Ein neues Album, nach Ausstieg von Drummer Håkon Gebhardt zu zweit eingespielt, und nach drei Jahren endlich wieder eine Tour: Rückbesinnung auf die Psycho-Spacerock-Basis der Norweger, mit einer Setlist, die alte Fan-Herzen höher schlagen lässt. Motorpsycho sind zurück und auch 2006 eine der großartigsten zeitgenössischen Live-Bands.
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Nachdem die Trondheimer ihre ausufernd-epischen Rocksongs 1999 mit dem Album „Let them eat Cake“ zugunsten eines eher an den Beatles oder Beach Boys orientierten Sounds aufgaben und in den letzten Jahren mit Veröffentlichungen wie „In The Fishtank" gemeinsam mit der Bläsertruppe Jaga Jazzist Horns oder einem Ausflug gen Westen („Motorpsycho Presents The International Tussler Society“) ihre Kreise zogen, war die Nachricht von Gebs Ausstieg 2005 für viele Fans zunächst eine Hiobsbotschaft. Sänger und Basser Bent Sæther, Gitarrist Hans Magnus "Snah" Ryan verhielten sich jedoch dem Motto ihres 98’er Albums „Trust us“ entsprechend: Sie gingen ins Studio und spielten zu zweit das Doppelalbum "Black Hole/Blank Canvas" ein – zurück zum Rock à la Motorpsycho. Bent, eh früher öfters mal an der Bude, trommelte die 17 Songs einfach selbst ein. [
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Mit diesem Paket zurück auf den europäischen Bühnen, am Schlagzeug der Niederländer Jacco van Rooj (ex-35007, die Motorpsycho in den 90ern auch schon auf Deutschland-Tourneen supporteten), außerdem unterstützt von Øyvind Brandtsegg am Metalophon. Die Erwartungen also hoch bis freudig-erregt, das gesamte regioactive.de-Kernteam sonntags abends gemeinsam in die Centralstation nach Darmstadt unterwegs. Zumal auch vor vier Jahren, anlässlich der Tour zu "Phanerothyme", dem Album, das keiner – auch Bent nicht – aussprechen kann, live gerockt wurde, dass kaum ein Auge trocken blieb. Ein Jahr zuvor, ebenfalls in der Centralstation, kündigte Bent die Band als „Mellowpsycho“ an, was dem Geschehen zwar gerecht wurde aber nicht unbedingt auf ungeteilte Zustimmung stieß.
Der Einstieg zumindest ist wieder mellow: „Sideway Spiral III“ zeigt in vielerlei Hinsicht wohin’s heut Abend geht: aus melancholisch-leise steigen gravitätische Gitarrenwände, die Dauer liegt - vermutlich – um die 10 Minuten. Dass Motorpsycho neben dem Umstand, dass sie jeden Abend eine andere Setlist aus dem Ärmel schütteln, auch kaum einen Song in fester Struktur präsentieren, wird schon allein dadurch deutlich, dass Bent dem „Neuling“ an der Bude Einsätze per Kopfnicken und Zwinkern anzeigt. Last but not least: fast alle Schaffensphasen kommen zur Geltung.
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Optisch untermalt wird der Gig wie immer von einer farbrauschenden Video-Show. Die Protagonisten agieren eher im Halbdunkel. Der Sound ist anfangs ein wenig zu matschig, steigert sich aber und Jacco van Rooj hat natürlich keinen leichten Stand damit, in die Fußstapfen von Geb zu treten – was ihm allerdings kaum jemand ernsthaft vorwerfen wird. So spielt er zu Beginn etwas zurückhaltend, gerade bei den improvisierten Parts, fügt sich aber mit zunehmender Dauer immer besser in das motorpsychedelische Sound-Universum ein.
Der Gesang ist stellenweise zu leise, aber das ist ohnehin ein spezieller Punkt bei den Psychos: Bent und Snah leben eher von Intensität und Emotion als davon, perfekte Sänger im eigentlichen Sinn zu sein. Was aber auch einen Gutteil des besonderen Charmes der Band ausmacht: Bent muss eben klingen als sei er am Limit seiner gesanglichen Möglichkeiten oder in melancholischen Parts kehlig krächzen. Letztendlich sind das alles Kleinigkeiten, denn ansonsten: Motorpsycho at its best. „Now we’re doing something that we never tried before. It might take a while. If you get bored, chill. The bar is over there. We’ll take you back.” ist eine charakterisierende Ansage Bents und sie halten Wort. Überhaupt: sie sind gut drauf. Schon immer fiel Bents augenzwinkernde, schelmische Art angenehm auf, auch heute ist das nicht anders. Der Mann hat Spaß an der Sache, ohne sich zu wichtig zu nehmen, die Band ist allürenfrei. Es geht um die Musik, nichts sonst.
