in den kranken tagen dieser zeit Bosse: Kamikazeherz
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Bosse macht Alternative Rock. Grob zusammengefasst eine Mischung aus postgrungigem Rock, einer Prise Casio-Elektronik und unausgelutschtem Deutschpop. Seine Texte sind sehr persönlich, ähneln vertonten Tagebucheinträgen und atmen den Geist von spätpubertärer Tagtraumrealisation, Quarter Life Crisis, Rebellion gegen den Trend und – wenn ich das Artist Info sinngemäß zitieren darf – „Großstadtpoesie“. Diese Lyrizistenstilistik manifestiert sich anscheinend nur nördlich des Knödeläquators. Der Mann nimmt nicht alles hin, eckt an, fühlt sich dabei aber anscheinend wohl in seiner Haut.
Anspieltipps gibt es zuhauf: Keine Panik, Kraft und Explodiert rocken straight voraus, Stadtastronauten ist die etwas schrägere Nummer, Diese Tage sind verloren, Skizziert, Kamikazeherz präsentieren die getragenen nachdenklicheren Momente in Tempo. Winterzeit bringt es balladesk auf den Punk und gibt die Emotion unglaublich direkt, ohne ablenkendes Brimborium ab.
Inspiration und Highspeed sind die sperrigen „Albumtracks“, die man je nach Stimmungslage entweder überspringt oder in die Dauerschleife hängt, weil diese eigenartige Hookline gerade nicht aus dem Ohr raus will. Gar nicht geht für meinen Geschmack das Duett mit Paula-Sängerin Elke Brauweiler, Novemberregen. Zu unausgegoren, zu plakativ, zu klebrig, bäh! Vielleicht versteh’ ich’s auch einfach nicht, versucht hab’ ich’s, aber es wollte nicht.
Die absoluten Höhepunkt sind meines Erachtens das kompromisslose Kilometerweit, die wunderschöne Ballade Niemand vermisst uns, und das opulente Das kleinste Glück. Sehr geil der Hidden Track, auf dem Axel Bosse mit rauer Kehle ein ungeschminktes Liebesliedchen, eine Ode an den Moment mit Sofie raunzt.
Die ganze Platte ist gekennzeichnet durch ein Hin und Her von Kraftschüben und Grübelei, Bosse versteckt sich nicht und riskiert einen Standpunkt. Die Produktion ist stimmig, nie überladen aber doch ereignisreich, der Sound hat Charakter. Extratipp für Genießer: Es heißt, dass die Empfehlung, eine Platte laut hören zu müssen, genau so zweifelhaft sei wie diejenige, eine bestimmte Biersorte kalt trinken zu müssen, damit sie schmeckt. Solche Bedenken kann man im Fall von „Kamikazeherz“ beiseite lassen, aber die Regler auch mal auf zu Elf drehen und es so richtig reinbängen lassen – das sollte man sich ab und zu unbedingt mal gönnen!