überwäldigend 5. Noisepollution Festival

Von Gerald Merkel / Patrick Jung. Veröffentlicht am Dienstag, 11. April 2006


Zum fünften Mal war Wald-Michelbach Schauplatz des Noisepollution Festivals: Zwei Tage riesengroße Musik zu kleinen Preisen, vom Metal Blackdusts über den Stoner Pop von Freezeebee bis zum Alternative-Jazz-Gemetzel des Ikarischen Ensembles. Wie immer gekrönt von Soapbox, die das Ganze auch angezettelt haben.

Next Lärmverschmutzung: Soapbox, Thorn.11 und Freezeebee im EO

Die Vor-Open Air-Saison läutet man empfehlenswerter Weise in der Metropole des Überwald genannten Teils des Odenwaldes ein: Unweit der Gefilde in denen das Finkenbach Festival seine Kapriolen schlägt und der Raubacher Jockel seine Bassgeige (seine „Braut“, genannt die schwarze Kattl) zupfte, findet sich alljährlich im April eine Auswahl der interessantesten Alternative Rock-Bands der Republik ein. Der Lokschuppen des ehemaligen Bahnhofs des Trans-Odenwald-Expresses und die Räumlichkeiten des zwischenzeitlich als JUZ genutzten Gebäudes geben der Geschichte stilvoll den Rahmen. Verbrochen wird das Noisepollution wie der gleichnamige Sampler von Soapbox-Bassgeigen-Zupfer Timo Kumpf, dessen familiärer Herkunft auch die Cross-Marketing-Innovation schlechthin zu verdanken ist: Neben Grober Noiseworschd gibt es nun auch Noise Lyoner.
Sinew

Am Freitag erwartet die Festival-Gemeinschaft der gewohnte Rahmen: Das dezente Totenkopf-Modell, das vor zwei Jahren die Bühne schmückte, hängt nun direkt über dem Eingang, damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen. Linker Hand ein gepflegter Mini-Floor für Elektronisches vom Teller (Vinyl-, nicht Schlacht-), rechter Hand die Bar mit den sensationellen Getränkepreisen (Bier nen Euro, Äppler 1,50€ - Herz was willst du mehr?).

Unser Timing ist nicht schlecht. Das von Blackdust auch nicht. Wessen Perspektive man auch einnimmt, Tatsache bleibt, dass wir den Lokschuppen, dessen Bühne eine Sonne schmückt, die aussieht als habe sie schon lange keine mehr gesehen, in dem Moment betreten in dem die vier offenbar fruchtbar im Umfeld der Musichall Weiher groß gewordenen langmähnigen 17-18jährigen die Bühne und moshen los. Thrash-Quadriga meets Pantera meets Iron Maiden. Sie selbst benennen Metallica, Pantera und Sacred Reich als Haupteinflüsse - alla gut. Der Abschluss ihres von ca. 30 wild die beeindruckend langen Haupthaare schwingenden Jung-Moshern gefeierten Gigs macht Metallicas „Creeping Death“ – gekonnt, ohne ihr eigenes Material schlechter zur reden. Ein gelungenes Opening, das mal gleich klargestellt, dass Kaspermucke woanders läuft.

Mill nehmen den Faden auf und bringen das Noisepollution Festival in gewohntere Fahrwasser: Der Sound wird weniger metallisch, allerdings immer noch weit ab von schmusig, die Haare doch eine deutliche Spur kürzer als bei den Lokalmatadoren zuvor. Auch qualitativ den bisherigen Festivals durchaus entsprechend, noisige Breitseiten mit feinen Melodien, Stoner-Sounds wabbern zwischendurch durch den Lokschuppen, „zwischen Nirvana und Oasis“ ist ein Kommentar neben mir. Als der Vierer aus Koblenz zu sphärischeren Klängen überleitet, wird vermutet, dass gleich “Schweine durch den Lokschuppen fliegen“. Es war nah dran, aber für fliegende Schweine wie für das ganze Festival liegt die Latte nach Mill wieder mal ganz schön hoch. Queens of the Nirvana Dü möchte ich noch hinzufügen. Und dass der Dancefloor gebebt hat.

