eine band, für die man auch mal seinen hintern verkaufen kann ...

Grossstadtgefluester muss laut sein

Review/Bericht vom 23.05.2006 | Autor: Charlotte Luther

Tags: Grossstadtgefluester  

grossstadtgeflüster
Es gibt Konzerte, die sind einfach anderes. Da liegt etwas in der Luft, das keiner so genau zu beschreiben vermag. So auch beim Konzert des Elektropop-Duos Grossstadtgeflüster (um allen Nörglern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen – die Schreibweise mit den drei ‚s’ ist die Richtige) im Substage in Karlsruhe.

Irgendetwas schwebt da über den Köpfen der knapp 20 Konzertbesucher untertage herum. Nervosität? Vorfreude? Elektrische Spannungen? Oder gar eine Kombination aus alledem und noch viel mehr? Ich persönlich plädiere für letzteres. Schließlich ist es die erste eigene Tour von Jen und Raphael als Hauptact und da ist es kein Wunder, dass der Raum wie elektrisiert scheint, denn auch das Publikum weiß noch nicht, was es erwartet. Vielleicht kennen sie keinen Song, vielleicht einen, vielleicht auch das ganze Album „Muss laut sein“ oder aber sie durften die beiden schon im Vorprogramm von Paula begutachten. Doch Genaueres bleibt ungewiss. Na dann, wird es Zeit, dass es losgeht mit „Grossstadtgeflüster“.

Feine Elektrobeats, fette Bässe und 80er Synthiesounds schießen aus den Boxen, während Jen, in einem extrem stylischen roten Adidas-Overall, und Raphael mit Basecap und weißem Hemd, in Begleitung eines Drummers noch etwas zittrig daher kommen. Doch gegensätzliche Emotionen liegen bekanntlich dicht beieinander und so wird aus Aufregung schnell unbändige „Lust“. Lust an ihrer Musik, Lust am Tanzen und Lust am Schauspielern. Ja, am Schauspielern! Jen hat richtig Spaß daran, sich in ihren Songs immer wieder neu zu erfinden. So spielt sie bei „Bassboxxx“ eine kleine Fetischmaus, die die Vibrationen der Bässe benötigt, um ihren sexuellen Höhepunkt zu erreichen, bei „Meine Freundin, die Maschine“ eine, wie sollte es auch anders sein, Roboterdame und bei „Luft und Liebe“ darf man Jen bei ihren Thai Chi-Übungen beobachten. Attitüden, wie verspielt, arrogant, erotisch, lasziv, naiv, kindlich oder einfach nur laut und direkt, sind für diese Frau scheinbar keine Herausforderung. So facettenreich wie ihr Auftreten ist auch die Stimme der Berlinerin. Sie ist vielschichtig, ohne quietschig oder schrill zu klingen. Songs, die auf dem Album ruhiger oder poppiger, wie beispielsweise ihre aktuelle Single „Liebe schmeckt gut“, gestrickt sind, werden auf der Bühne mühelos in tanzbare Tracks umgesetzt.

grossstadtgeflüster
Highlight des Abends ist der rotzig provokante Song „Ich muss gar nix“. Von den deutschen Radiosendern wegen des wiederholten Gebrauchs des Wortes „ficken“ nicht gespielt, avanciert dieser Song mit seiner Frei-Schnauze-Haltung zum Lieblingsstück des Publikums. Da sollte man sich doch als aufmerksamer Musikrezipient fragen, warum wird in englischsprachigen Songs das F-Wort nur mit einem Piepsen übertönt, während die Texte viel schlimmere „Sachverhalte“ darstellen dürfen? Und deutsche Songs, die das Wort f**** benutzen, dürfen nicht mal mit dem allseits beliebten Piep gespielt werden? Verkehrte Welt in der deutschen Radiolandschaft.

Zurück zu Grossstadtgeflüster: Nicht nur ruhige und laute Songs werden im Substage in perfekte Harmonie gebracht, sondern auch der schwierige Grad zwischen Show und Natürlichkeit wird sicher ausbalanciert. Mit einem charmanten hanseatischen Lächeln von Raphael wird das Faktum „Scheiße, jetzt hab ich das Ende verkackt!“ und die Tatsache, dass er bei der Zugabenperformance von „Ich muss gar nix“ den Text vergisst und nur lalala macht, zum Sympathiefaktor hoch 10 hochgestuft. Doch Übung macht den Meister und hierfür ist wahrlich noch genug Zeit. Also, haut weiterhin so rein und verliert eure Unbefangenheit nicht.

 

Charlotte Luther

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