puppen, cabaret und goldene 20er

Dresden Dolls: Yes, Virginia

CD-Review vom 06.05.2006 | Autor: Andreas Borowski

Tags: Dresden Dolls   Yes   Virginia  

Um Gottes Willen, hört sich das erwachsen an! Wie alt ist ihr Debut? 3 Jahre. Kann es sein, dass Amanda Palmer, Sängerin und Songwriterin des Duos, mit dem Tourstress um 10 jahre gealtert ist? Skip nach Skip. Um Himmels Willen, das hört sich an wie ein 90er Pop-Rock-Hit. Nein, doch nicht. Hm, ok, wahnsinn. Das ist genial.

Und das sind die Dresden Dolls. Drei Jahre später, gereift und akzentuiert. Hier geht es nicht mehr darum sich aus der Kunst-Szene in der Indie-Szene zu platzieren. Hier geht es darum ein zeitloses Dresden Dolls Album zu schaffen. Viel selbstbewusster und überzeugter kommt ein Sound zustande, der sich von einem anfänglichen packend aber unspannend schnell in ein aufregend und fesselnd verwandelt.

Dass Stimme, Klavier und Schlagzeug für eine absolute Fülle sorgen können, haben sie in ihrem Erstling bewiesen. In „Yes, Virginia“ haben es Amanda Palmer und Brian Viglione zu einer eigenwilligen Wissenschaft gemacht. Hier wird mit Stacheldraht gestreichelt und mit ehrlicher Empörung über zwischenmenschliche Katastrophen und Gewohnheiten um sich geworfen.

Puppen, Cabaret und Goldene 20er verwandeln sich in menschliche Puppen, extremst interessant arrangierte Songs und The Dresden Dolls 2006. Es wird erkannt und geschimpft, geprügelt und geweint. Und das alles im 1900-Ballkleid und mit Melone auf dem Kopf. „Sex Changes“, die Vorstellung, „Backstabber“, der Hit, „Modern Moonlight“, die Debut-Reprise. Was nachvollziehbar beginnt, geht auf diesem Album Takt für Takt in die immer eigenwilligeren und selbstbewusstere Dresden Dolls über. „Delilah“ wird nach einigen Wochen hören zum persönlichen Favoriten. Dynamisch, Dolls-like dreckig und schön. „My First Orgasm“ und „Mr. O“ gehen weit über ihren sexuellen Titel hinaus und erzählen fast so malerisch wie ein gutes Buch. In „Shores of California“ schaffen sie was Untypisches und damit schon wieder einen eigensinnigen Sound. Ähnliches Gefühl bereitet „Mandy Goes To Med School“. Zum Schluss hin wird es ruhiger und man meint sogar persönlicher. Während in „Me & The Minibar“ Palmer und Klavier ausreichen, kommt in „Sing“ eine Gitarre zum Einsatz. Sowas aber auch. Einfach ein genialer Abschluss-Titel hinter welchem sich ein äusserst schöner Song versteckt. „Sing for the teachers that told you that you couldn’t sing“.

Wer die Dresden Dolls noch nicht kennt, fängt am Besten mit dem fantastischen Debut an. „Yes, Virginia“ ist außergewöhnlich und unendlich melodiös. Wer an Amanda Palmers Ergüssen ohne Blatt vor dem Mund und an unabhängiger, kreativer Musik in frischer Umsetzung interessiert ist, sollte laufen und kaufen. „Das Leben ist kein Cabaret. Es ist uns egal was ihr sagt. Wir laden euch sowieso ein.”

Andreas Borowski

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