clubkultur feiert stadtjubiläum Interview mit Seebase
Eine Stadt im Verkehrschaos. An allen Ecken und Enden wird gebaut, ständig der Verkehr anders geleitet. Die Deadline für all das Verschönerungs- und Optimierungsschaffen in Mannheim ist gesetzt - Zum Stadtjubiläum im Jahre 2007 soll die Stadt in neuem Glanz erstrahlen um ihren 400. Geburtstag zu feiern. Neben all diesen offensichtlichen Vorbereitungen, wird jedoch auch schon mächtig hinter den Kulissen geplant. Schließlich ist es gerade nicht die Fassade, die Mannheim ausmacht. Kultur und Kunst sind ein wichtiges Aushängeschild dieser Stadt. Deshalb hat man die Planung in die Hände Mannheimer Kulturschaffender gelegt, die in den Bereichen Filmische Dokumentation. Clubkultur, Projekt Uni Mannheim/Stadt Mannheim, Integrative Projekte, Musik der Kulturen, Stadtinszenierungen und Leinwandkunst als Projektbegleiter tätig sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass für Mannheims Stadtjubiläum auch die Clubkultur eine gewichtige Rolle spielen soll, schließlich sind Musikclubs aus der Geschichte der Stadt im letzten Jahrhundert nicht wegzudenken. Teil dieser Geschichte ist der Tech-House-DJ Seebase, der bereits seit 10 Jahren in der örtlichen Szene erfolgreich Platten dreht und sich großer Beliebtheit bei den Tanzwilligen der Stadt erfreut. Für das Stadtjubiläum steht er nun als Projektbegleiter für den Bereich Clubkultur zur Verfügung und uns Rede und Antwort. ra: Wenn dich jemand fragt, was du beruflich machst – was ist deine erste Antwort? Die variiert, aber im Moment würd’ ich sagen: Ich bin Musikjournalist und Plattenaufleger. ra: Seit neuestem bist du jedenfalls auch Projektbegleiter im Bereich Clubkultur des Stadtjubiläums Mannheim. Was genau ist deine Funktion? Also in aller erster Linie assistier’ ich der künstlerischen Leitung in der Frage wie das Stadtjubiläum in punkto Clubkultur gestaltet wird. D.h. der Rainer Kern und Markus Müller, die die künstlerische Leitung haben, haben sich Leute, u.a. eben mich, ins Team geholt um bestimmte Aspekte, von denen sie glauben, nicht den vollen Überblick zu haben oder nicht so genau Bescheid wissen wie sie’s gerne würden. Ich werde mich einfach darum bemühen, dass die Clubkultur ihren Beitragzum Jubiläum leistet und dass auch innerhalb der Clubkultur das 400jährige Stadtjubiläum gefeiert werden kann und nicht nur innerhalb anderer etablierter Kulturformen. ra: Was bedeutet Clubkultur und wie stellst du dir ihren Beitrag zum Stadtjubiläum vor? Clubkultur bedeutet erst mal das, was man im weitesten Sinne unter Nachtleben versteht. Das bedeutet nicht nur die DJ-Kultur der 90er Jahre ist gefragt – wenn wir von 400 Jahren Mannheim sprechen, dann muss man sich Gedanken darüber machen, dass die Clubkultur in Mannheim eine Geschichte hat und die Geschichte beginnt nicht erst mit dem Aufkommen des DJs. Es gab eine ausgeprägte Jazz-Club-Kultur in den 60er Jahren, mit der man sich sicherlich zumindest mal gedanklich beschäftigen muss, ob man sich ihr nicht widmen sollte, auch wenn sie in der Form nicht mehr existiert. Auch stellt sich die Frage, was für unterschiedliche Formen des Nachtlebens in MA im Moment existieren - reden wir nur davon, dass irgendwo Technopartys stattfinden oder reden wir auch von Live-Musik-Clubs oder von Party-Szene, die unter Umständen auch so was wie die Schneckenhof-Parties beinhalten kann. Schließlich – und das ist ein zentraler Punkt – ich feiere nicht mein 400jähriges Stadtjubiläum und keiner der Leute, die sich jetzt damit auseinandersetzen dieses Jubiläum zu gestalten, feiern ihr eigenes Jubiläum, sondern es soll versucht werden möglichst vielen Leuten die Möglichkeit zu geben das Jubiläum und diese Stadt zu feiern. Da muss man einfach sehen, was da und was gut ist. ra: Es geht also nicht nur um Clubszene im elektronischen Bereich, sondern ganz allgemein? Erst mal ganz allgemein. Mit meiner Tätigkeit als House-DJ hat das primär mal gar nichts zu tun, sondern damit, dass sich bestimmte Abläufe im Nachtleben in den letzten 40 Jahren nicht verändert haben. Was für Musik da läuft, ist erst mal sekundär. Natürlich wollen wir dieses Stadtjubiläum auch modern begehen und wir wollen auch auf der Höhe der Zeit sein und wollen tolle Feste feiern. Nur, das wiederum entzieht sich vielleicht ein bisschen der Planbarkeit. Weil ich jetzt noch nicht sagen kann, was im Jahre 2007 