von mattafix bis napalm death Interview mit Mad Doggin'

Von Patrick Jung. Veröffentlicht am Sonntag, 2. April 2006
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Sie werden vielerorts als aktuelle deutsche Metalhoffnung tituliert und profilieren sich als schnelle Support-Eingreiftruppe vom Dienst. Dass dafür mehr notwendig ist als ein Gang zum Tour-Discounter, dass das aber nicht jeder einsieht und anerkennt, erklären Sänger Ben und Bassist Flow unmittelbar vorm Gig im Vorprogramm von Staind beim Interview im Prinzessinenzimmer der Alten Feuerwache.

Wenn Ihr eine Bandbiografie veröffentlichen würdet, wie würde der Titel lauten?

Ben: „Bekackte Amateure!“

Welche einzelnen Kapitel bekäme man da zu lesen und wie würden die Überschriften lauten?

Ben: Das ist ’ne gute Frage, da ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, ob wir je ein Buch schreiben werden.

Flow: „1,85 Promille“ wäre auf jeden Fall ein Kapitel, definitiv.

Ben: Auf jeden Fall würde es zu jeder Tour ein Kapitel geben. Das könnte man eigentlich auch unter „Tour“ zusammenfassen.

Flow: „Ochsentour“! Da gab es die Soulfly-Tour – 11 Tage, 7 Leute, 7 Sitze, kein Schlaf

(In diesem Moment erklingt im Hintergrund eine lustige Melodei aus einem Mobiltelefon)

Ben: Ist das deins?

Flow: Nein, Jareks

Ben: Natürlich, Jareks... „Queen of SMS“ könnte auch noch eins heißen.

Das heutige Kapitel?

Ben: Das ewige Kapitel!

Flow: Das ewige Kapitel, dass man nicht per Telefon kommuniziert, sondern man macht Termine NUR per SMS aus. Ich hasse SMS!

Ben: Leider gibt es in unserer Band Leute, die das sehr gerne mögen, lieber per SMS zu kommunizieren als mündlich.

Flow: Da kommt beispielsweise um vier Uhr morgens eine SMS: „heute Probe um Fünf“. Und dann weißt du nicht, ob jetzt in einer Stunde oder nachmittags.

Ben: Vielleicht kann man auch noch ein Kapitel über Cases machen. Das ist auch so ein Dauerbrenner eigentlich, dass wahnsinnig viele Cases für alles und nichts in allen erdenklichen Größen angeschafft werden.

Flow: Man hat ja ohne angefangen, aber nach und nach kamen die Cases, und du hast rausgekriegt, dass man die alle aufeinander stapeln kann, und irgendwann kannst du damit Tetris spielen im Kofferraum. Ich bin ein großer Freund von Cases.

Ben: Seit wir den Drumriser im Proberaum haben geht es ja. Vorher wurde man von den Dingern erschlagen.

Flow: Es ist halt das Problem, wenn du auf 25 Quadratmetern probst, dann hast du da die komplette Backline und hast nochmal die komplette Backline als Case da stehen. Jetzt haben wir ein Podest fürs Schlagzeug und haben 80 Zentimeter Stauraum darunter geschaffen.

Ben: Ein Zwischenetage geschaffen.

Flow: Seitdem hören wir die Bassdrum auch richtig gut. Die steht jetzt auf Bauchhöhe.

Ihr habt in der Vergangenheit einige namhafte Bands supportet, heute auch wieder, und wart auf diesem relativ spektakulären Woodstock-Festival in Polen. Von diesen Ereignissen, die auch nicht unbedingt jede Band erlebt, sind euch da spezielle Szenen in Erinnerung geblieben sind, z.B. Alkoholabsturz mit Max Cavallera...?

Ben: Der hat ja keinen Tropfen getrunken. Das war eine alkoholfreie Tour. Wir durften auch im kompletten Backstagebereich kein Alk trinken. Wir haben unseren Kasten Bier, den wir vertraglich zugesagt bekommen haben, in den Bus gestellt bekommen.

Flow: „Euer täglich Brot, hier, Jungs“

Ben: Die Crew fand das, glaube ich, auch nicht so witzig, dass es eine alkoholfreie Tour war. Aber, okay, wir mussten eh die ganze Zeit fahren.

