wer nichts wird, wird wirt

Pohlmann - Interview mit dem singenden Barmann

Interview vom 29.06.2006 | Autor: Patrick Jung

Tags: Pohlmann  

Jack Johnson und Stefanie von Silbermond finden den gut. Bei Rock am Ring hat der gespielt, und unglaublich viele Leute fanden den dann auch total super, kaufen seine neu erschienene Single "Wenn Jetzt Sommer Wär", und der wird dann unermesslich reich und berühmt. Wir geilen Säue von regioactive.de wussten das natürlich alles schon lange vorher, deshalb haben wir „bevor der ganze Hype losging“ ein Interview mit dem gemacht, damit ihr alle mal sehen könnt, wie der vorher war!

Bevor den alle gut fanden war der mal ne Zeit lang Kellner in der Hamburger Szenebar BP, wo der dann irgendwann mal seine Gitarre rausgeholt hat und den Leuten, die damals noch gar nicht wussten, dass sie den gleich total gut finden würden und dass den irgendwann mal unglaublich viele Leute total gut finden würden, was vorgespielt hat. Damit immer mehr Leute wissen können, dass sie den total gut finden, müssen die den ja erst mal hören, und dafür war der dann vor der Sommertour auf Frühlingstour und da haben wir den dann interviewt. Mit nem Bier in der Hand. Und zuerst haben wir den nach diesem ganzen Bar-Zeugs befragt.

Ich habe im Tourtagebuch deine „Bargeschichten“ gelesen. Bars scheinen schon ein Kosmos zu sein, in dem du dich wohlfühlst, sehe ich das richtig?

Auf jeden Fall. Ich bin immer jemand gewesen, der sich nach dem Gig an die Bar setzt und ein Bier trinkt oder, wenn man die Möglichkeit hat, sich noch mal hinsetzt und abschaltet. Das Interessante sind, wie ich auch auf der Homepage erwähne, die Leute, die man da kennenlernt. Eine Hotelbar ist etwas völlig anderes als ne Bar, wo man rausgeht und sich vergnügt und deswegen auch losgeht. In die Hotelbar gehen die Leute, die oben ihr Bett haben und spontan noch nen Absacker trinken oder gucken was da los ist, weil sie irgendwie nicht schlafen können. Da kommen dann solche Geschichten zustande, wie ich sie beschreiben habe. Für mich ist dieses Rotlichtmilieu in Hamburg auch immer interessant zu beobachten gewesen.

Du hast, wie man sich das von einem Barmann vorstellt, dir die Geschichten der Leute, die du da getroffen hast, in aller Ausführlichkeit angehört. War das wirklich der klassische Barmann-Automatismus oder bist du wirklich neugierig auf Menschen bzw. ist es dir wichtig wirklich ernsthaft zuzuhören und nicht nur so zu tun als ob?

Wenn ich merke, dass eine Situation besonders wird. Aufmerksamkeit kostet manchmal Energie, d.h. sich selber irgendwie loslassen, sich selbst nicht mehr im Mittelpunkt sehen und das, was da um einen herum passiert, wahrnehmen, um letztendlich beschreiben zu können, wie das denn so war. Das habe ich auch nicht gemacht. Ich glaube, es passieren eine ganze Menge spannender Dinge, wenn man genau hinguckt, aber oftmals ist man so sehr mit sich selbst beschäftigt, das eigentlich das Leben so an einem vorbeizieht. Diese drei Geschichten, das war eine sehr schöne Tour, und ich war Feuer und Flamme, überdreht und heiß, und so passiert es, dass man sehr viele solcher Situationen hervorruft, indem man einen offenen Charakter hat und dann eben Menschen kennen lernt. Es ist auch oft so auf Tour, dass deine Stimme morgens scheiße ist, dann hast du eine Kacklaune, denkst den ganzen Tag, klappt der Gesang heute Abend oder nicht. Dann gehst du an Menschen vorbei und lernst sie nicht kennen und jeder bleibt für sich. So ungefähr kann man das beschreiben

Angenommen, du hättest jetzt Gelegenheit, dir deine eigene Bar einzurichten, wie würde die aussehen, welches Publikum würdest du gerne anziehen, was wäre geboten und wo wäre sie?

