5 iwans zum sonderpreis oder ein leben ohne kohlenhydrate Wladimir Kaminer liest die Russendisko

Von Charlotte Luther. Veröffentlicht am Montag, 30. Januar 2006

Der 1967 in Moskau geborene Autor schafft, wovon andere Schriftsteller nur träumen können – er füllt die Hallen mit literatur-, also kulturbegeisterten Menschen - so auch die Alte Feuerwache in Mannheim. Mag auch an der anschließednen Russendisco liegen, bei der Wladimir selbst die Scheiben schwingt.

Wladimir Kaminer hat durchschaut, was „Wir sind Deutschland“ bedeutet. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Weltoffen und multikulturell. Die versteckte Botschaft hinter dieser Prahlerei – sag mir ehrlich, was du von mir denkst!

So müssen Einwanderer stets auf ihrem Einwanderungsantrag ausfüllen, warum denn gerade Deutschland ihr neues Zuhause werden soll. Da man das in der Regel nicht so einfach in Worte fassen kann oder gar keine Ahnung hiervon hat, schreiben einfach „alle“ das von ihrem Mitbewerber ab, was sie als taktisch besonders wertvoll erachten. Nämlich, dass sie die Deutsche Kultur und Sprache schätzen. Also, „Hitler, Bier und Ordnung“?! Lassen wir Kaminers Zusammenfassung an dieser Stelle einmal so im Raum stehen.

Weitere Lebensweisheiten, Tipps zum erfolgreichen Umgang mit Ausländern, vornehmlich Russen-WGs, und anderen Dingen, die zum reibungslosen Umgang mit den Mitmenschen von Bedeutung sind, eröffnet uns der Wahl-Berliner Kaminer indem er aus seinem neuen Kochbuch „Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus“ und aus seinem bislang unveröffentlichten "Reiseführer Berlin" kleine Anekdoten vorliest. Besonders amüsant aus Letzterem, eine Einführung in die Berliner Mentalität. Die auf dem Prenzlauer Berg gängige Begrüßungsfloskel „Na?“ entschlüsselte er seinem überaus begeisterten Publikum folgendermaßen: „Hallo! Wie geht´s denn so? Selbst? Der Familie? Den Kindern? Der Oma? Auf der Arbeit so? Und sonst?“. Mögliche Antworten hierauf sind laut dem Experten ein unmotiviertes Schulterzucken oder ein weiteres „Na.“. Böse oder gar abwertend gemeint, ist keines von beidem. Einfach nur ein Ausdruck der Berliner Mentalität. Also, alles im Lot. Dann können wir uns jetzt beruhigt wieder dem Grillen widmen bzw. wo man im Verbotsdschungel Deutschland noch Schilder finden kann, auf denen eine „Grillerlaubnis“ zu entdecken ist.

Auch die Anekdoten über die Familie Kaminers sind einfach nur der Inbegriff des ganz normalen Lebens. Kinder, die im Kindergarten erste Erfahrungen mit dem Sexualverhalten der Menschen machen („33 nackte Weiber ficken mit dem Kugelschreiber“), sowie dem Hobby des Vaters, verworrene Gedichte zu schreiben, die der Sohn vom Russischen ins Deutsche übersetzen soll. Welch eine Wonne für den lieben Wladimir!

Die Familiekatze wird gelegentlich von den zwei Kindern auch mal gerne mit Katzenanlockspray und Katzenfernhaltespray besprüht, obwohl auf den Fläschchen steht, dass die Katze auf keinen Fall selbst eingesprüht werden darf. Doch kann man von Kindern bekanntlich nicht erwarten, dass sie Flaschenaufschriften studieren. Folglich muss man dann auch akzeptieren, dass sich die Katze nun gänzlich auf ihre Instinkte verlässt und ins Trockenfutter pinkelt.     

Nach einer außerordentlich langen und gelungenen Lesung verabschiedet sich Wladimir Kaminer jedoch noch nicht von seinem Mannheimer Publikum. Nach der beliebten Autogrammstunde, bei der die Signatur „Es gibt kein Sex im Sozialismus“ wahrscheinlich des Öfteren gewünscht wurde, wird die Nacht noch richtig lang und heiß – Zeit für die Russendisko, bei der Kaminer selbst in Begleitung seines Freundes Yuriy Gurzhy als DJ ans Pult tritt und mit Kasatschok hunderte Beine und Körper in Extase versetzt.    

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