Flow: Das war die erwähnte Ochsentour.

Ben: Die ging elf Tage. Wir haben davon einen Tag im Bett verbracht…ääh, also, nur an einen Tag in einem Bett geschlafen. Beim Off-Day in Köln, da sind wir in so ein Backpacker Hostel gegangen. Das war sehr geil.

Konntet Ihr euch von den Stars etwas abschauen, habt ihr irgendwelche Lehren herausgezogen oder habt ihr irgendwelche Fehler begangen, die euch jetzt nicht mehr passieren, weil es euch total peinlich war?

Ben: Blamiert haben wir uns nicht vor den Acts, die wir supportet haben.

Flow: Blamiert haben wir uns früher im Jugendzentrum.

Ben: Reichlich. Auf Tour haben wir uns immer super mit den Hauptacts verstanden. Klar, man lernt ohne Ende. Man schaut, wie die ihre Show machen, was bei denen publikummäßig passiert, ob es irgendwelche bestimmten Sachen auf der Bühne gibt, damit immer ein kompaktes Bühnenbild bestehen bleibt. Solche Sachen.

Flow: Man sammelt eine Menge Erfahrung durch das Abgucken. Also nicht im Sinne von Abkupfern. Man sieht halt, dass das Profis sind und man selbst noch nicht so ganz.

Ben: Man kriegt auch viel Routine bei Aufbau, Soundcheck, und dass alles schnell vonstatten geht, weil man manchmal wenig Zeit hat.

Flow: Auf der letzten Tour haben wir uns Funkgeräte gekauft, das haben wir uns abgeguckt. Das ist schon praktisch, wenn sieben Leute alle irgendwo verstreut sind, dann brauchst du nicht immer hin- und her zu schreien oder zu laufen. Wenn wir hinter der Bühne bereit sind, funken wir unseren Soundmann Claudio an, dass er das Intro abfahren kann.

Wie würdet Ihr Euer aktuelles Karrierestadium bezeichnen? Ihr seid keine Newcomer mehr, aber auch noch nicht hundertprozentig etabliert.

Flow: Nix Halbes und nix Festes!

Ben: Hahaha.

Flow: Mich freut es echt, wie das Jahr 2006 abläuft bisher, Ill Niño-Tour, jetzt Staind-Support, im April spielen wir mit Dry Kill Logic zusammen. Wir haben schon 17 Shows gespielt dieses Jahr und das halte ich für einen guten Start. Es hat sich vieles recht spontan und kurzfristig ergeben. Insofern ist es immer ein Weitermachen, Weiterkommen, weiter Erfahrungen sammeln. Wo sich die Band im Moment karrieremäßig befindet, habe ich überhaupt keine Ahnung. Aber im Moment macht’s Spaß! So kann es von mir aus gerne weitergehen und ich denke, wenn man viel spielt wird sich daraus auch Anderes ergeben, populärer werden oder dass viele Leute einen gesehen haben.

Und wie sieht dementsprechend euer Tour-/Gigalltag aus? Müsst ihr noch viel eigenhändig erledigen oder habt ihr schon eine kleine Entourage dabei, Leute, die euch Arbeiten abnehmen, die euch jahrelang genervt haben? Beispielsweise, dass ihr euren Kram nicht mehr selbst auf die Bühne schleppen müsst?

Ben: Das machen wir alles selber. Bei den großen Shows sind von den Clubs Stagehands da, die einem beim Ausladen aus dem Bus und auf die Bühne verfrachten helfen. Aber wir fahren selber, nehmen zwei bis drei Leute Crew mit, unseren Mischer, einen Merchandiser und wenn er Zeit hat haben wir noch einen Lichtmann dabei.

Flow: Ansonsten regeln wir die ganzen Sachen selber, Bühnenwasser organisieren beispielsweise. Es war auch eine komische Sache, als es anfing mit Stagehands. Am Anfang haben wir die immer ziemlich blöd dastehen lassen und nicht ihren Job machen lassen, einfach, weil wir keinen Bock hatten als arrogante Spacken dazustehen. Inzwischen freut man sich dann doch, wenn die einem bei den schweren Sachen helfen. Es ist ja nicht so, dass wir sagen, „Hecktür ist offen, ihr kennt ja den Weg zur Bühne“. So ist es nicht.

