnügen also erst mit Manu Chao und seinem Radio Bemba Soundsystem. Er betritt die Bühne wie man es von ihm erwartet: Jamaica Farben auf Kopf und an den Armen und man möchte fast glauben, die Band hätte den Sommer mitgebracht. Auf die Frage "¿Que se pasa por la tarde?", die das Konzert einleitet, gibt es eigentlich nur eine Antwort: eine riesengroße Latino-Rock-Party. Reggae und Ska vermischt mit Punkrock machen das Konzertprogramm von Manu Chao aus. Er beschäftigt sich mit Problemen in der Dritten Welt, singt für eine Lösung der politischen und sozialen Probleme in Südamerika und für die Wahrung von Menschenrechten (Clandestino). Punkrock gegen eine Globalisierung, die nur den reichen westlichen Nationen nützt und sich Materialismus und Kommerz auf die Fahnen geschrieben hat. Manu Chao widmet sich mit seinen diversen musikalischen Formationen sozialen Projekten und verarbeitet diese Erfahrungen in seiner Musik, was in Frankreich des öfteren zur Zensur seines angeblich kommunistisch revolutionären Gedankengut führte. 

manu chao

Mit La Primavera, Radio Bemba, Bienvenida a Tijuana, Clandestino, und Infinita Tristeza kommen Manu und sein Soundsystem noch rockiger rüber als auf der sowieso schon kraftvollen Live-Platte, insbesondere wenn der Spanier das Publikum und seine Band immer wieder mit ekstatischen "¿Que paso que paso?"-Rufen animiert weiterzuspringen. Verzichten mussten sie leider zugunsten der Chili Peppers, die wohl noch so einiges aufzubauen hatten, unter anderem auf  Mala Vida und Sidi H Bibi.

Weiter also mit den Red Hot Chili Peppers. Zu viel erwarten sollte man grundsätzlich  nicht, denn sie haben wahrlich schon grausige Konzerte gespielt. Doch Überraschung, auch wenn die Stimmung im Publikum nicht wirklich toll ist, die Peppers begeistern mich schon nach kurzer Zeit völlig. Die Mischung aus alten und neuen Songs ist gut gewählt und man kann den Eindruck gewinnen, dass diesmal Bassist Flea aussuchen durfte, was gespielt wird. Abgesehen von zwei mindestens 10minütigen Gitarren-Soli behält der Funk die Oberhand. Das Geheimrezept aus Punk, Funk und Rock geht auf und lässt sich auch durch eine Covereinlage von John Frusciante mit How deep is your love von den Bee Gees nicht schmälern. Meiner Meinung eine ironisch und sarkastisch absolut gerechtfertigte Aufforderung an das Publikum mal ein bisschen mehr Stimmung zu machen. Songs des neuen Albums Stadium Arcadium werden gemischt mit Hits wie Parallel Universe, By the way und Californication, aber auch mit älteren Songs über die man sich besonders freute …Me & My Friends war jedenfalls glorreich.

Auch zu beobachten ist, dass selbst die Chili Peppers, die sich wie schon in ihrem neuen Video Dani California zu beobachten als integralen Bestandteil der Rock Geschichte sehen, musikalischen Vorbilder ihren Tribut zollen. So begann beispielsweise Wet Sand mit dem Riff von The Clashs London Calling.

chili peppers
Fazit: Dass Flea und John Frusciante einfach Weltklasse sind, haben sie am letzten Wochenende überaus deutlich bewiesen und dass Frontmann Anthony Kiedis live nicht unbedingt der beste Sänger ist, wusste man schon vorher. Zusammen jedenfalls ein Erlebnis für das man sofort wieder nach Belgien fahren würde.

black eyed peas
Zum Abschluss des ersten Festivaltages, gibt es die Black Eyed Peas, die zwar recht nett anzusehen und zum mitzuwippen geeignet sind, aber doch nicht mehr als eine Routine-Show abliefern. Man mag über die Sängerin Fergie denken was man will, singen ist nicht unbedingt ihr ausschlaggebenstes Argument.  Es gibt eine Menge schauspielerischer Einlagen, akrobatische Turnübungen, Kostümwechsel, und beeindruckende Freestyles von allen Peas. Don't lie wird zum Sweet Child 'O Mine Cover und mit Where is the love können sie sicher sein, dass das ganze Festivalgelände mitsingt. Insgesamt aber kein wirklich beeindruckendes Konzert, vielleicht aber auch nach den Chili Peppers einfach schwierig.