Fuoco kommen aus Wien aber eigentlich überall her und legen recht unbekümmert groovend los. Vertrackt, verfrickelt, psychedelisch, dritte Band, dritter State of Mind. Das Publikum reagiert zunächst einigermaßen skeptisch, aber wer denkt, für den Überwald sind Fuoco schlicht zu anstrengend, liegt mal völlig daneben: Der Schuppen füllt sich und füllt sich vor allem mit stetig wachsender Begeisterung. Der Odenwälder an sich ist psychedelischen Momenten durchaus nicht abgeneigt und Fuoco schaffen es von diesem Umstand zu profitieren, ein Gig , der sich hochschaukelt. Für Fuoco sollte man sich nen Moment Zeit lassen, es lohnt sich!

Danach schon der Hauptact des Freitags: Die Band mit den sechs „e“ im Namen macht erst mal einen gediegen langen Soundcheck, vermischt mit dem einen oder anderen mehr oder minder laxen Spruch zum Publikum. Wie sie da so stehen, die Herren, die Ruhe selbst, liebevoll zur Schau getragene Arroganz, das Frisürchen gescheitelt und offenbar mit dem festen Entschluss den Button-down-Kragen im Rock’n’Roll gesellschaftsfähig zu machen: Die müssen schon verdammt gut sein, um sich das leisten zu können. Tja, das sind sie auch. Disco Doom nennen sie es, Stoner Pop trifft’s auch nicht schlecht. Die zwei Gitarren und der Bass sind sonstwohin runtergestimmt, was, na klar, einen Stoner Sound gibt, der einem im Falle Freezeebees haargenau zwischen die Augen trifft. Umso mehr da ihr Sound von einem „Lead-Bass“ dominiert wird, der sich nicht zufällig auch geografisch zwischen den beiden Sechsaitern ansiedelt. Im Prinzip werden hübsch eingängige Sachen mittels dieser Zutaten von der Bühne gebombt, die dann auch, aller eigentlichen Eingängigkeit zum Trotz, ab und an mit Taktwechseln und Breaks aufgefrischt werden, dass der Kiefer offen klafft. Ach ja, die vier können auch noch allesamt singen und brüllen und tun das auch, in besonderen Momenten gleichzeitig. Amusement Galore, für Band und Publikum.

In dem Stil geht es im ehemaligen Bahnhof und verschiedenen Ausläufern auch noch ein Weilchen weiter. Aber das tut jetzt nix zur Sache. Der next day war ein sunny day, die erste leichte Gesichtsrötung der Saison, ansonsten immer weiter nach diesem alten und wohl einzig wahren Motto der Humanmedizin „An Äppler a day keeps the doctor away“, umgesetzt am besten direkt vor dem Festivalbeginn bei Kochkässchnitzel im Krug. Wer sich zu diesem Themenkreis in rockmusikalischem Umfeld weiter informieren will, ist hier bestens aufgehoben.

Den gemächlichen Mühlen im „Krug“ und dem Liter Äppler aufs Haus, der daraus wiederum resultierte, ist allerdings leider zuzuschreiben, dass Mellow aus Heidelberg für uns persönlich auf der Strecke blieben. Das tut uns leid, aber da kann man nix machen, der Tag war halt auch anstrengend, da wär’s mit ner flotten Döner-Bude nicht getan gewesen.

Also direkt zu Sinew ins Geschehen. Über die wurde an dieser Stelle schon ab und an geschrieben, aber gut, noch mal: Was von der Bühne aufs Publikum rollt ist tonnenschwerer als unser Mageninhalt nach dem Kochkässchnitzel. Besonders im Element ist der sehnige Sangesbruder, der heult und schreit wie vom Leibhaftigen durch den Lokschuppen gejagt, wobei ihm anzumerken ist, dass ihm das allgemeine Treiben vor und auf der Bühne insgesamt doch sehr angenehm ist. Emo-Rock Marke Pulverfass, der sich sofort in die Tradition des überaus gelungenen bisherigen Festivalgeschehens eingliedert.

