circle pits und pommesgabeln Ill Niño fegen über die Bühne
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Die Latino-Metaller aus New Jersey holen ihre ursprünglich für Oktober 2005 geplante Tour nach und lassen auf der Bühne nichts anbrennen. Mit im Gepäck haben sie ihr aktuelles Album One Nation Underground, bei dem die südamerikanischen Rhythmen verstärkt das Klangbild prägen und ein Variantenreichtum von melodiös-zart bis knüppelhart geboten ist.
Interview mit Bassist Laz Pina, Bildergalerie hier
Der Colos-Saal ist bereits bei der ersten Vorband Burned Orange Peel bis auf den letzten Platz voll. Ob das die noch recht jungen Lokalmatadoren eingeschüchtert hat oder ob sie einfach einen schlechten Tag hatten? Jedenfalls lassen sie es für meinen Geschmack wesentlich an Enthusiasmus fehlen, der Funke springt nicht so recht über und in meiner Erinnerung setzt sich lediglich „harter Rock mit emotionalem Gesang“ fest.
Als zweite Kapelle des Abends stehen Mad Doggin’ auf dem Plan. Sie hatten schon Gelegenheit, im Vorprogramm von Soulfly und Stuck Mojo ordentlich Erfahrung zu sammeln und können einen Auftritt beim größten europäischen Open Air, dem Woodstock Festival in Polen, vor ca. einer halben Million Menschen auf der Habenseite verbuchen. Zwar brauchen sie an diesem Abend die ersten zwei, drei Songs um auf Betriebstemperatur zu kommen, 
aber dann lassen sie es ordentlich krachen. „Hamburg Bay Area Thrash“ haben sie ihre Musik mal mehr oder weniger ernsthaft genannt, ich sach ma’ „90er Metal mit einem Hauch Crossover/New Metal“ oder – wenn ich mal das Zitat eines ehemaligen Mitmusikers verwenden darf – „Schnitzelklopper from Hell“. Is’ ja auch irgendwie wurscht wie es heißt, Drummer Jarek holzt ordentlich drauf, der Gitarrist Ning hat sich der Midrange seines Sounds entledigt und statt dessen lieber ein paar Effekte draufgeknallt, damit’s klingt wie bei Darth Vader aus’m Auspuff. Bassist Flow unterstützt seinen Saitenkollegen mit dem noch tieferen Rifffundament (neue Rechtschreibung!) und Sänger Ben brüllt mal, mal singt er mit rauer Kehle. Dabei rennt er die ganze Zeit rum wie gestochen und präsentiert sich trotz evil 666-Shirt als netter Kerl. Der Sound ist nicht nur bei ihnen sondern auch später beim Headliner ziemlich übel, einfach nur laut und total undifferenziert. Dessen ungeachtet bringen Mad Doggin’ mit ihrer Spielfreude und Kommunikation das Publikum richtig in Schwung, ihr Circle Pit ist sogar der beste des Abends! Was mir an ihrer Musik etwas gefehlt hat, waren die Hooklines, an die man sich ein paar Tage später noch erinnert. Das kann der Tatsache geschuldet sein, dass der alleinige Gitarrist mit der Rhythmusarbeit ausgelastet ist oder dass es im Soundmumpf an diesem Abend schlicht untergegangen ist. Im Ganzen haben sie den Anheizerjobs jedoch mit Bravour erledigt.

Nachdem das Instrumental Barely Breathing vom aktuellen Album One Nation Underground vom Band verklungen ist, betreten Ill Niño die Bühne. This Is War und I Am Loco eröffnen ihr Set und im Anschluss wird ihr der Allgemeinheit bis dato wohl bekanntester Song How Can I live verbraten. Wie bereits angedeutet, verdient auch bei ihnen der Sound das Prädikat „miserabel“, wodurch die vielen Feinheiten ihrer Musik, die vertrackten Polyrhythmen und Melodien, total untergehen. So regiert an diesem Abend die Abteilung Dampfhammer. Wirklich schade, andererseits ist der Gig der Latino-Amerikaner trotzdem extrem mitreißend – es groovt halt ohne Ende. Dave Chavarri thront wie die Fleisch gewordene Bassdrum auf dem Drumriser, direkt daneben haut sich Perkussionist Danny Cuoto die Finger blutig. Der beständig tänzelnde Laz Pina am Bass und das Rumpelstilzchen an der Gitarre, Ahrue Luster, vollführen auf ihrer Bühnenseite eine beständige Rochade, besonders, wenn Luster seinen Dienst an der akustischen „Beistellgitare“ zu erledigen hat. Den Ruhepol verkörpert Jardel Paisante, den ganzen Abend tief in seine Gitarre vertieft. Frontmann Christian Machado wechselt permanent zwischem dämonenhaftem Gebrüll an der Deathgrowl-Grenze (er übernimmt auch den Part von Gastsänger Jamey Jasta bei Turns To Gray) und melodischem Gesang mit seiner markanten cleanen Stimme, die ihm angesichts der Strapazen erst gegen Ende bei ganz hohen Tönen ab und an mal kleine Schwierigkeiten macht. Das ist schon bemerkenswert. Ansonsten sucht er ausgiebig Kontakt zu den Fans, lässt Männlein gegen Weiblein im Black/Death/Traditional Metal-Screaming-Wettbewerb antreten und wird seinem Ruf als Aufreißerkönig und Latin Lover beim Flirten von der Bühne gerecht.
Besondere Höhe- oder Tiefpunkte und lassen sich im Programm von Ill Niño nicht ausmachen, eben weil sie nach drei Alben aus einem ausreichendes Sortiment gleich starker Nummern auswählen können. Ihre Setlist wird überraschenderweise dominiert von Stücken ihres Debüts Revolution, Revolución mit strategisch eingestreutem Material der darauffolgenden Longplayer Confession und One Nation Underground. Den von Machado angesprochenen Vorwürfen, sie seinen „vielleicht nicht hart genug, vielleicht nicht Metal genug“ treten sie eindrucksvoll musikalisch entgegen. Das Publikum stimmt da nach jedem Song per Handzeichen zu, reckt trotzig die Pommesgabeln in die Höhe. In der Disziplin Circle Pit (anscheinend die Obsession des Abends, oder ein tourinterner Wettstreit?) müssen sie allerdings das Haupt vor ihrem Supportact senken. Sie werden es verschmerzen, die fantastische Stimmung in ausverkaufter Halle und die insgesamt erfolgreich verlaufende Tour entschädigen wohl ausreichend.
If You Still Hate Me und Liar beenden den Konzertabend, der trotz des Mankos der klanglichen Komponente ein großartiges Erlebnis war. Ill Niño live – jederzeit wieder.