Ben: Es gibt schon so Sachen wie heute, wir kommen an, Staind sind noch nicht da, aber die Bühne ist schon aufgebaut. Staind kommen an, gehen auf die Bühne, machen Soundcheck und gehen wieder zurück in den Bus. Die müssen nicht selber fahren, die haben einen Nightliner, können schön pennen.

Flow: Das ist ja 'ne andere Liga.

Ben: Klar, aber das sind natürlich Sachen, wo man überlegt „da fängt es an, so richtig entspannt zu sein“. Wir sind sechs Stunden hierher gefahren und fahren nachher wieder sechs Stunden nach Hause und spielen zwischendurch auch noch eine Show. Und du hast bis heute Morgen um Sechs gearbeitet.

Flow: Ja. Schön durchgemacht, danach ein paar hundert Kilometer gurken. Ich freue mich auf so eine geile Show wie heute Abend, aber heute Morgen wollte ich eigentlich nur ins Bett, nachmittags aufwachen, Glotze an und Pizza bestellen.

Ben: Bei uns sieht der Touralltag ja so aus, dass man viel fährt und viel wartet. Als Supportact spielst du eine halbe Stunde. Diese halbe Stunde macht die anderen 23 ½ Stunden drum herum erst lohnenswert, dann bist du auf der Bühne, es ist alles voll geil, du hast voll den Flash. Das Drumherum ist so langwierig und es geht wirklich nur um dreißig Minuten am Tag.

Flow: Wichtig ist es, ein gutes Buch mitzunehmen, weil sonst verbringt man 18 Stunden des Tages mit Scheiße labern und das wird schlimm. Wenn man das vier oder fünf Tage hintereinander gemacht hat...

Ben: ...dann kriegt man auf die Fresse.

Das wollte ich eh gerade fragen: ihr habt diverse Sachen relativ kurzfristig gemacht, habt noch reguläre Jobs, da kann ich mir vorstellen, dass das auch ziemlich stressig wird, gerade wenn diese Fahrerei und Warterei nicht glatt läuft. Gibt’s dann manchmal wirklich auf die Fresse oder ist das Miteinander eher harmonisch?

Flow: Das sind ganz normale menschliche Beziehungen, die hier ablaufen. Da gibt es auf jeden Fall Reibungspunkte, aber wahrscheinlich nur aus dem Grund, weil man sich nicht egal ist. Man streitet sich ja auch mit Freunden mal. Im Großen und Ganzen läuft es immer schön harmonisch ab. Es gibt einen gewissen Geist, den sich alle angeeignet haben, einen gewissen Humor, den wir in der Gruppe untereinander haben. Manchmal streitet man sich halt auch, ganz normal, und fünf Minuten später entschuldigt man sich schon wieder. Und dann kommt die sentimentale Scheiße hoch mit Tränen auf der Wange und so. „Ich bin so froh, dass ich dich getroffen habe. Du hast mein Leben verändert“ (Ben fällt derweil fast vom Stuhl vor Lachen)

Du hast vorhin schon gesagt, dass es bisher in 2006 gut läuft. Als Außenstehender hat man den Eindruck, als würde es förmlich auf euch niederprasseln. Ist das so?

Ben: Es ist schon krass, aber wir sitzen nicht zuhause mit untertassengroßen Augen, wenn wir so einen Anruf kriegen. Wir denken, geil, es hat geklappt.

Flow: Es ist ja auch nicht so, dass wir zuhause sitzen, Däumchen drehen und aufs Telefon starren. Man macht ja schon ein bisschen was dafür. Tiefdruck Musik arbeitet ja schon dafür, ruft auch Leute an und fragt nach, was da geht. Insofern prasselt das nicht auf einen ein.

Ben: Sagen wir so: bei der Soulfly-Geschichte ist es wirklich auf uns eingeprasselt. Da war unsere Platte gerade draußen und drei Tage vor Tourstart kam ein Anruf, dass wir Soulfly supporten sollten.

