generation rock Deep Purple und Alice Cooper still (a)live
Der Vater (bzw. die Mutter?) aller Schockrocker auf Tour mit den Granden des Classic Hard Rock – wie passt das denn zusammen? Handelt es sich hier nur um ein Discount-Paket in die Jahre gekommener Rock-Haudegen, die letztmalig Kasse machen wollen? Blödsinn!
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Alice Cooper hat in den letzten Jahren einige respektable Veröffentlichungen produziert, die Zeugnis ablegen, dass er sich auf dem Ruhm vergangener Tage nicht ausruht und Deep Purple haben nach der Trennung von Ritchie Blackmore mit Steve Morse eine Frischzellenkur absolviert. Eine solche hätte dem Sound der Vorband Mad Max sicher auch gut getan. Nicht, dass man von der Pressetribüne den Solariumteint der White Rocker nicht hätte erkennen können, aber ihr 80er-Mainstream Hardrock wirkte doch arg angestaubt. Zugegeben, es ist aller Ehren wert, wenn man sich über lange Jahre mit der Musik über Wasser halten kann, und sich selbst treu zu bleiben ist auch keine Qualität, an der es grundsätzlich etwas auszusetzen gibt. Und ich bin mit Sicherheit der Letzte, der Trend-Opportunismus propagiert, aber haben die Herren denn keine Freunde, die ihnen erzählen, dass Originalität kein Verbrechen ist? Ich will es an dieser Stelle nicht übertreiben, erbitte Vergebung, sollte ich unrecht urteilen. Mad Max hatten bei ihrem kurzen Set zu einer Zeit noch vor dem offiziell ausgewiesenen Beginn mit relativ hell ausgeleuchter Halle und damit nicht existentem Ambiente sicher keinen leichten Stand, dafür aber einige Zuhörer vor der Bühne.
Pünktlich wirde das übergroße Konterfei von Alice Coopers dunkel umrandeten Augen im Bühnenhintergrund enthüllt und Department of Youth erklingt, gefolgt von No More Mister Nice Guy. Alice rennt über die Bühne, schmeißt bei Dirty Diamonds haufenweise Klunker ins Publikum, lässte es bei Billion Dollar Babies per Degen Geldscheine regnen und rockt mit voller Energie. Man kann die surreale nostalgische Komponente bei dieser Show nicht verleugnen. Kein Wunder, die Kernkomponenten stehen ja auch schon seit einigen Jahrzehnten. Ryan Roxie, Damon Johnson (beide Gitarre), Chuck Garric (Bass) und Eric Singer (Schlagzeug) legen ein solides Hardrock-Fundament, das alte und neue Song homogen vermischt. Für optische Akzente neben dem Meister selbst sorgt seine Tochter Calico, die mittlerweile die Rolle ihrer Mutter eingenommen hat und mal als peitschenschwingende Domina, mal als grenzdebiles Schulmädchen oder als Chefexekuteuse bei der standesgemäßen Enthauptung von Alice per Guillotine agiert (für das Timing bei diesem Gimmick muss Alice demnächst wahrscheinlich nen Kasten Bier für den Proberaum spendieren). Ein Rudel bizarr vermummter Gestalten unterstützen sie dabei (sollten bei Slipknot mal die Geschäfte nicht mehr so laufen wäre hier ein Nebenjob zu haben), was ihnen Stöße und Fußtritte der Musiker einbringt.
Wer soll denn jetzt die Show zu Ende singen? Welch große Überraschung, Alice Cooper, in einen schneeweißen Frack gehüllt, ersteht wieder auf und schmettert School’s Out! Erwartungsgemäß brodelt es in der Arena am heftigsten, als sein letzter großer Hit Poison erklingt. Zum Abschluss zerplatzt noch ein halbes Dutzend riesenhafter Konfettiballons über den Köpfen des Zuschauer, was der ganzen Angelegenheit einen etwas disneyhaften Touch verleiht. Alice Cooper sieht zwar nach Angaben meines geschätzten Herrn Fotografen, der es aus dem Fotograben hautnah in Augenschein nehmen konnte, mittlerweile aus wie 75, könnte sich mittlerweile statt auf Schminke auf seinen gruseligen Naturteint verlassen, liefert aber immer noch eine atemberaubende, stellenweise amüsant augenzwinkernde Rock’n’Roll-Vaudeville-Show ab, die zwar wahrscheinlich keine Schocks bis zum Auftrittsverbot mehr hervorruft, aber definitiv eine hervorragende Unterhaltung bietet.
