Mitten im ehrenwerten Barockschloss zu Mannheim befindet sich das EO. Tagsüber tummeln sich dort Studenten zu chilliger Musik, schlürfen ihren Milchkaffee und reden über die letzte Hausarbeit. Doch mit der entspannten Ruhe war es endgültig vorbei als „The Briefs“ aus Seattle im Zuge ihrer Europatournee dort aufschlugen um ihre Version des Punkmythos zu zelebrieren. Support:
Scary Sad.

Bevor die vier Amerikaner allerdings loslegten, durften die Jungs von „Scary Sad“ aus Mannheim auf die Bühne. Schade, dass sich das Publikum nur begrenzt für deren durchaus hörenswerte Songs interessierte, sondern man sich eher im hinteren Teil des EOs (bei der Bar) aufhielt. Wahrscheinlich waren der Sound und das Outfit von „Scary Sad“ für echte Punks zu „gewöhnlich“. Doch Lokal-Matadoren ließen sich davon nicht beirren und spielten ihr Set professionell durch: Für puristischen Punkrock hat die Band, die sich nach furioser Auflösung 2001 letztes Jahr reunierte, zu viele Genre-Brüche im Gepäck: zu viel Melodien und mehrstimmiger Gesang, und überhaupt zuviel Stilvielfalt für Otto-Normal-Punk. Man könnte auch sagen, sie sind zu musikalisch. Was wiederum nicht heißt, es würde Scary Sad an Drive mangeln – das Problem war wohl eher, dass das Publikum auf die Briefs eingestellt war und fertig. Jedenfalls war die Reaktion Scary Sads auf die Situation klassischer Punkrock: Ein paar zynische Anspielungen, durchgerockt und ab dafür.

Gegen 23.00 Uhr drängte dann der bunte Haufen aus Iros, Glatzen und poppigen Seitenscheiteln nach vorne und „The Briefs“ gaben den Leuten, wofür sie gekommen waren: Punkrock direkt auf die Zwölf. Schon vom ersten Trommelwirbel gab es kein Halten mehr im Pit. Die Band prügelte die Menge mit ihren typischen Drei-Akkorden-2:30 min-Songs von einem Pogo-Höhepunkt zum nächsten. Vom Songwriting her alles andere als innovativ - für eine echte Punkband durchaus als Kompliment zu verstehen – zog die Band aus Seattle ihr 70er-Punk-Ding konsequent durch. Die Pausen zwischen den Songs waren gerade lang genug um ein kurzes „one- two- three- four!“ dazwischen zu schieben und dem Publikum wurde keine Atempause gegönnt. Durch bunte Plastik-Sonnenbrillen optisch hart an der Grenze zum Fun-Punk, war Bühnen-Gebaren insgesamt klassisch und somit gab’s hier wirklich keinen Anlass für Verwirrung mehr: Wer die Briefs bestellt, bekommt das Rund-um-sorglos-Punk-Paket zum mithüpfen, nicht mehr aber auch definitiv nicht weniger. Die einzige nennenswerte musikalische Varianz entsteht durch „Durchreichen“ des Mikros, jeder Brief, auch der Drummer, bekommt Gelegenheit zum Singen-Schreien-Nöhlen.
Die Briefs spielten ihre vierte Tour in Deutschland, die diesjährige lief bislang am besten und das wundert wenig. Back to the Roots tut gut, jenseits von Hardcore auf der einen und Stadion-Pop-Punk à la Green Day auf der anderen Seite.
Gerald Merkel / Thomas Baumann