Flow: Ich dachte da nur: „was?!“

Ben: Bei mir was es so, dass ich gesagt habe, „ja, klar“, dann habe ich aufgelegt und dachte: „abgefahren!“

Aber ihr hattet schon die Gelegenheit, das alles häppchenweise sacken zu lassen. Ihr werdet nicht irgendwann mal auf der Bühne merken, dass ihr es vorübergehend nicht mehr verrafft?

Ben: Doch. Als wir mit Ill Niño in Hamburg im Grünspan gespielt haben, einem Laden, wo ich jahrelang abgefeiert und so viel Zeit verbracht habe. Da habe ich so geile Konzerte gesehen und wollte da immer mal spielen, und es war der einzige Laden in Hamburg, wo wir noch nicht gespielt hatten. Während der Show, bei der Hälfte unsere Sets ist mir das dann plötzlich klar geworden. Das war ein krasser Moment, in dem ich total geflashed war.

Flow: Ich glaube, heute wird das auch wieder so werden. Die Halle hier ist ja ausverkauft, das ist ja auch nicht alltäglich, und das ist ja gerade der Kick, um den es geht. Das Gesamte ist ein cooles Gefühl. Da fährt man gerne tausendzweihundert Kilometer und macht durch.

Ben: Polen war auch echt ein krasses Ding, das Ankommen da. Da hätte ich mir fast ’nen Klecks in die Hose gesetzt. Die Bühne und die Leute da, das war schon echt abgefahren.

Flow: Wir mussten erst mal zwanzig Minuten durch die Leute durchfahren übers Festivalgelände, und rechts und links überall Leute, die an den Bus geklopft haben, Fenster auf, „was geht, wer seid ihr denn? Hier, Dosenbier!“. Dann saßen wir bis zu den Hüften in Dosenbier. Sehr freundliche Menschen, da drüben.

Ben: Die Bühne war im ersten Moment schon ein bisschen furchteinflößend. 60 Meter breit. Megakrass.

Gibt es angesichts dieser „Glückssträhne“ auch Neid unter „Kollegen“?

Ben: Ja. Das sagt uns nie jemand direkt, aber hinterm Rücken kriegt man da eine ganze Menge mit. Von Freunden und Bekannten, die sich auch viel in der Szene bewegen, die erzählen einem das Eine oder Andere. Da gehen ganz obskure Gerüchte um, wir würden uns in die ganzen Touren einkaufen.

Flow: Im Internet steht auch immer wieder, „ihr seid so peinlich, ihr kauft euch ein“.

Ben: Dann kauft euch doch selber ein, wenn’s so einfach ist. Dann geh doch mal zu Penny und kauf dir ne Tour! Lauter solche Sachen. Ich kann das gar nicht alles wiedergeben. Man muss sich schon echt wundern, wie viel Zeit manche Leute haben, und dass sie sich die Mühe machen, sich über uns so einen Käse auszudenken.

Das erinnert mich an das, was mit diesen drei Jungs von Grup Tekkan gerade passiert. Ich habe sie bei Stefan Raab gesehen, da machten sie einen ganz sympathischen und vor allem selbstironisch-realistischen Eindruck, als würden sie denken, „ihr Deppen, wir wissen selbst, dass wir nicht die Größten sind, aber ihr macht uns zu Stars und wir haben einfach nur einen Riesenspaß dabei“. Die Drei haben das irgendwie für sich und ihre Freunde gemacht, irgendjemand hat es dann online gestellt, um sich über sie lustig zu machen, dann sind die Medien und die Plattenindustrie draufgesprungen. Resultat ist, dass man im Internet in Kommentaren nur Beleidigungen, Neid und Missgunst ihnen gegenüber findet.

Flow: Das ist ätzend.

Ben: Sagen wir mal so: die Typen speziell sind mir genau so egal wie Tokio Hotel. Wir bewegen uns da in einer ganz anderen Sparte. Letztendlich, wenn die Leute das kaufen wollen...

Flow: Es gibt so viele andere Sachen, über die man sich aufregen kann.

Ich finde es nur wieder eigenartig, was für einen Aufwand die Leute betreiben, um ihre Missgunst zum Ausdruck zu bringen.

