wetterfester marathon
Emergenza Regiofinale Südwest
Review/Bericht vom 22.05.2006 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Emergenza my baby wants to eat your pussy contest oku &n the reggaerockers
Review/Bericht vom 22.05.2006 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Emergenza my baby wants to eat your pussy contest oku &n the reggaerockers
Das Emergenza-Karussell 2006 ging am vorletzten Mai-Wochenende in die Regiofinale. Eine der Stationen der Südwest-Ausscheidungen war die Feuerwache in Mannheim – eine schöne Gelegenheit dieses Spektakel näher unter die Lupe zu nehmen. Und während Lordi in Athen der Schlagerwelt des letzten Jahrhunderts unsanft in den Allerwertesten traten, stürmten My Baby wants to eat your Pussy vor Ogu & The Reggaerockers und den Halogenpoeten das Siegertreppchen in Mannheim.
Ein harter Brocken, das größte europäische Newcomerfestival ist: 13 Bands an einem Abend (plus Aka Frontage als Zugabe aus der 2004er-Runde), im 25-Minuten-Takt sind für alle, Zuschauer, Musiker und Veranstalter, eine Herausforderung. Aber nachdem aufgrund apokalyptischer Unwetter auf den Straßen Mannheims der MLP-Marathon abgesagt werden musste, findet hier zumindest ein musikalischer statt ... In den Regiofinale bricht der Modus des Weiterkommens: Zwar spielt das Publikum per Abstimmung immer noch eine wesentliche Rolle, aber nicht mehr die alles entscheidende. Sechs Bands kommen per Voting in den Pool aus dem nunmehr eine Jury den Sieger kürt. Der dann bei den nationalen Finals dabei ist (Süddeuscthland: München) wo nur noch die Jury-Meinung zählt. Die letzte Station ist dann das internationale Finale auf dem Taubertal Open Air.So setzt das Emergenza also auf beide mögliche Elemente eines Band-Contests: Publikum & Jury. Die Bands haben aktiv die Möglichkeit Tickets selbst an ihr Publikum zu verhökern und hier sehen auch viele den Knackpunkt der Geschichte: Das Startgeld verbunden mit der Notwendigkeit Publikum zu mobilisieren um weiterzukommen, wird oft als eine Art „Pay to play-light“ bezeichnet. Und sicherlich organisieren die Veranstalter dieses Festival nicht seit 12 Jahren, um anschließend von der Wohlfahrt leben zu müssen. Unterm Strich liegt die ungebrochene Relevanz und Rechtfertigung des Emergenza-Festivals aber schlicht in der Zahl der teilnehmenden Bands. Die Vorrunden bestreiten diejenigen, die sich rechtzeitig anmelden, unabhängig von jedweden Auswahlkriterien.
Dass dieser Modus eine enorme Bandbreite generiert, wird im Regiofinale in der Alten Feuerwache überdeutlich. Sowohl was musikalische Genres als auch die Qualitätsunterschiede betrifft. Denn natürlich ist das Emergenza vor allem für zwei Typen von Bands von besonderem Interesse: Natürlich diejenigen, die sich auf Grund von musikalischer Qualität und einer gewissen Fanbase echte Chancen auf die höheren Runden ausrechnen können und diejenigen, die, naja, sagen wir, sonst eher nicht die Möglichkeit hätten in Hallen wie der Batschkapp oder der Feuerwache vor einigen 100 Zuschauern zu spielen.Für Zuschauer sorgen die teilnehmenden Bands tatsächlich: mehrere Reisebusse karren die persönliche Anhängerschaft direkt vor die Feuerwache, die mit 750 Zuschauern aus Pforzheim über den Karlsruher Raum bis ins Saarland und Hessen gut gefüllt ist. Zu den Bands: Wer zuerst kommt, hat Pech mit Zuschauerstimmen und meist auch mit dem Sound - part of the game, einer muss den Job machen. Unter diesen Umständen leiden vor allem Out of Misery und Road to Kansas. Schade vor allem für letztere, die mittels brachialem Emocore am frühen Abend den ersten Weckruf setzen. Trypanosoma fallen aus und damit geht es mit Spilled weiter, einer extrem jungen Band, die mit ihren zahlreichen Anhängern die erste Party des Abends veranstalten. Anschließend bretzeln Epilouge aus dem Saarland Metalcore von der Bühne, dass es nur so rumpelt, ein Frontmann von beeindruckender physischer Präsenz, der sich auch ins etwas ausufernde Gerangel vor der Bühne ordnend einzumischen droht ...
Sirious aus Sinsheim und Un!ntended aus Eberbach bringen die Geschichte zurück in ruhigere Fahrwasser, erstere eher Richtung Festzelt als Indie Rock, Letztere treffen diese Zielbeschreibung wesentlich besser und überzeugen nicht zuletzt durch Rosana Erhart am Mikro.