Tag 2 mit The Kooks, Clap your hands say yeah, Elbow, Mogwai, Muse und The Who

 

pyramid marquee
Tag zwei beginnt mit der schwierigen Entscheidung Editors auf der main stage vs The Kooks im offenen Pyramidenzelt. Da man häufig mit den manchmal etwas unbekannteren Bands auf der kleineren der beiden Bühnen positive Überraschungen erlebt, heißt es ab ins Zelt und bye bye Editors.

the kooks
The Kooks erweisen sich als die richtige Entscheidung und hätten der Geheimtipp des Festivals werden können, wenn nicht gerade erst Tag 2 von 4 angebrochen wäre. Was ein Glück jedenfalls, dass sie am 20. September die Besucher der Halle 02 in Heidelberg mit ihrer Musik erfreuen werden.

The Kooks, das sind hohe Falsetto-Stimmen, kombiniert mit gierenden Gitarren, bumpernden Bässen und Reggae-Rhythmen. So wird Rock und Reggae zu groovenden  Rock’n’Roll Songs geknetet, wie beispielsweise Ooh La, Time Awaits, und You don't love me. Besonders hübsch, besonders bei She moves in her own way, die Stimme von Luke Pritchard, die irgendwie nach Schnupfen klingt.

Wie bei so vielen Bands aus Großbritannien ist die Gefahr groß auch die Jungs aus Brighton in die altbekannte Britpoprockschublade zu stecken. Doch selbst wenn die Hitsingle Naïve dementsprechend anmuten mag, die Platte reicht nicht, man sollte sich schon ein Konzert der gerade mal knapp 20 Jahre alten Engländer anschauen, die live pop’n’roll rocken und gute  Laune machen. Kein Wunder, dass auf der Insel seit Monaten die Kooksmania ausgebrochen ist. 

cyhsy
Und weil's an der Zeltbühne so schön ist, verzichtet man gerne auf Hip Hop à la Keyne West und Sean Paul im Doppelpack und lauscht Clap your hands say yeah. Das Quintett kommt aus Amerika und ist eine richtige Indieband, ohne Label mit selbst aufgenommenem und vertriebenem Debütalbum, das seit letztem Jahr immer bekannter wird. Man lauscht also melodischem Indierock, wispernd und freaky, angefüllt mit allerarten komischer Geräusche, Synthie-, Piano-, und Harfeklängen. Der lichtempfindlich-neurotische Sänger, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Bob Dylan in den 60ern hat, gewinnt mit In this home on ice die Herzen und Seelen der Zuschauer, denn allein von Kälte zu singen scheint einigermaßen gegen gefühlte 50 Grad Celsius im Zelt zu helfen. CYHSY erfreuen eine Stunde lang mit ohrenschmeichelnder, intelligenter Musik. Viele der Songs sind nahezu perfekte Kombinationen von Mundharmonika, chaotischen Rhythmen und einer einprägsamen Stimme, krächzend und auch wieder nicht - irgendwo zwischen Pattie Smith und Bob Dylan. Schon auf der Platte hervorstechend ist  The skin of my yellow country teeth, auch live einer der Glanzpunkte. CYHSY werden es hoffentlich auch ohne Pressekampagnen und Promoapparat zu größerer Bekanntheit schaffen. Alles irgendwie erfrischend und eben zum in die Hände klatschen. Mein Favorit des Festivals.

elbow
Mit Elbow als nächstem Act in der Pyramide war nicht mehr ans Gehen zu denken (der einzige Grund wäre das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien gewesen, doch nirgends eine Leinwand zu sehen, und kein Enthusiasmus für die WM auf Seiten der Belgier und auch nicht auf meiner…). Schon bei der Ankündigung als der Act des Tages gefeiert, bieten die 5 Engländer ein wirklich schönes Programm. Vor zwei Jahren noch als Support für Muse auf Tour, sprechen sie spätestens seit ihrer neuesten Platte ein größeres Publikum an, was sie auch hoffentlich vom Klischee erlösen wird „the poor man’s Coldplay“ zu sein. Vielleicht schaffen sie es sogar Coldplay zum „poor man’s elbow“ zu erklären. Gitarrenrock, der zündet und manchmal auch jammert, aber doch immer wieder knallt, vor allem bei Red und Fugitive Model.