vielleicht hochinteressant sein wird. Damit werden wir uns dann beschäftigen, wenn sich die Frage stellt. ra: Soll Einfluss auf bestehende Strukturen genommen werden, Neues generiert werden oder greift man auf das Bestehende zurück? Erstmal hat das Stadtjubiläum den Anspruch in möglichst vielen Lebensbereichen kulturell oder auch jugendkulturell Möglichkeiten zu schaffen. Dass das Stadtjubiläum eine gute Gelegenheit sein kann Ideen zu realisieren, ist möglich. Aber ich würde an ein Stadtjubiläum nicht allzu viel Hoffnung binden, von wegen man müsse Mannheim neu erfinden. Vielleicht kann das Stadtjubiläum dazu die Möglichkeiten bieten, aber in erster Linie muss es darum gehen, dass wir ein Jubiläum begehen. Es geht nicht darum, dass Einzelne ihre private oder politische Vorstellung durchsetzen wollen. ra: Wie hat sich deiner Meinung nach die Clubszene Mannheims in den letzten Jahren entwickelt? Das ist insofern eine schwierige Frage, als dass ich glaube, dass man sie nicht auf Mannheim reduzierend beantworten kann, als dass man behaupten könnte es gäbe eine mannheimspezifische Entwicklung, die nur hier so gewesen wäre. Die Entwicklung in Mannheim ist natürlich gekoppelt an die musikalische Entwicklung. Wir haben Dinge gesehen, die uns zu einem Starkult [im DJ-Bereich] geführt haben, weg von lokaler Bindung. Es gibt nur noch die „Stars“, die gute Musik machen sollten – was ich für einen Mythos halte. Dennoch hat sich Mannheim immer ein bisschen eine eigene Herangehensweise erhalten, der man gerecht werden muss – ich spreche von Drum ´n´ Bass und ner Menge junger DJs, die auch heute noch ihren eigenen Entwurf machen. Ich will nicht einstimmen in das „Früher war alles besser“- Gejammer. Die Clubkultur hat sich geändert, wie sie sich schon immer geändert hat und auch immer ändern wird. Es ist sicherlich nicht so, dass es um die Clubkultur infrastrukturell in MA ganz rosig aussieht. Es gibt nicht richtig viele Clubs, es ist auch nicht so, dass hier am Wochenende der Bär tanzt. Aber es ist auch nicht so, dass nichts wäre oder nichts stattfände. Es ist bei weitem nicht so, dass es keine Leute gibt, die an jeder Ecke versuchen etwas aufzubauen. Da besteht ein Ansatz für das Stadtjubiläum - einen Spot auf Dinge zu richten, die sowieso schon stattfinden. Ich glaube, dass gute Sachen eine Chance haben und sich Qualität durchsetzt. Die Chance wird sich auch dadurch ergeben, dass man im Jahr 2007 manchen Sachen ein Podium geben kann, so sie denn ein Podium wollen. ra: Das bedeutet der musikalische „Untergrund“ hat eben auch die Möglichkeit zu sagen „Wir feiern Mannheim“? Selbstverständlich. Es geht überhaupt nicht darum, jetzt abzugreifen, was offiziell als „repräsentativ“ erachtet wird. Das Stadtjubiläum hat eben auch verschiedene Ebenen. In erster Linie feiern wir Geburtstag. Jeder soll sein Festchen machen können. Und wenn ein Untergrundmensch sagt „Ich steh auf diese Stadt und möchte sie feiern“ – bitte ja. Die Frage wird eher sein, ob man in der Lage ist, all diese Dinge am Ende finanziell zu unterstützen. Leider ist auch noch ungewiss, wie viel Geld zur Verfügung stehen wird. Abgesehen davon sind natürlich alle, die sich mit Musikkultur beschäftigen, aufgerufen mitzumachen. Jeder der hier wohnt ist Mannheim und jeder darf ein Konzept abgeben. Leider kann man natürlich nicht alles machen und es wird eine Selektion stattfinden müssen. Aber da werden sich sicher viele Dinge auch miteinander verknüpfen lassen. Das wird wohl eine der wichtigsten Aufgaben für die sein, die das Stadtjubiläum organisieren - die verschiedenen Ideen zusammenzuführen. ra: Dich kann man also direkt ansprechen, wenn man eine Idee hat? Man kann auf mich genauso zukommen wie auf Rainer Kern und Markus Müller, die die künstlerische Leitung haben. Bei Kinofragen spricht man Michael Spiegel an. Für die interkulturelle musikalische Verständigung ist Uli Krug von der Mardi Grass.BB zuständig; Kommunikation von Kunst und Universität begleitet Angelo Falzone. Das sind alles Ansprechpartner, die bereit stehen sich Dinge anzuhören und sich darüber zu unterhalten. ra: Gibt es online schon ein Forum? Es gibt schon Sachen, man kann sich beispielsweise für einen Newsletter eintragen. Momentan ist allerdings noch keine Internetpräsenz vorhanden, darum geht der Weg direkt über die jeweiligen Ansprechpartner. Ich bin, glaub ich, recht leicht - ob nun direkt oder per E-Mail - in dieser Stadt zu erreichen und im Büro 2007, das gerade eingerichtet wird, stehen auch Ansprechpartner zur Verfügung. ra: Was fällt dir spontan zu den vier inhaltlichen Grundsäulen des Stadtjubiläums ein? Diese vier Grundsäulen sind natürlich zum freien Assoziieren gedacht. Die Säule Wasser ist sicherlich nicht nur im Sinne z.B. dieser Lokalität [Anm. Red.: Interview fand am Hafenstrand (Musikpark) statt] gedacht - „am Wasser hocken und Sixpack trinken“, sicher auch nicht nur im Sinne von „die Städte ans Wasser zu holen.