Kaum dass die letzten Auskoppelungen des zweiten Söhne Mannheims- Albums „noiz“ aus der Heavy Rotation verschwunden sind und die Monstertour des vergangenen Jahres noch mal per Bildband abgefeiert wurde, veröffentlicht Xavier Naidoo bereits sein nächstes Album.

 

Die Energie des Mannheimers, an dessen textlichen Glaubensbekenntnissen sich durchaus die Geister scheiden, scheint tatsächlich von höherer Gewalt gespeist. Jedenfalls ist sein kreativer Output immens und egal ob mit den Söhnen, solo, Bildbänden, „bunten“ Tourneen oder CDs: Die Anhänger der „Stimme Mannheims“ dürfen sich auf Qualität verlassen, auch was die Verpackung angeht. Ein ausführliches Textbook und eine umfangreiche Bonus-DVD bereiten einen edlen Rahmen für die 14 neuen Naidoo-Songs.

 

Eins fällt beim ersten Durchskippen auf: Bis auf wenige Ausnahmen bewegt sich das Telegramm im unteren Midtempo-Bereich, wobei zwei Komponenten im Vordergrund stehen: Xaviers Stimme mitsamt dem was sie transportiert und die darunter liegenden Beats. Erstere kommt in gewohnter Einmaligkeit daher und besingt eher Persönliches als religiöse Statements, wenn sie nicht dezidiert Gesellschaftskritisches anklingen lässt. Letztere sind mit Sorgfalt produziert und haben, bei aller Eingängigkeit, deutliche Spuren von einer alten Mannheimer Spezialität: Breakbeats ziehen sich unterschwellig durch die Songs, nicht so zappelig, dass es vom Naidooschen Fluss ablenken würde, aber doch deutlich.

 

Gemeinsam mit Bintia, Tone und Billy gibt’s bei „Abgrund“ heftige Politiker-Schelte. Sicherlich nicht ohne gegebenen Anlass, allerdings geben Zeilen wie „Und jetzt scheiß ich auf eure Demokratie, ich glaube so ungerecht wie heute war sie noch nie“ doch noch am ehesten der BILD-Zeitung die Hand. Dass solche Statements von jemanden abgegeben werden, dem das Kunststück gelungen ist, seine religiösen Überzeugungen durch Popmusik zu transportieren und dabei die Spitzen der Charts zu erobern – dessen Botschaften also durchaus wahr- und ernst genommen werden - kann bedenklich stimmen. Denn: Was da kommen soll, anstelle der Demokratie, bleibt im Dunkeln.

 

Auf der gleichen Schiene bleibt „Sie sind nicht dafür“, allerdings wesentlich unplakativer, „In DEINE Hände“ bringt das Thema gemeinsam mit W4C-Rapper und Popakademie-Student Danny Fresh wieder in religiöse Gefilde. Insgesamt passt zu solchen Botschaften schlecht, dass z. B. die Naidoo / Herberger GbR im August 2005 praktisch in einem Zug ihre Teilhabe an der Popakademie und die Absicht, ein Benefizkonzert für dieselbe auszurichten, bekannt gab. Mal abgesehen davon, dass man so praktisch ein Benefizkonzert für sich selbst spielte und damit im Prinzip die gleiche Klaviatur betätigte, die Naidoo hier in seinen Songs anprangert, mag die Popakademie eine unterstützenswerte Angelegenheit sein – von einer Tsunami-Welle überspült oder von einem Erdbeben in Trümmer gelegt wurde sie nicht. Einem jeden seine moralische Fallhöhe.

 

Aber selbstverständlich darf und soll Kunst unabhängig vom realen Leben des Einzelnen überhöhen, überspitzen und anstoßen. Insgesamt bleibt da wohl die Feststellung, dass einiges was da gesungen wird, durch den an Relevanz gewinnt, der es - auf seine unverwechselbare Art und Weise – vorträgt. Der Abschluss wirkt nach diesem „Block“ wesentlich versöhnlicher: „Du bist wie ein Segen“ macht klar, dass auch Xavier Naidoo einen „Engel auf Erden“ braucht. Der letzte Song „Was wir alleine nicht schaffen“ lässt den Hörer mit der Aussicht auf Gemeinsamkeit und Kraft durch Geduld zurück, eine typische Naidoo-Botschaft und sicherlich eine seiner definitiven Stärken.

 

Unterm Strich bleibt Xavier Naidoos Ausnahmestellung als treibende Kraft des deutschen Souls mit dieser Platte weiterhin unangetastet und wird ausgebaut. Über Form und Inhalt mag man streiten können, aber selbstbewusstes Stellung beziehen bleibt seine Stärke, und auch wenn eindeutig gesellschaftskritische Bezüge im Vergleich zu religiösen Statements zu überwiegen scheinen, spielt Naidoos Bezug zu Gott weiterhin eine wesentliche Rolle. Musikalisch bleibt man sich treu, Stimme und Beats sind die Pfunde mit denen zu Recht gewuchert wird. Die Street Credibility wird diversen Gast-Rappern (Jonesmann, Pal One, Tone, Danny Fresh) überlassen. „Telegramm für X“ wird die zahlreichen Anhänger Naidoos begeistern. Denen die auch bislang wenig mit X anfangen konnten, werden wohl auch hier nicht durch neue musikalische Entwürfe aus dem Hause Naidoo überwältigt werden.

Gerald Merkel

Kommentare

Kontakt | Über regioactive.de | Jobs | Backstage | Partner | Mediadaten | Presse