verflucht gut Curse live

Es wurde echt Zeit, dass der Großmeister des Deutschrap die Verhältnisse mal wieder gerade rückte. Das hat er mit seinem Album Sinnflut in eindrucksvoller Weise erledigt. Nun konnte man sich auch noch mit eigenen Augen überzeugen, dass er wirklich keinen Live-Backup braucht.
Den Abend eröffnen, darf sein Ziehsohn Italo Reno, der auch schon als Gast auf dem Album den renommierten Stars die Show gestohlen hat. Ihm zur Seite steht Kool DJ GQ, der im weiteren Verlauf von allen Beteiligten die längste Einsatzzeit zu verzeichnen hat. „Scheiß auf Ghetto, ich bring euch Lebensgefühl!“, wird von Reno als Parole ausgerufen und das scheint den Anwesenden zu gefallen. Ich könnte nicht mit Sicherheit sagen, dass die Halle zu diesem Zeitpunkt nicht ganz voll war, hatte eher den Eindruck, 
dass sich die Menge einfach dichter in Richtung Bühne gedrängt hatte als sonst, um nah am Geschehen zu sein und den Support Act abzufeiern. Reno hat ordentlich den Schalk im Nacken, nimmt sich selbst und das Publikum das eine oder andere Mal auf die Schippe. Und genießt es, wenn die Fans ihn in Singalongs so richtig ausgiebig abfeiern. Den Höhepunkt seines Auftritts stellt, wie die ganze Tour über, die A Capella-Nummer Air Force Ones dar, die er in all ihrer Versautheit unter lautem Johlen aus dem Publikum zelebriert. Killa, Koseng!
Zum Einklang schickt Curse erst mal seine Band (Schlagzeug, Percussion, Bass) und DJ GQ vor, um dann mit dem Mic in der Hand auf die Bühne zu stürmen. Der Fluch präsentiert im ersten Teil seines Sets hauptsächlich Stücke vom aktuellen Album, aber auch die Nummer, mit der Curse erstmals in die Wahrnehmung eines breiteren Publikums gerückt ist, Lass uns doch Freunde sein, kommt relativ früh zu Ehren. Wie schon bei Reno ist der Sound kristallklar, sowohl stimmliche Färbung als auch die Lyrics kommen messerscharf rüber. Die Stimmung ist hervorragend und Curse und seine Mitstreiter machen einen souverän eingespielten Eindruck. Ist zwar ein abgedroschener Spruch, aber auf die Art hat der Mindener die Meßlatte für HipHop-Livekonzerte mal wieder ein Stückchen angehoben. Das Spielchen „mal schauen ob die eine Seite lauter ist als die andere“ ist zwar schon eiskalter Kaffee, aber sei’s drum, es kommen ja immer neue Generationen von Kids nach, für die das der ultimative Flash bei nem Gig ist.
Diverse Male lässt Curse nur die Intros von Songs anspielen und stachelt die Menge an, um dann in ein anderes Lied einzustimmen. Der Mann hat einfach zu viele Hits! So lässt sich auch locker das Spannungsbarometer rauf und runter jagen. Beispielsweise fordert er die Fans zum laid-backen „La la la la laa“ von Nimm’s leicht auf, um mit einem „wir haben aber Bock auf was Schnelleres!“, in den Singalong mit dem selben „Text“ von Flutlicht rüberzuspringen. Dann wird es Zeit für ein kurzes Break, Curse laufen schon die Brillengläser an von der heißen Action. GQ wird die Bühne überlassen und er hämmert sich durch ein mehrminütiges Soloset. Nach seiner Rückkehr, vorerst ohne die Band, betet Curse erst mal die 10 Rap-Gesetze vor, um dann mit seinem DJ zusammen einen Querschnitt seines älteren Materials zu präsentieren. Auch eine Kollabo, die auf GQs kommendem Album erscheinen wird, besteht den Livetest. Höhepunkt des Abends sind die anhaltenden Ovationen nach der polarisierenden Ballade Und was ist jetzt, mit denen der Meister in der Form wohl nicht gerechnet hatte. Man sieht ihm die Rührung an.
Gegen Ende darf sich neben der Band auch Italo Reno wieder auf der Bühne dazu gesellen. Anstelle von Samy Deluxe re-reloaded er mit seinem Chef den Stop-Mo-„Battle“ von Broken Language. Dass die beiden in dieser Konstellation Links, Rechts darbieten ist eh klar und die dezente „Choreografie“, mit der sie den Text untermalen, hat Broadway-Format. Just kiddin’! Die Hitsingle Gangsta Rap darf natürlich nicht fehlen und als letzter Song der regulären Zugabe kommt erwartungsgemäß die neue Single Struggle, bei der Reno von Curse den Part des perspektivenlosen Jungen im Park übernimmt. Klassisch die Abschlusszeilen des Abends: „Bis dann. One.“ Aber Einen will das darmstädter Publikum dann doch noch und als die Band nach kurzen Soloeinlagen nach und nach die Bühne verlässt ist dann endgültig Schluss.
Curse und Reno nehmen sich anschließend noch ausgiebig Zeit für Gespräche, Autogramme und Fotos und unterstützen eigenhändig ihre Merchandiserin. Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass dieses Konzert ohne Makel war und beide MCs nebst Gefolge in bestechender Form gezeigt hat, sowohl was ihre Rap-Performances anging als auch in Sachen Entertainment. The Soul is most definitely back in Rap!