“ Da gibt es noch ne ganze Menge andere Assoziationen, die man mit Wasser verbinden kann, über die man lange nachdenken kann und sich fragen kann – wow, was für eine Verbindung stellen all die Flüsse für diese Region nach anderswo her. Da kann man sich stundenlang Gedanken darüber machen. Toleranz & Freiheit ist ein Eckpunkt, der sich auf alle anderen Bereiche übertragen kann. Ein Punkt über den sich Mannheim immer schon Gedanken gemacht hat und auch weiterhin machen muss. Nicht ganz umsonst hat gerade das Nationaltheater mit der geschiedenen Intendanz das Thema Freiheit bei den Schillertagen in den Vordergrund gerückt. Toleranz - da kann man frei assoziieren z. B. Max Goldt hat da Interessantes dazu geäußert - dass Tolerieren nicht der tollste aller Begriffe ist, wenn man ihn mit Akzeptierten mal umschreiben könnte, dass Tolerieren vielleicht sogar ein bisschen wenig sein kann, wenn ich bloß toleriere, dass es jemanden gibt, anstatt dass ich Vorgänge akzeptiere. Ich will gar nicht auf das vordergründige Klischee von Toleranz & Freiheit eingehen – dieses „Wir müssen uns alle lieb haben“. Was sicherlich ein hehres Ziel ist, aber gerade bei diesen Begriffen, die so weit sind, kann Mannheim sich noch viele Fragen stellen. Nehmen wir das Beispiel Zürich die das Stadtmotto haben „ Erlaubt ist, was nicht stört“. Interessantes Motto, bei dem man aber jedes Mal darüber diskutieren muss, was nicht stört. Zu Mobilität gibt es ja ganz handfeste Diskussionen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben. Als die Bedrohung bestand, dass der ICE hier nicht mehr hält ging ein Aufschrei durch Mannheim. Aber um das mal auf den Kontext zurückzubringen, in dem ich mich bewege, den clubkulturellen Kontext: Es ist ein interessantes Phänomen, dass es über die Jahre immer wieder zyklisch dazu kam, dass die Leute sehr weit weggefahren sind um ihre Musik zu hören und Konzerte oder Festivals im Irgendwo besucht haben. Und daraufhin eine lokale Szene – aus der Motivation heraus, nicht immer so weit fahren zu wollen – entstand. Insofern hat Mobilität im Clubkultur-Kontext vielleicht etwas ganz Konkretes, dass man sich fragt wie man Clubs infrastrukturell-verkehrsmäßig vernetzen kann. Musik ist ja nun mein Hauptgegenstand. Man kann darüber nachdenken wie wichtig Musik im Alltagsleben dieser Stadt tatsächlich ist. Wie viel Gewicht ihr gewünscht wird oder ob ihr teilweise sogar zu viel Gewicht beigemessen wird. Musik spielt für viele Leute eine Rolle. Musik ist deswegen ein Begriff, der für’s Stadtjubiläum wichtig ist, weil auch der Gesangsverein, die Shanty-Singers und auch Volksliedfreunde dieses Stadtjubiläum feiern. Da werde ich vermutlich nicht viel zu tun haben – aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren - da mir noch kein Volksliedclub über den Weg gelaufen ist und insofern ein Nachtleben diesbezüglich von mir nicht zu fördern sein wird. Aber es gibt sie und wenn sie Lust haben, werden sie sich entsprechend ins Stadtjubiläum einbringen. ra: Wärst du auf die Idee gekommen, Mannheim bei einem Jubiläum offiziell zu vertreten als du begonnen hast aufzulegen? Gott sei Dank nicht. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Motivation für ganz viele Dinge – ob das nun Trommeln in einer Band, Singen oder DJing ist – tunlichst keinen Karrieregedanken im Kopf haben, sondern eigentlich Spaß haben will und vielleicht jeweils das andere, manchmal auch das gleiche Geschlecht beeindrucken möchte. Das sind nach wie vor ganz tolle Motivationen musikalisch Spaß zu haben und damit anzufangen, irgendwie Musik zu machen. Aber sicherlich nicht die, den Marsch durch die Institutionen anzutreten. Ehrlich gesagt ärgere ich mich aber nicht, dass es so weit gekommen ist, da man wenigstens ein bisschen Einfluss nehmen kann, in welche Richtung sich Dinge entwickeln könnten.