Ben: Die Leute stehen halt drauf und ich denke, das ist auch eine der speziell deutschen Tugenden, dass so etwas in richtigen Hass umschlägt. Guckt euch nur mal das Metal Hammer Forum an. Da gibt es einen 53-Seiten-Thread über Tokio Hotel, wo ich denke, was interessiert die Metal Hammer-Leser Tokio Hotel?! Das ist eine Band, die ist konzipiert für 6-13-Jährige, die nimmt keinem Metalact irgendetwas weg. Gar nichts. Die kann einem einfach scheißegal sein. Wenn man die Mucke nicht mag, dann darf halt einfach kein Radio hören und kein MTV und Viva gucken. Aber da läuft ja eh nicht die Mucke, die Metal Hammer-Leser hören. Von daher kann es ihnen scheißegal sein. Darauf wird wahnsinnig viel Zeit und Energie verschwendet.

Ihr habt zum Glück eure Zeit und Energie verwendet,... geile Überleitung, oder?!...

Ben: Sehr, sehr geil! (lacht)

...ihr habt eure Zeit und Energie verwendet, um diverse Platten zu machen, von denen ich blöderweise bisher keine einzige gehört habe. Ich habe euch das erste Mal im Vorprogramm von Ill Niño in Aschaffenburg gesehen und auch einen Review geschrieben.

Flow: War das’n Verriss?

Ben: Nein.

Verriss ist so ein hartes Wort... (grins) Nein, quatsch, ich fand’s gut. Nun, da ich keine sachkundigen Fragen zu eurer aktuellen Platte Isle Of View stellen kann, wollte ich euch trotzdem die Gelegenheit geben, brutalstmöglich die Platte zu loben und ein paar Worte zu verlieren, wie sie so ist, was sie ausmacht, welches eure Lieblingssahnestückchen darauf sind oder wie ihr sie jemand näher bringen würdet, der euch fragt, warum er sie kaufen oder zumindest anhören soll.

Flow: Ich bin nicht so das Verkaufstalent.

Ben: Die Platte ist super! Wir haben da viel Zeit, Mühe, Liebe, Geld usw. reingesteckt. Es hat tierisch Spaß gemacht, sie zu machen. Wir sind voll zufrieden mit der Platte.

Flow: Was mir an der Platte gefällt ist, dass sie emotionaler geworden ist. Jetzt nicht im Sinne von Emo, sondern persönlicher im Vergleich zu den anfänglichen Geschichten, wo man sich vielleicht doch noch so ein bisschen von irgendwelchen Klischeethemen bedient hat und da auch noch seinen Senf dazugegeben hat. Davon haben wir uns jetzt frei gemacht und haben auch mehr unser eigenes Ding gefunden. Reinhören sollte man auf jeden Fall. Dann kann man sich seine Meinung machen.

Ben: Sie ist sehr vielseitig, sehr abwechslungsreich. Darüber haben wir auch schon alles Mögliche gelesen.

Deshalb dachte ich mir, frage ich mal die Beteiligten selbst.

Ben: In einigen Reviews wurden die ersten beiden Platten als „New Metal Dreck“ abgetan, jetzt sind wir plötzlich Metalcore für Einige.

Das ist ja aktuell jeder.

Ben: Genau, wer heute eine Gitarre in die Hand nimmt ist entweder Emo oder Metalcore. Also, ich finde sie sehr abwechslungsreich, sehr vielschichtig, da ist aus verschiedensten Metalstilen etwas drin, für jeden was dabei.

Das ist zwar jetzt auch eine abgelutschte Frage, aber habt ihr jetzt euren eigenen Stil gefunden, d.h. habt ihr auf den ersten Platten herumexperimentiert und seid jetzt da angekommen, wo ihr „hingehört“, oder ist das eine Momentaufnahme?

Ben: Das würde ja bedeuten, das die nächste Platte genau so klingt wie die vorangegangene.

Es gibt Bands, die das erfolgreich jahrzehntelang so machen.

Ben: Wir experimentieren eigentlich immer weiter und gucken, was uns so gerade einfällt. Die Isle Of View spiegelt wider, wie es uns damals ging. Das waren die Songs, die damals dabei herausgekommen sind. Wir sind gerade dabei, neue Songs zu schreiben, die gehen schon wieder völlig anders ab. Wir haben da nicht so eine klare Richtung. Wahrscheinlich haben wir irgendwie so ein Art Stil, der einen gewissen Wiedererkennungswert hat, aber in dem ist sehr viel Platz für ein großes Spektrum.

