achtung, fertig, wann geht es los?
Joachim Deutschland rockt live ohne Ende
Review/Bericht vom 01.05.2006 | Autor: Patrick Jung; Fotos: Christian Ludwig
Tags: Joachim Deutschland
Review/Bericht vom 01.05.2006 | Autor: Patrick Jung; Fotos: Christian Ludwig
Tags: Joachim Deutschland
„Kopf hoch, denn jetzt kommt Deutschland in deine Stadt, mit viel Herz für alle satt, ob schwarz oder Weißbrot – reich oder nicht – Deutschland hält, was er verspricht“. Ja, der Joachim war mal wieder da, mit neuer Band und neuen Songs. Und weil er wie gesagt schon mal da war hat er die alten Lieder auch fast alle gespielt.
Pünktlich um 21 Uhr beginnen die Ludwigshafener Soma die Bühne, den Zuschauerraum und die Stimmung anzuheizen, und pünktlich um 21:40 Uhr beenden sie ihre Schicht. Eine solch präzises Zeitmanagement hätte der Herr Journalist auch nötig gehabt, der den Ort des Geschehen um Viertel vor Zehn betritt. Na dufte, geht ja gleich gut los. An Stelle eines Augenzeugenberichts sei auf den bandeigenen Gig-Report verwiesen, ergänzt um das Fazit von Sänger Steffen Eckert bei einem zufälligen Zusammentreffen am nächsten Tag: „Wir waren richtig gut.“ Auf Soma ist halt Verlass.
Kurz darauf legen Joachim Deutschland und seine Mitstreiter, angefeuert von WM-tauglichen „Deutschland, Deutschland“-Sprechchören, los. Der punkige Kurziro ist wieder dem wilden Afro gewichen, die Wand aus Marshall- und Orange-Verstärkern hat er zugunsten eines Fender-Brüllwürfels und eines zweiten Gitarristen aufgegeben. Stereo-Gitarren revamped, baby! Dementsprechend vehement klingt es jetzt, wenn auch der für Publikum und Band gleichermaßen suboptimale Sound an diesem Abend hundertprozentig repräsentative Einschätzungen verhindert. Ein paar „loose ends“ im Zusammenspiel gibt es scheinbar schon noch, die verleihen dem Konzert aber auch einen gewissen ursprünglichen Charme, man darf dabei sein, wie sich Joachim Deutschland auf der Bühne neu erfindet bzw. endgültig definiert. In diesem Sinne hat er vorab angekündigt, dass es beim diesjährigen Teil der „Amps & Ärsche“-Tour hauptsächlich unveröffentliches Material zu hören gibt.
Der Fanfavorit des letzten Jahres erklingt bereits an zweiter Stelle der Setlist, Schreibtisch rechnet mit der „Retro-Independent“-Bluthund-Meute unbarmherzig ab. Danach ebenso harte Kost vom zweiten Album Rock sei dank mit Ein wenig Anarchie und Alte Zeiten. Kann mich leider nicht mehr erinnern, ob Kann man Liebe lernen und Irgendwann geht es vorüber tatsächlich die Songtitel sind oder ob diese Zeilen nur als Gedankenstützen auf meinem Notizzettel gelandet sind, jedenfalls geht es hier etwas ruhiger zur Sache. Mit dem punkigen It Ain’t Easy wird wieder Fahrt aufgenommen und Mein Leben und Weißt Du lassen erahnen, dass Deutschland 2006 den Pop in der Garage lässt und sich in Richtung Heavy Blues Rock bewegt, bei Nicht für mich grüßt vereinzelt die Karibik. Dann kommt das Debütalbum Musik wegen Frauen zu Ehren: Balkon setzt nachdenkliche Akzente, während Oase die Sonne scheinen lässt. Das englischsprachige Lady weckt Erinnerungen an AC/DC’s Whole Lotta Rosie. Danach versucht er die Prinzessin zu verführen, was natürlich immer noch nicht klappt. Kein Grund sich die Haare zu raufen. Ob eine alte Otis Reading-Platte Joachim zum Mustang Sally-mäßigen Riff des nächsten neuen Stücks (Titel unbekannt) inspiriert hat, bleibt im Verborgenen, die Konsumkritik, um die es textlich geht, schreit er dagegen ganz offen heraus. Anschließend bindet er mit Beichtstuhl die Fans mit ein: die Band spielt ein kurzes Thema, nimmt sich danach zurück und lässt die Zuhörer aktiv werden und ihre Probleme übers Mikro „beichten“: der Chef ist ein Arschloch, der verspätete Bus zum Club hat zum Verpassen des Lieblingsliedes am Anfang des Konzerts geführt, die Verflossene ist ’ne Schlampe und Flatulenzen sind auch noch zu beklagen.Bettler und Prinz bereitet den Weg für seine allererste Single, die emotional-explosive Abrechnung mit Marie, der er die Pest an den Hals wünscht. Überraschenderweise bleibt der „Schlampe, Drecksau, ich hoff’ es geht dir schlecht“-Singalong aus. Und danach ist Schluss. Vorerst. Für die Statistik: bis hierhin 10 neue Songs, 4 von Rock sei dank, 5 von Musik wegen Frauen.