Danach kommt die größte musikalische Spreizung des Noisepollution: Das Ikarische Ensemble aus Stuttgart. Ihre Spuren haben die Herren bereits in den Hygiene-Einrichtungen hinterlassen, die von Bonmots à la „Und glaubt ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde von Sonne bis Mond?“ strotzen. Eine attische Tragödie in Jazz mit avantgardistischem Rock und Konzertmusik des Okzidents. Klar, sind die Drei Musikstudenten und ja, das kommt mitunter auch so rüber. Aber das Zuhören lohnt die Anstrengung. Eine Vorstellung jenseits von Gut und Böse, instrumental in einer Liga für sich. Der Gesang, der in den Studioaufnahmen ins Pathetische driftet, rutscht an diesem Abend eher ins punkig-puristische, aber Erwartungshaltungen sind im ikarischen Universum eh nur dazu da eingerissen und verhöhnt zu werden. Auf ihre Art genial, eigen ohnehin und jedenfalls absolut sehenswert. Die vielleicht eigentliche Überraschung: Das Publikum im Überwald genannten Teil dieser Weltgegend verhält sich in keinster Weise wie man das dieser Betitelung gemäß erwarten könnte, sondern zeigt sich von diesen potentiellen Feuilleton-Stürmern äußerst angetan und feiert sie dementsprechend.

Der Bruch danach mit den Raab’schen Bundesvision Contest-erprobten Reminder aus dem Saarland könnte kaum größer sein. Gradliniger Emo-Rock, eine bodenständige Ladung mit Herz, die allerdings zwischen den dicken Brocken des bisherigen Konzertreigens eher brav daherkommt. Sozusagen eine Verschnaufpause vor dem finalen Gewitter.

Soapbox haben die Hypothek jedes Jahr das selbst gewählte Line Up krönen zu müssen, und man kann sich schon vorher fragen, wie sie das nun wieder zu schaffen gedenken. Simpel: Indem sie’s einfach machen. Nach ihrem fulminanten Auftritt im Vorjahr schaufeln sie einfach noch ne Schippe drauf, 2-3 neue Songs im Gepäck, die sich nahtlos in ihr bisheriges Programm einpassen und den Mund auf Neues aus dem Seifenkisten-Lager machen. Wurde ihr Auftritt vor Logh hier kürzlich mit einem übergroßem Mühlenrad, welches sich eine Zeit lang so schnell es geht dreht und sich zum Finale hin nahezu überschlägt, beschrieben, zeigen sie an diesem Abend wie sie Gleiches locker aus dem Handgelenk schütteln. Laut und leise, den 6 /8-Takt in festem Zügel, Melodie und Noise in mitreißender Manier, alle Vier und allen voran Sänger Jens Siefert in Bestform. Der Lokschuppen wie immer zu ihrem Finale gefüllt, man weiß was sich guten Gastgebern gegenüber gehört und wird dafür bestens entlohnt.

Damit geht zumindest der musikalische Teil des 5. Noisepollution zu Ende. Hörgenüsse, lukullische Höhepunkte (Noiselyoner ect.), ein Publikum, das Musik hört und feiert wie man sich’s nur wünschen kann, die Lobeshymnen sind jedes Jahr die gleichen. Eins war sicher anders als im Vorjahr: Mit dem eindeutigen Metal von Blackdust und den in X-Potenz mehrdeutigen Ikarikern hat das NP seine musikalische Bandbreite enorm erweitert und ist sich dabei selbst treu geblieben. Also: Auch wenn uns nächstes Jahr vermutlich die Worte ausgehen, wir freuen uns jetzt schon drauf. Und sollte es doch auch wieder eine Wiederauflage der Noisepollution-Sampler geben, bitte sehr, gern.

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