Wer nichts wird, wird Wirt! (lacht) Ich finde, die Bar, in der ich gearbeitet habe, das BP, das finde ich schon nen abgefahrenen Schuppen! Mir ist wichtig, dass verschiedene Leute da sind, verschiedene Altersklassen, mir ist wichtig, dass gute Musik läuft, was ich unter guter Musik verstehe (lacht) und dass die Musik laut sein darf. Im BP hat man Probleme mit den Anwohnern, d.h. in meiner Bar müsste tierisch der Punk abgehen dürfen nachts um drei, ohne dass man Probleme kriegt. Es müsste was möglich sein mit Livemusik. Das Publikum, das müssten möglichst unterschiedliche Leute sein, von den Stylos, den Schönen bis zu den Kaputten. Eine gute Bar hat das zu bieten. Ich mag Bars nicht, wo nur die Schönen und Tollen rumhängen oder eine Bar, wo alle nur total kaputt sind, so bukowksi-mäßig (an dieser Stelle hätte Laz von Ill Niño sicher Einspruch erhoben). So etwas habe ich mir früher gerne angeguckt, aber das fand ich dann zu voyeurmäßig. Es ist wirklich schön, wenn man in einer Kneipe ist, wo Leute verschiedenster Richtungen sind und sich austauschen, und da passieren dann eben auch Dinge an der Bar, die spannend sind.

Letzte Gastrofrage, bevor wir das Thema wechseln: Wenn du einen Drink mixen oder einfach nur servieren solltest, der schmeckt wie deine Musik, was würdest du da kredenzen?

(lacht) Boah, alter Schwede... hm, einen Cuba Libre. (danach kommt ihm als weiterer Einfall „Whiskey, Wodka und Rum“, den alle Anwesenden so brüllend komisch finden, dass die Übersteuerungsanzeige des Aufnahmegeräts nach Minuten des hoffnungslosen Kampfes die weiße Flagge raushält. Zu erkennen sind aus diesem Gute-Laune-Anfall nur Fetzen wie „ich gehe jetzt einfach mal davon aus, was ich gerne mag, aber ich weiß nicht, ob das irgend jemand trinken könnte...“) Cuba Libre ist gar nicht so schlecht. Ich habe darüber mal mit einem Südamerikaner gelabert, da ist mir aufgefallen – vielleicht weiß das auch schon jeder und ich oute mich als doofer Kellner –: beim Cuba Libre ist der Rum Cuba, das ist der Kommunismus. Die Freiheit, der Kapitalismus ist die Coca Cola. Auf die Musik bezogen: Irgendwie kann man sagen, ich versuche keinen Mainstream zu machen, was die Coca Cola wäre, und der Rum wäre vielleicht das Eigene, dass ich ich selbst bin. Aber ich möchte mich selbst irgendwie schon so ausdrücken, dass man es verstehen kann. Ich mache keine in mich gekehrte Radiohead-Musik. Radiohead wäre Rum pur.

Und was wäre Cola pur?

Superstars.

Soviel zum Thema Saufen. Was Pohlmann über erdige Musik, Natur, Imagewandel, Heimweh und Fernsucht, Vampire, den Sommer, böse Gesichter, Cyborgs, Selig und Musikstudiumzu sagen hat und an welche wunderliche Orte es Interviewten und Interviewer im Verlauf des Interviews verschlagen hat, erfahrt ihr demnächst hier.

Wie wäre es, die Zeit zu überbrücken mit dem CD-Review von Pohlmanns Debüt Zwischen Heimweh und Fernsucht?

Und vielleicht auch noch mit dem Bericht vom Konzert im Vorprogramm von Xavier Rudd, in dessen Rahmen das Interview statt gefunden hat?

Aus „demnächst“ ist mittlerweile „mittlerweile“ geworden und der Link zu jenem sagenumwobenen Interview befindet sich exakt an ==> dieser <== Stelle.

Patrick Jung

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