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Nach einer Stunde, die schon das meiste, was man sonst im Rahmen von Rockkonzerten erleben kann, meilenweit hinter sich gelassen hat, wird klar, dass sich die Herrschaften erst warm gemacht haben. Spätestens eine Feedback-Orgie, die sich Sonic Youth mit Freude ins Stammbuch geschrieben hätten, jagt dem anwesenden Publikum in der gut gefüllten, wenn auch nicht ausverkauften Centralstation endgültig Schauer über die Rücken. Die Berg- und Talfahrt nimmt ihren Lauf, der Motor läuft heiß: Stücke des aktuellen Albums („Kill Devil Hills“, „Devil Dog“) passen sich nahtlos ins Motorpsycho-Gesamtkunstwerk ein. Das hitverdächtige „Hyena“ leitet das letzte Drittel des regulären Sets ein. Hier nehmen sie uns mit auf Zeitreise zurück in die Neunziger: „You Lied“ von „Angels & Demons at play“, dann das bohrende „The Wheel“ von „Timothy’s Monster“. Spätestens bei der Eruption am Ende dieses Brockens ist auch Drummer van Rooj endgültig angekommen und trommelt wie im Rausch. Bent und Snah sind ohnehin in Hochform. Letzterer verbraucht acht Gitarren, ein paar Songs weniger oder ein-zwei Äxte mehr und er wäre bei einer pro Song. Die beiden zeigen knapp drei Stunden lang, was sich mit ihrem Gerät so alles anfangen lässt, die Momente bei denen die Nackenhäärchen eine Parade abhalten, häufen sich. Sei es weil nach einem ruhig ausklingenden Teil und erstem zaghaften Applaus mit einem Schlag eine Soundwand hochgezogen wird, die ungefähr von Terra bis zur Andromeda-Galaxie reicht (das meint Space Rock!), oder sich ein repetitives Riff durchs Zentralnervensystem ins Über-Ich fräst, dass Freud auf seiner Couch Purzelbäume schlägt.
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Das fantastische „Plan #1“ aus der „Demon Box“ beschließt das reguläre Set, inklusive Matt Burt's verstörendem Gedicht als Sample und mitgegröltem „You're just like me“. Danach dürfen wir erst mal erfahren wie der Wunsch nach mehr, vorgetragen im Idiom der deutschen Leitkultur, für „fremde“, speziell norwegische Ohren klingt: „
Gimme your German Cheer: U-A-E, U-A-E“, so Bent. Apeman lässt grüßen. So lang’s verstanden wird: "
first we will rock out some more & then we will space out a bit more, so everybody hang loose" kündigt Bent an, und tatsächlich, die Zugabe des letzten Konzerts der Frühjahrstour beschert uns mit „Vanishing Point“, „Sail on“ und „Neverland“ drei für MP-Verhältnisse kurze, rockige Kracher, mit Scream-Parts von Bent, die sich auf den letzten Platten so rar gemacht hatten. Doch dann Irritation, Zugabenteil zu Ende, wo bleibt, alte Tradition, das ganz große Kaliber zum Schluss, space out eben, à la „Vortexsurfer“, „The Golden core“ und so? Soll's das etwa gewesen sein? Nö, trust them: die Skandinavier entern noch mal die Bühne und lassen es gemächlich angehen: „un chien d'éspace“ ist es, di-di-di-di-di-di di-dum, ihr wisst schon. Es braucht allein ca. fünf Minuten, bis sich die eigentlichen Songstrukturen herauskristallisieren um sich dann auf einen 30-minütigen musikalischen Abenteuerurlaub zu begeben. Noch mal zeigen Motorpsycho, was sie ausmacht: zerbrechlich schöne Gesangslinien, Schicht auf Schicht wird langsam draufgepackt, es steigert sich zu einem orgastischen Soundgebilde mit fettem verzerrten Bass, kreischenden Gitarren-Leads und hypnotisierenden Beats, dass man nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist. In der Mitte plötzlich ein eingejammtes "Timothy in the magic city". Break, unglaublicher Gitarrenkrach von Snah, Atempause - in die Stille wird, leicht verzögert, ja fast bedrohlich, das "un chien"-Eingangs-Gitarrenthema gelegt. Und selbst wenn man das Stück nicht kennt, spürt man, weiß man, dass sie die Maschine gleich nochmal anwerfen werden, um der Crowd den letzten Rest Verstand aus dem Hirn zu blasen. Der Bassamp brummt schon ungeduldig im Hintergrund, will von der Kette gelassen werden. Die Spannung kaum auszuhalten, um sich endlich in einem erneuten brachialen Soundgewitter zu entladen, dessen Intensität sich, unvorstellbar, nochmals gesteigert hat, Stakkato auf der Videoleinwand.
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Grande Finale also nach ca. drei Stunden, der letzte Akkord verhallt, das Publikum paralysiert, mucksmäuschenstill. Eine Schrecksekunde nur, dann tosender, fast schon erlöster Applaus, glückliche Gesichter. Ganz große Oper, bitte alle Jahre wieder.
Setliste und Notes zu allen Shows: http://motorpsychonews.blogspot.com/.
Gerald Merkel/Frank Maier
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Kommentar (1 Kommentare vorhanden)
die spie
von die spielwiese am Dienstag, 16.05.2006
sehr gutes Review! Das Konzert war großartig, der Sound allerdings nicht nur anfangs matschig, sondern für Centralstationverhältnisse insgesamt sehr enttäuschend. Hat deswegen bei mir drei Songs gedauert bis ich mich überhaupt auf das Konzert einlassen konnte. Ändert natürlich nichts daran, dass Motorpsycho eine der besten live Bands der Welt ist...
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