kontrastprogramm
New Model Army und der Honigdieb
Review/Bericht vom 14.11.2005 | Autor: Patrick Jung
Tags: New Model Army Honigdieb
Review/Bericht vom 14.11.2005 | Autor: Patrick Jung
Tags: New Model Army Honigdieb
Ein Konzert mit einem Hauptact aus der Independent-Ecke komplett ohne Sportjacken-Fraktion, wer hätte gedacht, dass es das noch gibt? Dafür ein Publikum größtenteils um und über Dreißig, durchsetzt mit Altpunks und Gothic Rockern.
Die werden nicht schlecht gestaunt haben, als die Musiker der Vorband vor bereits vollem Haus nach und nach auf die Bühne kamen. Schlagzeug, Gitarre, so weit nicht ungewöhnlich. Kontrabass, Querflöte, Reminiszenzen an NMA’s Folk-Elemente? Und dann erscheint der Honigdieb in der Centralstation Darmstadt.höchstpersönlich, Sir Hannes Smith, im Pelzmantel, mit Zylinder auf dem Kopf und blau leuchtender Minidiskokugel am Ohr! Ach Du süße Kleine bietet gleich das volle Programm: einen bunten Mischmasch aus knüppelharten und/oder bluesig-sanften Gitarren, die Rhythmusfraktion zaubert einen Cocktail aus Punk, Metal, Ska, Humpa, Funk, oder was ihnen sonst gerade so einfällt, Geige und Flöte verbreiten folkiges oder chansoneskes Flair, wenn sie nicht gerade Keyboarder und Turntablisten in die Krise des Arbeitsmarkts einbinden. Als Sahnehäubchen gebärdet sich Sir Hannes wie Biene Majas Freund Willi auf Extasy. Seine Veitstänze und mitunter hysterische Bühnenperformance, für die er nach jedem Song zumindest ein kleines Details seines Outfits variiert, kontrastieren die nett und artig lächelnden Mitstreiter. Einige Anwesende können zwar mit dem schabernackigen Spektakel und den pointierten, teils infantilen deutschen Texten wie „fick dich ins Knie, Madame, du kriegst mich nie“ nicht unbedingt so viel anfangen, aber der Großteil des Publikums quittiert, nachdem das Staunen zumindest halbwegs überwunden ist, die Leistung des Honigdiebs mit Schmunzeln, Johlen und Applaus.Etwas, wenn nicht wesentlich ernster wird es, als New Model Army loslegen. Rotes Bühnenlicht dominiert die Szene, der Spot ruht auf Mastermind Justin Sullivan. Die erste Hälfte des Sets wird regiert von Stücken des neuen Albums Carnival. Jedoch werden beim alten Gassenhauer Here comes the War erstmals auch in den hinteren Reihen die Fäuste trotzig in Richtung Hallendecke gestreckt und mitgesungen. In der Ansage zu Island lässt Sullivan auf Deutsch den Running Gag der Tour raus: „Wir wissen, Ihr sagt, wir sind Inselaffen. Ihr habt Recht.“ Den stimmungsmäßigen Climax stellt 51st State dar, wie könnte es anders sein? Danach wird es wieder eher gesetzt, nachdenklich-zornig. Bassist Nelson verdingt sich bei den worldmusic-inspirierten Songs als zweiter Schlagzeuger. Fühlt sich in sphärischen Passagen noch jemand immer wieder an Pink Floyd erinnert?
Zwischendurch stellt sich mal wieder ein Fan auf die Schultern anderer, um einen Song gestenreich zu zelebrieren. Im von der treuen Gefolgschaft mit Nachdruck geforderten Zugabenteil kann Neuzugang Marshall Gill punkten, weil er die Band überzeugt hat, dass das hochbeliebte Vagabonds doch auch in der aktuellen Besetzung wieder spielbar sei, wenn er die Geigenparts mit der Gitarre übernimmt. Generell war die Stimmung andächtig, Sullivans raue Stimme stellte das harte, aufmüpfige Element im Sound der Band dar, der ansonsten mehr von Melancholie und Atmosphäre geprägt war als von heftiger Power.
Patrick Jung
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