Ergibt man sich nun nach einem halben Tag guter Musik im Zelt doch dem Mainstream um Live endlich mal live zu hören oder genießt man Mogwai? Die Frage erübrigt sich während des Umbaus, denn man hört Live in voller Lautstärke von der main stage herüberschallen und sie spielen was man schon seit Ewigkeiten auf Platte hat, auswendig kann und was auch nicht unbedingt anders klingt. Spontane Entscheidung für in die Sonne legen und Mogwai lauschen.

mogwai
Die Richtige Wahl. Berühmt für ihren bizarren Sound, fängt das Konzert mit Yes! I am a long way from home und friend of the night sehr ruhig und melodisch an. Viel Klavier, bevor Mogwai mit Ithica wie ein Gewitter über die Massen hereinbricht. Mit Glasgow Mega Snake, dem wildesten und intensivsten Stück der neuen Platte Mr. Beast geht es in dem Stil weiter. Auch wenn das Konzert insgesamt stiller ist als man normalerweise von Mogwai gewohnt sein mag, muss man nicht auf Mogwai fear Satan verzichten und nach dem überwältigend lauten Abschluss mit We’re no here will Werchter sie gar nicht mehr gehen lassen.

Weiter geht's mit dem großen Radio Soulwax Circus presenting Vitalic, And did we mention our disco, Nite versions, Tiga und 2 Many DJs, die man noch ein bisschen mitnehmen kann bevor das Headliner-Programm auf der Main Stage mit Muse und The Who losgeht. Aufmerksam genug für versierte Kommentare zum Konzert war ich nicht, deshalb lest lieber hier den ausführlichen Bericht von Soulwax in der Alten Feuerwache vor noch gar nicht allzu langer Zeit.

the who
Muse auf der Hauptbühne muss gar nicht viel machen um Stimmung ins Publikum zu bringen, die Menge scheint schon vor Auftritt der Engländer nahe eines Kreislaufkollaps zu sein. Dennoch, mit Bliss, den stärksten Songs Starlight und Plug In Baby des neuen Albums Black Holes and Revelations spielen sich Muse die eigene Eröffnungszeremonie ihres Konzertes auf höchstem Niveau und schaffen gleichzeitig ausreichend Beschäftigung für die Sanitäter. Matthew Bellamy kam, sah und siegte, vor allem mit Bekanntem wie Stockholm Syndrome, Hysteria und Time is running out, auch wenn mir das Konzert an mancher Stelle zu rockig war und ich die ruhigen Klaviersoli vermisst habe. Highlight war auf jeden Fall Feeling Good.

Dass an diesem Abend noch The Who spielen würden, konnte man schon den ganzen Tag an dem großen Teil englischsprachiger Festivalbesucher in den 60ern erkennen, und so passiert es dann auch, dass einige der eben erwähnten während der ersten Takte verträumt in den Himmel schauen und sich wahrscheinlich an ihre Jugend erinnern und der größere, andere Teil Luftgitarre spielend jede einzelne Zeile lautstark mitgrölt. Ist schließlich ein Stück Rockgeschichte, was da geboten wird ... die erste Rockoper Tommy, The Whos Auftritt in Woodstock oder das Live at Leeds-Album ...

an pierle

Pete Townshend und Roger Daltrey beweisen, dass man auch im Alter nicht verlernen muss zu rocken. Sie beginnen das Set mit I can't explain, The Seeker und Anyway, anyhow, anywhere und schon nach kurzer Zeit war klar, dass Rogers Stimme nichts von ihrer Einmaligkeit eingebüßt hat. Das Duo wird unterstützt von Pino Palladino am Bass, Zak Starkey am Schlagzeug , Simon Townshend an Gitarre und  John "Rabbit" Bundrick am Keyboard