Nach circa halbstündiger Umbaupause ist es dann Zeit für den Headliner des Abends. Jetzt werden auch die beiden Leinwände seitlich der Bühne in Betrieb genommen. Dort sieht man einen Laster auf dem Parkplatz kommen, die Heckklappe geht auf, Flightcases werden backstage gerollt. Die Kamera nimmt eine Kiste ins Visier, auf der BAND zu lesen ist. Als sich der Deckel hebt entsteigen aus dieser die Bandmitglieder und traben zum Bühneneingang. Kollektiver Schwenk aller Augenpaare auf die Bühne – tatsächlich, da kommen sie, greifen zu ihren Instrumenten und legen los mit Pictures of Home, danach Things I Never Said aus der Session des aktuellen Albums Rapture of the Deep, von dem als erster offizieller Song Wrong Man erklingt. Das ist jetzt nicht gerade das, was man gemeinhin als „sicheren Start“ bezeichnet, Deep Purple leben ihren Hang zur mutigen Setlist voll aus. Ich muss sagen, als ich sie das letzte Mal gehört habe war mir eine größere Zahl gespielter Titel auf Anhieb geläufig. Mary Long, Contact Lost und Lazy kommen da zu Ehren. Von ihrem neusten Werk kommen noch das Titelstück sowie Before Time Began (hätte ich als Schlussstück erwartet), Junkyard Blues in einer etwas heftigeren Version und Kiss Tomorrow Goodbye, das Gillan gentleman-unlike als „Kiss your ass goodbye“ ankündigt, zu ihrer Feuertaufe. Ehrlich gesagt nicht mehr sicher bin ich, ob sie auch Clearly Quite Absurd tatsächlich gespielt haben oder ob mir der Song nur den ganzen Tag im geistigen Ohr erschallte!?! Der Frontmann schlendert wie gewohnt barfuß über die mit Teppich ausgelegte Bühne und muss schon recht früh um Intonation kämpfen. Das muss an der Tagesform und dem biestigen Wetter liegen, im bisherigen Verlauf der Tour wurde ihm eine gute stimmliche Form attestiert.
Die großen Hits werden für den Endspurt der Show aufgespart, im Mittelteil kommen teilweise bereits sehr altgediente Klassiker zum Einsatz. Was dem Konzert tierisch abgeht ist ein guter Sound, Bassist Roger Glover ist praktisch gar nicht zu hören, was das Element zerstört wofür ich Deep Purple in der aktuellen Besetzung liebe: der tierische Groove. Neu-Tastenmann Don Airey bietet zwar spieltechnisch keinerlei Grund zur Beanstandung, jedoch kann er meiner Meinung nach nicht ganz die dominante Aura von Jon Lord ausfüllen. Das ist vielleicht auch Gewöhnungssache, jetzt herrscht eben freundliches Schmunzeln statt mysteriöser Majestät vor. Die Leinwände nehmen immer wieder die handwerkliche Verrichtung der Einzelnen unter die Lupe, besonders Drummer Ian Paice kann da für respektvoll zuckende Augenbrauen sorgen. Und natürlich der Gitarrengott aka Steve Morse. Es ist nicht so, dass mir seine immensen spielerischen Fähigkeiten bisher verborgen geblieben sind, ganz im Gegenteil, aber ihm im Großbildformat bei seiner Vier-Finger-linke-Hand-Tapping-mit-synkopiertem-Flageolett-Violining-Akrobatik auf die Finger zu schauen ist wirklich enorm beeindruckend. Wenn auch der Gig an sich aufgrund der genannten klanglichen Einbußen nicht wirklich richtig gezündet hat, diese Einlagen haben es echt rausgerissen.
Zum Ausklang des Abends gibt es die Superhits im Dauerfeuer: Space Truckin’, Highway Star und natürlich Smoke on the Water, dessen Riff Morse doch tatsächlich mit ein paar feinen Zutaten zu neuer Frische verhalf. Bei der Zugabe Hush bemerkt Gillan, dass er daran erkennen könne, wie alt die Band in Wahrheit sei. Bei der Originalaufnahme dieses Stückes im Jahre 1968 war er selbst noch nicht mal dabei! Nach Black Night wird es dann langsam Zeit, dass die Band von der Bühne wieder in ihre Kiste steigt, die dann von den Roadies verladen wird für die Fahrt zum nächsten Gig.
Dieses Altmeister-Doppelpack in Arenaatmosphäre war wahrlich nicht zu verachten. Alice Cooper kann für sich die agilere Performance und die Showeffekte verbuchen, Deep Purple konnten umständehalber mehr durch Virtuosität und Mut bei der Songauswahl punkten. Mal sehen was in der Zukunft von diesen Dinosauriern noch zu erwarten ist.