azad massaker tötet den beat

Azad: Game over Tour 2006

azad

Review vom 31.05.2006
Autor: Jonathan Cordero
Tags: Azad  

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Azad war mit seiner Armee aus Bozz-Musikern (seinem eigenen Label, als Sublabel von Universal) einen ganzen Monat lang unterwegs, um mit der Faust des Nordwestens ordentlich zuzuschlagen.

Jeyz  -  mit gebürtigem Namen Jesue Cacciatot - fungiert mittlerweile als sicherer und verlässlicher Partner von Azad im Main Backup und hat die zweifelhafte Ehre am gestrigen Dienstag (30.Mai) die Rapschlacht - obwohl kein Battle - im beinahe ausverkauften Heidelberger Karlstorbahnhof zum Abschlusskonzert der Game over Tour 2006 zu eröffnen

Käsekenners Jonesmann (Samson Jones) Charterfolg „Fick Dich“ schlägt auch beim Publikum ein wie eine Granate und ist eine gelungene Abwechslung zum derben Street-Rap des Vörgangers. Rap-Gesangs-Flow, eine schöne balladige Hook und dann eben der besondere Kraftausdruck in einem soft gesungenem Song lassen SJ mal etwas anders als die anderen Bozze dastehen. Jonesmann promotet  fieberhaft sein Debütalbum "In dein Mund", das am 2. Juni erscheint. Auf dem Mixtape befinden sich bereits veröffentlichte Tracks, sowie 5 exklusive Songs. Features gibt es von Real Jay, Sti, 34ers, Blaze, Criz, Peedi Crakk, Flashy Freddy, Illo, Olli Banjo und gemixt wurde das ganze von DJ Dime. Zu dem Track "Auf dem Feld" wird es demnächst auch ein Video geben.

Nach kurzer Umbaupause und haufenweise Kunstnebelschwaden stept schließlich Moses´ Pelhams Ziehsöhnchen Azad Azadpour aka der BOZZ, wie er sich gerne nennen lässt, ans Mic, begleitet von haufenweise erhobenen Armen und Geschrei im Publikum, was einen in Anbetracht der Videoprojektion im Bühnenhintergrund, auf der Kriegsszenen des 2. Weltkrieges gezeigt werden auch in selbige Zeit zurückversetzt.

Dem Vorurteil heutiger Hip-Hop sei reaktionär, gewaltverherrlichend, frauenfeindlich, sexistisch, und fördere dadurch unter anderem die Jugendkriminalität, Aggressivität, Passivität und generelle Gewaltbereitschaft, entzieht Azad nur bei sehr sehr genauer Betrachtung seiner Lyrics die Grundlage. Statt der Verbesserung der sozialen Lage der eigenen Community, bei deren Beschreibung Azad und seine Crew in Selbstmitleid fast zerfließen, strebt der angehende Hiphopstar (in Interviews äußert er gerne, dass ihm niemand das Wasser reichen kann und eine große Community teilt diese Ansicht) keine weiteren Ziele mehr an als ein gefülltes Bankkonto, Drogen und Frauen (mal nett ausgedrückt), sowie ein möglichst "Gangster"-mäßiges Image (Kleidung, Auftreten, Äußerungen), aber da ist Azad ja kein Einze(l)lfall.

Wenn er sich mal nicht selbstverherrlichend auf der Bühne produziert oder vom Publikum seinen Namen oder Labellnamen oder gar absurde Zahlen, deren Sinn wohl nur Insidern vorbehalten ist, buchstabieren lässt, kann es sogar bei Mr. Massaker sentimentaler zugehen, denn genauso hart wie seine Lyrics und seine Disstracks gegen Sido (Aggro Berlin), dem er nicht nur verbal den Hintern versohlt, war seine Kindheit. Diese Songs handeln dann vom kalten Beton und den widrigen Umständen der Plattenbauten in „Krankfurt“ oder Bankfurt, wie Azad die Mainmetropole nennt.  Seine aktuelle Single „eines Tages“ performt  Azad leider ohne Glashaus-Sängerin Cassandra Steen – die kommt nämlich nur von der Platte. Special Guest und besondere Überraschung des Abends ist King Kool Savas persönlich, allerdings und leider nur für einen Song.

DJ Dime (hau rein!) liefert abgrundtiefe Beats, fette Loops und Samples, die einem die Magengrube erzittern lassen, oder die einen dank Maschinengewehrsalven und dem metallischen Klicken von durchgeladenen Handfeuerwaffen direkt auf das Schlachtfeld oder zumindest ins tiefste Ghetto katapultieren – Harlem ist ein Kindergeburtstag dagegen. Sein Gangsterimage pflegt der Warrior auch mit gleich zwei muskulösen Securities, die auf der Bühne Leib und Leben des Rappers schützen sollen. Diese Sorge scheint durchaus angebracht, liegt doch der Altersdurchschnitt des Publikums schon kurz über der Pubertät. Ein Großteil ist im genreüblichen Dresscode gekleidet: Männer/Jungen in extrem weiten Hosen und Oberteilen, als üppig Erscheinung, fast schon barock mit vielen wuchtigen Emblemen und auffälligen Accessoires. Frauen präsentieren sich in sexy engen und körperbetonten Kleidern.

Wer die Texte ignoriert und wen das pimpige Auftreten der „Stars“ nicht stört, oder wem das sogar gefällt, bekommt von Azad und seiner Bozz-Crew eine geniale Show geboten.  Absolut glasklare Raps (nicht das Genuschel, das wir von unseren afroamerikanischen Freunden kennen) und Beats, die unter Haut oder zumindest durch Mark und Bein gehen, gepaart mit Light- und Videoshow, die sich sehen lässt. „Seine Freunde“ vernächlässigt Azad keine Sekunde. Mineralwasserduschen inklusive – er hält ständig Kontakt zum Publikum und findet auch nach der Show noch Zeit für Autogramme. Dem Publikum gefällt's und schließlich werden zu Ehren des Bozz  auch kurdische Flaggen und Fähnchen ausgepackt.

 

Jonathan Cordero

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