Selbstverständlich bitten die Fans Joachim mit „Deutschland, Deutschland“-Rufen zurück auf die Bühne. Er kommt mit der Akustikgitarre in der Hand und erbittet sich einen Barhocker. Jetzt wird’s intim und das Songwriter-Talent blitzt hervor. Da gibt es einen Zwischenruf einer angeregten Dame: „Zieh doch endlich mal dein T-Shirt aus!“. Tja, nicht nur seine Gitarrensoli sind sexy...! Er kontert das Begehren: „Zieh doch mal DEIN T-Shirt aus“, und hat die Lacher auf seiner Seite. Jetzt aber Ruhe, Zu früh wird dargeboten, unplugged mit gesummtem Gitarrensolo. Schön melancholisch. In Wahrheit bietet sich in diesem Setting ebenfalls an, Joachim versinkt so sehr in den Moment, dass er die zweite Strophe falsch anfängt... äh, wie ging’s gleich noch mal weiter...? „Die letzte Nacht war unvergleichlich schön, doch ich muss leider gehen.“ Einen auf Hendrix machen soll er dann, darauf hat er aber keinen rechten Bock. Lieber was Eigenes, was wollt ihr denn hören? Auf Zuruf gibt es Muscheln, was im Lagerfeuerstil (mit Brandbeschleuniger in diesem Fall) ganz schön auf die rechte Hand geht. Ich und Andere ist da wieder etwas entspannter und das Solo kann man in einer Kurzversion auch zwischenrein fideln. 99 Helden kommt sehr stimmungsvoll, auch ohne Streicher. Jetzt fordert das Volk „die neue Nationalhymne für alle frustrierten Frauen da draußen“, von der auch die einleitenden Sätze dieses Artikels stammen.Und weil’s immer noch Spaß macht, wird die Band zurück auf die Bühne gerufen und unter Beifall vorgestellt: Slowey am Bass, Chris Heini am Schlagzeug und Arenor Anuku an der Gitarre zocken mit ihrem Chef, jetzt wieder mit Stromgitarre, die Ode an alle Luder. Zum Abschluss des Konzert gibt’s Joachim Deutschlands Beitrag zum Rio Reiser Familienalbum Band 2: Bei Keine Macht für Niemand stellt er seine Fähigkeit, den Gesangsstil des Ton Steine Scherben-Frontmanns detailgetreu nachzuempfinden, unter Beweis.
Das Endergebnis lautet wie folgt: 10 bis dato unveröffentlichte Titel gespielt, 9 von Rock sei dank, 7 von Musik wegen Frauen, eine Fremdkomposition – eine fast ausgeglichene Bilanz mit Tendenz in die Zukunft und nebenbei ein eindrucksvolles Arbeitszeugnis. Der Sound wird/ist kompromissloser, zugleich wirken die Inhalte fokussierter. Der erste Teil des Konzerts war spannend, der zweite zeigte Joachim Deutschland ganz nah und ohne Schallmauer. Auf das neue Album kann man sich freuen, genauso wie auf das nächste Mal, wenn es wieder heißt: „Kopf hoch, denn jetzt kommt Deutschland in deine Stadt...“.
Patrick Jung; Fotos: Christian Ludwig
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