Ihr habt auch relativ breitgefächerte Einflüsse, nehme ich an?

Ben: Ja. Von Mattafix bis Napalm Death.

Flow: Das auf jeden Fall, und wir haben einfach Lust, Sachen auszuprobieren. Jetzt nicht, „ok, geil, jetzt haben wir unser Kochrezept gefunden, jetzt machen wir jeden Song so“, das wäre ja Schwachsinn. Das wäre ja langweilig.

Und um was geht es euch hauptsächlich beim Songwriting? Sucht ihr nach der großartigen eingängigen Melodie oder den megabrutalen Grooves? Soll es etwas sein, was schnell ins Ohr gehen oder etwas, was möglichst lange dauert, bis es sich einnistet?

Ben: Weder noch. Es soll einfach irgend etwas sein, was uns anschockt, wo uns einer abgeht, wenn wir das spielen, wenn wir das hören. Wir machen uns nicht ständig einen Kopf darüber, was die Leute mögen. Dafür gibt es ja viel zu viele Leute. Einfach so, dass wir das geil finden und dass es anderen Leuten auch gefällt. Wir machen uns echt kein großartiges Konzept vorher, dass die nächste Platte mehr Hooklines haben muss oder so.

Seid ihr eher eine Liveband oder eher eine Studioband oder ist das Eine ohne das Andere überhaupt nicht vorstellbar?

Ben: Wir sind eine Playback-Band!

Flow: Ich denke, wir sind eher eine Liveband. Wir können das, was wir rüberbringen wollen, besser live rüberbringen als auf Platte. Dazu fehlt uns allen die Studioerfahrung. Mir zumindest geht das so. Ich kann auf der Bühne meine Energie besser übertragen als im Tonstudio.

Ben: Es fühlt sich halt ganz anders an, wenn da wie heute Abend tausend Leute stehen, die man mitzieht, als wenn man im Studio in der Kabine eingepfercht ist und dann so ein Feeling kreieren soll. Das macht auch Spaß auf eine gewisse Art und Weise, aber live ist einfach noch bedeutend besser.

Also ihr seid nicht so die Studiofrickelnerds?

Ben und Flow: Nö.

Ich habe zumindest bei dir, Ben, schon diverse Male in Interviews gelesen, dass du bei der Standardfrage nach den „letzten Worten“ gesagt hast: „keine Chance für letzte Worte. Es ist noch viel zu früh, wir haben noch viel zu viel vor“. Deshalb jetzt statt letzter Worte...

Ben: ...vorletzte Worte...

...erzähl doch mal, was ihr noch so vorhabt.

Ben: Wir spielen noch die Shows, die jetzt anstehen, mit Staind und Dry Kill Logic. Dann werden wir uns verstärkt in den Proberaum zurückziehen, an neuem Material arbeiten, uns neu sortieren. Wenn es klappt werden wir so viele Festivals wie möglich spielen und so gegen Herbst wieder ins Studio gehen, um eine neue Platte aufzunehmen, die momentan geplant ist für Frühjahr 2007.

Spricht's und springt auf, um sich mit Vocal-Warmups für den Auftritt vorzubereiten. Entgegen etwas anderslautender Einschätzungen hatte ich den Eindruck, dass sie sehr wohl den Musikgeschmack vieler Anwesender getroffen haben. Hätte mich auch bei der großen Zahl von METALLICA- und MACHINE HEAD-T-Shirt-Träger erstaunt. Hätten Staind gegen Ende nicht noch ’ne ganze Schippe drauf gelegt, sie wären von den Hamburgern, was die Publikumsreaktionen anging, ein ganz klein wenig von der Bühne geblasen worden. Der Sound war auch definierter als noch in Aschaffenburg (Grüße an Claudio), was angesichts des von der Band verwendeten Ultratieftunings generell nicht ganz so einfach ist. Und bei „Lord Of Darkness“ konnte man hören, dass Drummer Jarek seine PANTERA-Mütze nicht nur aus rein modischen Gründen trägt.

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