Es gab Zeiten, da waren Philip Boa & the Voodooclub die (un-)vermeintlichen Indie-Götter Deutschlands. "Kill your Ideals", "Albert is an Headbanger" oder "This is Michael" rockten jede Disco, die sich „Alternative“ schimpfte. Boa diente jungen Kerlen als Role-Model in Sachen abgehangener Coolness und alle wollten sie eine Frau wie Pia Lund.

timid tiger
Es gab Zeiten, da waren Philip Boa & the Voodooclub die (un-)vermeintlichen Indie-Götter Deutschlands. "Kill your Ideals", "Albert is an Headbanger" oder "This is Michael" rockten jede Disco, die sich „Alternative“ schimpfte. Boa diente jungen Kerlen als Role-Model in Sachen abgehangener Coolness und alle wollten sie eine Frau wie Pia Lund. Die Galerie der Fälschungen ist längst verlassen und sie sind tatsächlich mit neuer LP und Tour - als Originale aus der guten alten Zeit - im neuen Jahrtausend angekommen. Für einen kleinen schüchternen Tiger ist es sicher 'ne große Sache mit der großen coolen Boa  auf Tour zu gehen. Vor allem da diese(r) doch eine ganze Menge Fans zieht und in entsprechend großen Locations vor zahlreichem Publikum spielt. Leider beginnen Timid Tiger sehr pünktlich an diesem Abend in der Feuerwache und das Gros des Boa-Publikums hält sich noch schwer zurück oder ist schlichtweg noch nicht anwesend. Irritierend auch, dass der Sommerhit par excellence "Combat Songs & Traffic Fights" schon zu Beginn des Auftritts zum Besten gegeben wird. Nicht weiter schlimm, da die kölsche Jungs so viele fluffige Songs aus ihrem ersten Longplayer "Timid Tiger & A Pile Of Pipers" im Gepäck haben, dass sich die Schlangenanhänger langsam wippend dem Tiger nähern und manchmal sogar tanzen. Die fünf mod-stylishen, gar nicht schüchternen Tiger zaubern modernen Bubblegum-60s-Gitarren-Pop auf die Bühne, der zwingend fröhlich macht. Ihre Singles "Loveboat" und "Mrs Murray" haben einfach den richtigen Drive die Welt in lollipop-rosa zu sehen.

Timid Tiger sind wohl das für Deutschland, was Boa einst war – eine neue Indie-Hoffnung, die eben nicht nach deutscher Produktion klingt, sondern jederzeit international bestehen könnte. Trotz dieser kleinen Gemeinsamkeit könnten die beiden Bands dieses Abends nicht unterschiedlicher sein – Tiger und Boa eben. 

 

Was soll man von jemandem erwarten, der die deutsche Indie-Szene seit zwei Jahrzehnten mit seinen unverwechselbaren Stücken beglückt und zu den wenigen deutschen Musikern gehört, die man ohne Peinlichkeit als „(Voodoo-)Kultfiguren bezeichnen darf? Richtig, die gleiche zwischen unterkühlter Arroganz und Temperamentsaubrüchen schwankende Rockattitüde wie bisher, nur: eine Spur gesetzter.

 

Mit arroganter Miene tritt Altmeister Phillip Boa, unterstützt vom Voodooclub, auf die Bühne der Mannheimer Feuerwache. Anfangs sah es doch glatt so aus, als würde der deutsche Indie-Gigant nicht mehr genügend Fans anlocken können. Doch sobald die ersten Gitarrenklänge zu vernehmen sind, strömt das Publikum nach vorne und die anfängliche Leere der Halle verfliegt. Phillip Boa ermuntert seine überwiegend langjährig treuen Fans gleich zu Beginn mit Songs wie „Fine Art In Silver“ und „Albert Is A Headbanger“ zum Herumspringen und zum Tanzen. Aber auch neue Songs wie „Decadence And Isolation“ aus dem gleichnamigen aktuellen Album kommen nicht zu kurz: eine ausgewogene Mischung aus Phillip Boa-Klassikern und zukünftigen Kultsongs.

 

Phillip Boa wirkt ernst wie immer. Seine jahrelange Bühnenerfahrung versucht er keineswegs zu verbergen. Dementsprechend beglückt er sein Publikum auch mit seinem „Blitzlichtertanz“ und einem hauseigenen Luftgitarren-Wettbewerb gegen seine eigene Band. Alles, das versteht sich von selbst, mit einem ausdruckslosen Gesicht. Doch was glauben die Zuschauer bei „This Is Michael“ gesehen zu haben? War das etwas ein Lächeln, das über Boas Gesicht gehuscht ist?

 

Auch Pia Lund wirkt äußerst routiniert und kühl. Diese 80er Post-Punk-Haltung lässt sich für meinen Geschmack nur bedingt ins Jahr 2005 transferieren. Trotzdem sind die von ihr gesungenen Songs unverkennbare Highlights. So beispielsweise der einzige deutschsprachige Titel des Abends „Der Himmel Über Mir“: Die Diskokugel der Feuerwache darf hierbei ihre Fähigkeit, die Halle in einen Sternenmeer zu verwandeln, unter Beweis stellen.

 

Um den überaus gelungen Abend gebührend abzuschließen, gibt’s als Zugabe noch die Stücke, auf die kein Phillip Boa-Fan jemals zu verzichten gewillt ist: „Container Love“, „And Then She Kissed Her“ und „Kill Your Ideals“. 

charlotte luther & beatrice steimle

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