Wenn auch das stolz erreichte Alter der Beiden musikalisch nicht festzustellen war, kann man es vielleicht doch daran festmachen, dass Daltrey sich Kräutertee auf die Bühne bringen lässt  („it's what's in the tea that's important“) und Pete den Ausfall seines Materials selbstironisch kommentiert („my equipment is like my body: a little creaky“). Bargain, Behind Blue eyes (“this is no Limp Bizkit song”) und Good looking boy sind ebensolche Highlights wie Petes Akkustik-Solo I'm One vom legendären Konzeptalbum Quadrophenia. Von dort aus geht's dann auch schon in Richtung Finish. Ein paar Lieder der neuen Platte, die Ende September erscheinen soll, die sich nahtlos an die alten The Who Songs anzuschließen scheinen, gefolgt von Baba O' Riley und dem poppigen Kids are allright. Und was Pete schließlich während My generation und Won't get fooled again mit seiner Gitarre macht, ist ebenso kaum mit Worten zu beschreiben wie Rogers Mikrophon-Herumgewirbele. Abgesehen davon ist es natürlich lustig das Duo Talking ‘bout  my generation singen zu hören, während das Publikum teilweise eher das Alter ihrer Enkel hat. Und es gibt sie immer noch, trotz der Tatsache "that people try to put us down". "Hope I die before I get old" hat sich glücklicherweise auch nicht bestätigt. Als Zugabe gibt's dann noch Substitute aus der Rockoper Tommy, Pinball Wizzard und see me, feel me. Als die beiden schließlich nach Verbeugung und Dank ans Publikum Arm in Arm die Bühne verlassen, wirkt das beinahe rührend. Kameradschaft in bester Rockform auf ewig!

Tag 3 mit den Kaiser Chiefs, An Pierlé & White Velvet, Franz Ferdinand und Placebo

Tag 3 beginnt mit Wolfmother (lest hier den Bericht vom Southside) gefolgt von den Arctic Monkeys (auch hier sei ein anderer Bericht empfohlen) und den Kaiser Chiefs, die mit  Everyday I Love You Less And Less, Born To Be A Dancer, I Predict A Riot  und Take My Temperature  doch schon einige Hits von ihrem Debutalbum Employment vorzuweisen haben. Die Jungs aus Leeds bieten topgestylt eine Show, die selbst bei der drückenden Hitze noch zum Springen animiert. Besonders die Songs des neuen Albums überzeugen sofort – als hätten die Häuptlinge tatsächlich nur das Beste ihres ersten Albums weiterbenutzt. Besonders Everything Is Average Nowadays wird sofort begeistert aufgenommen und ist auch gleichzeitig der Höhepunkt des Konzertes.

franz ferdi
Weil man sich nicht die ganze Zeit an der Hauptbühne herumtreiben sollte, geht es unter dem Zeltdach weiter. An Pierlé & White Velvet bieten verträumt Gewaltiges. Die sympathische, blonde Sängerin, die irgendwie sehr unscheinbar wirkt, wird am Klavier und Akkordeon zu einer kleinen Fee, die verzaubert. So sehr, dass ich tatsächlich die Hälfte der Raconteurs, die ich doch unbedingt sehen wollte, verpasst habe. Aber wie schon viele Male zuvor: Gute Entscheidung. Nach 3 Jahren, 10 Platten und etlichen früheren Auftritten bei Rock Werchter ist die Frau aus Antwerpen schon zur festen Festivalgröße avanciert ohne an Kreativität zu verlieren, wie man überall um mich herum bewundernd feststellt (Ich bilde mir tatsächlich ein, ein wenig Niederländisch gelernt zu haben). Seufzend und stöhnend, schreiend, headbangend und keuchend - An Pierlé mit Band war auf jeden Fall ein Erlebnis.

Zum kurzen Anhören der Raconteurs lässt sich sagen, dass man Jack White ja schon von den White Stripes kennt und überrascht sein wird, dass er in dieser neuen Formation Musik macht, die die 80er und 90er einfach knallhart abschafft und zurückkehrt zu den Beatles und Led Zeppelin. Ihr Programm endet mit den Covern Bang Bang (My Baby Shot Me Down) aus Kill Bill von Nancy Sinatra. Außerdem It Ain't Easy Is, ein Klassiker von Ron Davies, und Samuel Sin ausgeliehen bei Danko Jones.

placebo
Franz Ferdinand im Anschluss machen Spaß und Freude aber hören sich auch nicht besser an als auf den Konzerten der letzten Jahre und viel Neues gibts ebenfalls nicht. Dass um diese Zeit gerade England rausfliegt, interessiert die Schotten wenig, dafür aber große Teile des Publikums um so mehr…

ben harper
Mit Placebo gegen 21 Uhr war die Stimmung am Siedepunkt. Alle Portugiesen und Engländer an der Grenze des möglichen Bierkonsum, alle Spanier aus Solidarität auch und das restliche Publikum passt sich da an. Placebo betreten die Bühne und spielen ein tolles Set. Viele Songs des neuen Albums, verzichtet wird aber auch nicht auf Song to say goodbye, every you every me, bitter end, 36 degrees, special K und twenty years mit dem sie auch schon bei Live Aid überzeugten. „Ladies and Gentlemen of Rock Werchter“: Placebo.

