süße satansbraten Pillow Fight Club: Heart-shaped Bombs

Von Patrick Jung. Veröffentlicht am Donnerstag, 3. November 2005
Abonnierbare Themen: pillow fight club

„Als Liebesbriefe getarnte Briefbomben“ drohen Pillow Fight Club mit ihrem Debütalbum an. „Alternative Post Punk“ pappen sie als Genrebezeichnung obendrauf und ringen sich zu Vergleichen mit Billy Talent, Foo Fighters, Hole und Jimmy Eat World durch. Mit Melissa Auf der Maur, The Distillers und Josh Homme dürfte man auch nicht allzu arg daneben liegen, und so langsam dürfte sich beim Leser im Geiste ein Klangbild verfestigen.

PFC erfinden sicherlich keine komplett neue Musiksparte, zeichnen sich aber durch kompetentes Songwriting und ein abwechslungsreiches Tracklisting aus. Ohne die Leistung der anderen Bandmitglieder in irgendeiner Weise schmälern zu wollen, den Extrabonus stellt sicherlich Sängerin Valentina dar, was sie ihrem markanten Organ und der Fähigkeit, jenes in allen denkbaren Färbungen einzusetzen, verdankt. Im Opener Let me decide bedanken sich Pillow Fight Club artig für alle sachdienlichen Hinweise zum Thema Musik und rocken dann komplett unartig nach ihrer eigenen Façon. New Resource lebt vom Kontrast zwischen nachdenklicher Strophe, bevor im Refrain sämtliche Widersprüche trotzig vom Tisch gefegt werden. Overdrive kommt im Gegensatz zum Titel eher sanft daher, wobei immer eine Restangst vor Valentinas Fauchen bleibt. For this lässt einen die erste Minute gebannt dem gedämpftem Säuseln über arpeggierter Gitarre lauschen, bevor man kurz ’ne Packung auf die Mütze bekommt, nach der es wieder so bittersüß weitergeht, dass man genau merkt: hier ist die Messe noch nicht ganz gelesen. Dieses ständige Auf und Ab in der Dynamik macht einen ganz kirre.

Der deutschsprachige Song Gurkenmenschen from Hell bleibt erneut assoziativ-unkonkret und wie kann man eigentlich so ruhig und abgeklärt über „Zombiespinnereien“ nachdenken, nachdem man gerade erst die Frage, ob „das bloß ein Albtraum“ ist, gebrüllt hat? Die zwei Mädels und zwei Jungs müssen Nerven wie Stahlseile haben! Beim relativ straighten Rocker Happy Grey lassen sie ein wenig Gnade walten und schleudern den Zuhörer nicht ganz so durch die Gefühlsachterbahn, was wiederum nicht heißt, dass es weniger auf die Mappe gibt, eher im Gegenteil, es tut nur diesmal gleichmäßiger weh.

Kurz Luft holen darf man dann beim unbetitelten instrumentalen siebten Song. Nova ist sogar fast locker und unbeschwert, aber, hah, so leicht kommen wir nicht aus der Sache raus: bei Monster in the Streets verkündet besonders Gitarrist Thorsten dezent schräg drohendes Unheil, während im Refrain erneut Engelsstimmen von den garstigen Ereignissen berichten. Bevor man Grübeln verfallen kann, ob das bisher Gehörte gespeist ist von Sarkasmus oder Resignation gibt es zum Abschluss von Heart-shaped Bombs einen Seelenstreichler in Form von Do it mit: „not all is bad, not all is grey“ lautet die mit Nachdruck vorgetragene Botschaft, alles ist machbar. Mit sanft ausblendendem Akkordeon setzt sich die Herzfrequenz wieder. Wenn das mal keine noch subtilere Verwirrtaktik ist.

Mit ihrem Erstling präsentieren sich Pillow Fight Club als gewiefte Scharlatane, die auf Basis gewöhnlichen Handwerkszeugs, das die alternative Rockmusik zur Verfügung stellt, den Zuhörer mithilfe auf den ersten Blick unscheinbarer verwirrender Kontrapunktion immer wieder auf dem emotionalen Glatteis an die brüchigen Stellen schicken. Plattenfirmen, zugreifen! Und dabei die Message des ersten Songs beherzigen!

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