kleiner erlebnisbericht

Dicke Arme & Mückenstiche - 1x Backstage & zurück

southside 2006 sec

Kommentar vom 27.06.2006
Autor: Gerald Merkel
Tags: Southside  

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Für mich persönlich erst mal eine Erfahrung, die ich bislang gottlob noch nicht machen musste: Kontakt zum Sanitätspersonal eines Festivals, zumal solche Kontakte ja gewöhnlich sehr einseitig ablaufen: Muntere Sanis kümmern sich um mehr oder minder bewußtseinsgetrübte Partykanonen. Zwei Tage nachdem mich ein geflügeltes Vieh, das ich in dieser Form weder hierzulande noch bei Ausflügen in fremde Galaxien, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat, wahrnehmen musste, mich in den Arm stach, ist mein rechter Unterarm auf geradezu obszöne Größe angeschwollen. Und da ich gerade am Sanitätszelt vorbeikomme, als ich den Kollegen helfen ihren Vorrat an französischem Büchsenbier und Trockeneis (Vorsicht: Oft oben lauwarm und unten Eis – nicht unbedingt für Coinesseure) vom Parkplatz zum Zeltplatz zu wuchten, beschließe ich spontan die geschwollene Runkelrübe, die einst mein Unterarm war, dortigem Fachpersonal vorzuführen. Zumal ich mittlerweile nicht mal mehr die Faust ballen kann - und was soll man auf einem Festival, wenn das nicht mehr geht? Eben.

Dort wird sorgenvoll die Stirn in Falten gelegt, in Ermangelung genauerer Kenntnis mich in den Rettungswagen verfrachtet und zur Ärztestation verfrachtet – unspektakulär, ohne Blaulicht. Dorten angekommen – im Backstagebereich, den ich von Interviewterminen in vergangenen Jahren erkenne - eine Kunde, die die neben mir sitzende Blasenentzündung wenigstens etwas aufheitert – gute Besserung noch mal -, wird erst mal gewartet wie immer vor Arztbesuchen. Staunend nehme ich zur Kenntnis wie ein junger Mann, der sich den Fuß zerschnitten hat, mit blutendem Verband und Plastiktüte drüber zu Fuß (!) zurück zum Festivalgelände geschickt wird. Mag aber auch daran gelegen haben, dass er möglicherweise den Krankenhausaufenthalt verweigert hatte aber dennoch die Ärztin lautstark und unbedingt zum Essen ausführen wollte (fraglich zu was: zu Dosenravioli?).

Nach erfolgter Behandlung (Voltaren-Salbe und Verband: Das hätte ich mir sparen können. Aber immerhin ist mein Gewissen beruhigt. In deutscher Gründlichkeit (und die gibt’s immer noch, auch wenn plötzlich sogar Engländer und Niederländer deutsche Partytauglichkeit, Feierlaune und den geradezu sprichwörtlichen deutschen Humor entdeckt haben) sind die offiziellen Wege zur Gesundung beschritten und es kann nun hoffentlich munter gefestivaled werden. Den Rat, den Arm aus der Sonne zu halten, versuche ich kurze Zeit später durch Besuche von Wolfmother und Blackmail auf der Zeltbühne, einzuhalten.

Zunächst aber zurück zum Zeltplatz, wo sich die Meinen sicherlich kummervoll um mich sorgen (sie sorgen sich allerdings eher um das richtige Kühlungsverhältnis von Trockeneis und franz. Dosenbier, und um das zu Testen sind Etliche zwar bereits voll, aber nicht des Kummers). Auch von mir muss dieser Weg zu Fuß bestritten werden, obwohl ich keinerlei Behandlung verweigert habe (gut, abfällige Bemerkungen über die Allzweckwaffe Voltarensalbe mögen meinem Mund entglitten sein ...) und auch weder Sanis noch Ärztin zum Essen ausführen wollte. Gerade weil des Weges kundig, halte ich direkt auf das Festivalgelände zu, darauf vertrauend, dass mein blaues Pressebändchen mir direkten Zugang zum Zeltplatz verschafft. Guckste wohl. Die beiden Securitiys lassen mich ohne (noch nicht im Pressezelt abgeholten) zusätzlichen Presseausweis nicht durch. Noch mal, zur geografischen Verortung: Ich bin Backstage und darf vom Backstage nicht auf den stinknormalen 0815-Null VIP-Pleti&Kreti-Zeltplatz. Dazu muss ich erst durch den ganzen Backstage stiefeln, um im Pressezelt den zusätzlichen Ausweis zu holen. Dann würden sie mich durchlassen. Mal abgesehen davon, dass der Weg durchs Festivalgelände vom Pressezelt aus direkter wäre: Das ist natürlich nur theoretisch, denn einmal im Pressezelt dürfte ich auch mit Bändchen und Ausweis nicht zurück in den Backstagebereich. Von dem ich dann aber auf den Zeltplatz dürfte. Alle klar?!? Und so schreite ich, über die wundersame Farbbändchenhierarchie bei derartigen Events sinnend, munter pfeifend durch den gesamtem Backstagebereich und wenn ich recht gesehen habe, hätte ich versuchen können die kleinere der beiden Bühnen zu entern, da war niemand auszumachen, der mir im Weg gewesen wäre. Was ein Glück, dass ich wirklich nur zum Zeltplatz wollte und keinerlei Bedürfnisse mit mir trug mehreren Tausend Menschen meinen verbundenen Arm oder gar Interessanteres meiner Physiognomie zu zeigen ...

Der Verband hat übrigens gehalten wie Drei Wetter Taft und mein Arm sieht zumindest wieder so ähnlich aus wie früher. Aber den Presseausweis hab ich noch am selben Abend bei den Hives verloren ...

Gerald Merkel

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