Danach gabs Sigur Rós zum entspannten Relaxen - 

(einen kompletten Konzertreview findet ihr hier (2006) oder hier (2003)

Und am Ende des vorletzten langen Festivaltages dEUS. Heimspiel für die Belgier am Tag des Fußballs sozusagen.

Tag 4 mit den eels, Ben Harper, den Scissor Sisters und Depeche Mode

Der letzte Festivaltag wird mit den eels eingeläutet, die ich nach diesem Konzert auf Platte lieber mag als live, was aber auch einfach an der unerträglich gewordenen Hitze liegen könnte. Auf der Bühne sehen sie aus wie ZZ Top mit noch mehr Bart und wenn sie das Publikum mit Handschlägen beglücken, tragen sie Aids-Handschuhe. Die eels sind an diesem Nachmittag eine Rockshow: Scheuernde Gitarren, lange Jams und eine Handvoll unbekannterer Songs.

Depeche Mode
Dann betritt einer der Höhepunkt des Festivals die Bühne - aufs Beste abgestimmt mit Wetter, Zeit und Zustand - Ben Harper and the innocent criminals. Ein Mann, vor dem man auch was Texte und Motivation betrifft, nur den Hut ziehen kann. Wenn er dann noch anfängt zu spielen ... überträgt sich diese unglaubliche positive Aura sofort auf das ganze Publikum. Rootsrock, Boogie und Reggae machen die Mischung.. Kisses, mit einer gesanglichen Meisterleistung des Bassisten, sorgt für spontane Volksfestatmosphäre und Jah works/ Exodus befördert das Publikum noch viel weiter ins Sorglosuniversum von Ben Harper.

Auf der Zeltbühne kriegt man vor den Scissor Sisters noch einen kurzen Eindruck von den arroganten Engländern von Hard-Fi und man fragt sich das ganze Konzert nicht mehr ob sondern wie viele und welche Drogen der Sänger wohl vor seinem Auftritt genossen haben mag. Auf die Sprechfähigkeit hatte es jedenfalls eine durchschlagende Wirkung. Nichtsdestotrotz ein ansteckendes Rockkonzert.

Die Scissor Sisters im Anschluss machen eine Show, die oftmals direkt unter die Gürtellinie trifft und man mag über die Notwendigkeit eines Showkonzeptes denken was man will: der Anfang des Konzertes bietet Lieder mit Country-Anleihen und erhöhter Tanzbarkeit, die wegen mir gerne den ganzen Gig hätten ausmachen können. Aber leider rutscht alles doch mehr und mehr und trotz Zeltbühne ins Mainstream-Poppige ab. Und Bands, die jedes Publikum als ihr Bestes bezeichnen, misstraue ich prinzipiell.

feuer depeche mode
Depeche Mode als letzte Band dieses Konzertmarathons spaltet scheinbar das Publikum, denn viele gehen schon vor oder während des Konzerts. 80er Synthie-Pop mag halt nicht jeder. Dennoch sind Depeche Mode kein kleines Stückchen Musikgeschichte und mit ihrem neuen Album noch überzeugender als mit den alten Discoklassikern. Dass der Funke vielleicht nicht bei jedem überspringt, liegt sicherlich nicht an den aufwändigen Videoinstallationen, die Kunstcharakter annehmen und auch nicht an der Lichtshow, sondern vielleicht einfach am müden Zustand nach 4 Tagen Musik, Zelten und Hitze. Ob Playback mit im Spiel ist, sorgt für Diskussion in meiner näheren Umgebung, aber was Dave Gahans Stimme vielleicht tatsächlich nicht mehr kann, macht er mit seiner Bühnenperformance allemal wett.

So, das war’s für dieses Jahr mit Werchter und alles endet in einem wunderschönen Feuerwerk. Da fahre ich nächstes Jahr wieder hin.

Sabina Englert

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