Es folgen die Halogenpoeten, die sich aus Studenten der Mannheimer Popakademie zusammensetzen und an diesem Abend durch den Schlagzeuger von Juli unterstützt werden. Dass man es hier quasi mit Profis zu tun hat, wird schon durch den Sound deutlich: Auch ohne Soundcheck am Nachmittag kommen die Halogenpoeten bislang am Besten mit der Backline klar. Vor Kurzem lief das Projekt um Chris Buseck noch unter „Regenwinter“ und es scheint, als habe die Band mit neuem Namen an Drive gewonnen. Deutschsprachiger Pop-Rock, der nun auch Richtung Revolverheld zwinkert, sauber arrangierte Songs um einen talentierten Sänger und eine perfekt spielende Band. Oku & the Reggaerockers machen ihrem Namen alle Ehre: Ein kompaktes Reggae-Paket mit Rock- und Ska Elementen mit allem was dazugehört, inklusive charismatischem Frontmann, Bläsersatz und Songs für die Hüfte – die Halle rockt. Das Publikum wird direkt um den Finger gewickelt und Songs wie der „Laster-Mann“ (Ja-my-car ...) verdienen Sonderapplaus. Sunshine an diesem unwettergeplagten Maisamstag, für alle, die auch nur irgendwas mit Reggae anfangen können, sind Oku & Kumpane eine unbedingte Empfehlung. Die Feuerwache auf Betriebstemperatur für die zweiten Lokalmatadoren des Abends: My Baby wants to eat your Pussy, die derzeit von Rockbuster (Vorrunde) bis Innovation Rocks Contest jeden Wettbewerb gewinnen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Warum das so ist, wird optisch sofort und musikalisch nach drei Takten deutlich: Sie fallen aus dem Rahmen. Das Outfit liegt irgendwo zwischen der Rocky Horror Picture Show, Glam Rock und „Klimbim“, die dazugehörige Show ergänzt das durch Punk, Glamour, die Bereitschaft jederzeit sexuell desorientiert aktiv zu werden und überschäumenden Energie. Die Musik plündert den Gemüsegarten mindestens ebenso ungeniert. Vielleicht hätte es sich so angehört, wenn Frank Zappa sich als Tunte verkleidet und beschlossen hätte, Popmusik zu machen. Vielleicht ist der Vergleich aber auch genauso aberwitzig wie das, was dieser Haufen sexuell derangierter Wahnsinniger auf der Bühne abzieht: Sicher ist, dass die Songs im Ohr hängen bleiben (was auch daran liegt, dass man natürlich bei jeder Phrase denkt, „irgendwoher kenn ich das“) und MBWTEYP bei aller Show ihr musikalisches Handwerk derart beherrschen, dass denjenigen, die das wahrhaben wollen, der Mund offen stehen bleibt. Was längst nicht jeder, vor allem nicht jeder männliche Konzertbesucher, will. Die bunte Truppe, die geschlossen an der Popakademie studiert, polarisiert enorm: Begeisterung, Verwirrung, offensichtliche Ablehnung, die vorderen Reihen werden jedenfalls vom weiblichen Geschlecht dominiert. Der schmuddlige Spagat von Progressive bis Pop (Psycho Pop laut eigener Bezeichnung) gelingt aus dem Handgelenk. Die Pussys lassen sich nicht hetzen und gönnen selbst in diesem 20-Minuten-Programm Diva Eva D an der Gitarre ein Solo, das sich elegant um die attraktivsten Beinen des Abends windet und der Musikerpolizei endgültig den Mund schließen dürfte. Ansonsten präsentieren sie ihre Eskapaden in absoluter Geschlossenheit, aus der neben der Gitarrendiva allenfalls Sänger Ziggy Has mit clownesker Souveränität und selbstverständlicher Arroganz heraussticht. Zurück zum „warum“: Bands wie MBWTEYP wachsen hierzulande nicht aus dem Boden, allein ihr musikalischer Egotrip sticht himmelhoch aus dem Angebot hiesiger Newcomerszenen (und nicht nur das ...) hinaus. So sind sie auch an diesem Abend die einzige Band, die sich nicht nach dem ersten Lied in eine Schublade stecken lässt und mit Sicherheit die einzige Band, die die Kombination von Musik und Entertainment derart selbstbewusst für sich in Anspruch nimmt. Keine Selbstverständlichkeit in unserem Teil der Welt und wenn, dann folgt oft genug der Absturz in Richtung Klamauk. Und genau das ist bei MBWTEYP nicht der Fall, trotz aller Verdrehtheit und auch offensichtlicher Selbstironie bleiben sie auf der richtigen Seite von Messers Schneide. Man wird sehen, wann die ersten Fans im Pussy-Style angetan die Konzerte der Band entern.Ashore aus Bischweier haben nach diesem Dreier-Block keinen leichten Stand: Von diverser Elektronika unterstützter Progrock, der zu diesem Zeitpunkt (9. Band) einfach eine Spur zu anstrengend ist. Insoweit vielleicht die Verlierer des Abends; eine Band, deren ausgefeilte Kompositionen in einem „konzentrierteren“ Rahmen sicherlich ihre volle Wirkung entfacht hätten.
Cheeno aus Saabrücken rocken mit Frontfrau in die Nähe der 80er, bevor RAZ aus der Rockabilly-Hochburg Hemsbach eine kraftvolle Mischung aus Rockabilly, Psychobilly und Ska auf die Feuerwache loslassen und als letzte Wettbewerbs-Band das Kunststück schaffen, das Publikum noch mal ordentlich unter Damof zu setzen.Danach überspielen die 2004er-Regiofinalsieger Aka Frontage die Pause der Jury-Beratung,zur Freude derjenigen, die noch die Kraft haben eine weitere Band abzufeiern, bevor es zur Siegerehrung geht. Zur Auswahl durch das Publikum stehen Sirious, Un!tended, Halogenpoeten, Oku & the Reggaerockers, MBWTEYP und RAZ. Relativ eindeutig ist die Entscheidung für die ersten beiden Plätze: MBWTEYP vor Oku & the Reggaerockers (Preis: Gitarre), danach die Halogenpoeten (Bass); Un!intended (Becken). Den 5. Platz (geht nach Publikum) teilen sich Sirious und RAZ.
Fazit: Der 25-Minuten-Modus - der auch gnadenlos durchgezogen wird - macht aus einem derartigen Marathon tatsächlich eine relativ kurzweilige Angelegenheit, 12 Bands, die so ziemlich jeden Qualitätsstandard abdecken, guter Publikumszuspruch und ein würdiger Sieger, für den München beim „Innovation Rocks“ schon mal ein gutes Pflaster war.Gerald Merkel
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