novemberregen vs sommer song Bosse rockt mit seinen Jungs in Darmstadt

Von Patrick Jung. Veröffentlicht am Montag, 17. Oktober 2005
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Bosse rockt live


Die Traktor nebst Punkrockmädchen und -jungs
Eine knappe Viertelstunde auf dem Schlossgrabenfest haben gereicht, um die Neugier auf Bosse im Vollformat zu wecken. Wie günstig, dass er kurz darauf wiederkam, um die Goldene Krone zum Auftakt der „Kamikazeherz 2005“-Tour zu rocken!

 

Als Support hatten Music X-treme Die Traktor verpflichtet. Die vier Frankfurter machen deutschsprachigen Alternative Punk und mögen Vergleiche mit den Toten Hosen und den Ärzten gar nicht gern. Tja, sorry, aber das waren auch meine ersten Assoziationen. Die Cräckers und Die Kassierer möchte ich noch ins Plenum werfen. Oder ungefähr drölfzig andere Bands aus dem nicht notwendigerweise deutschsprachigen Punkrock-Genre. Hört sich nicht besonders originell, geschweige denn eigenständig an? Ist es aber, und das liegt an dem von den Jungs selbst beschworenen „eigenen Charme“, den sie an den Tag legen. Wer also an der oben beschworenen musikalischen Mixtur mit pointierten Texten Gefallen findet, sollte eine der nächsten Gelegenheiten nutzen, wenn sich die Jungs wie in Darmstadt ihre schönsten Kopfbedeckungen auf die Rübe schrauben, auf den „Labelcode“ scheißen, den anwesenden „Punkrockmädchen“ eine Ode darbieten, den Sommer schönsingen und mit Ex-Mr. Big-Gitarrist Paul Gilbert wetteifern, wer die schönere Punkversion von Paula Adbuls „Straight Up“ zustande bringt. Aber Vorsicht, wenn sie mit dem Trecker durch die Gegend heizen!

 

In der Umbaupause wabert Alice in Chains’ “Dam that River” aus der Konserve durch den Raum und hält die Spannung und den Puls oben, bis es mit dem Hauptact weitergeht.

 

Man stelle sich vor, die singenden und schauspielernden Harloff-Brüder Marek und Fabien hätten einen Halbbruder, der sich die eine oder andere Bewegung von Gavin Rossdale (ex-Bush/jetzt-Institute) abgeguckt hat, dann hat man eine grobe Vorstellung, was einen optisch bei einem Bosse-Konzert erwartet. Schon wieder ein Vergleich also, und schon wieder einer, der nur ein etwaiges Bild im Geiste skizzieren soll. Obwohl Bosse live schon ein bisschen Post Grunge infiziert klingt. Wer jetzt an Selig denkt, liegt vollkommen falsch. Bei Bosse wird ein unklebriges Popappeal von einem satten Rockfundament getragen. Der Protagonist zeichnet sich durch sein sympathisches, bodenständiges Auftreten und durch ein reichhaltiges Energiereservoir aus, das die Show zum mitreißenden Ereignis werden lässt. Ihm zur Seite am Bühnenrand steht der „griechische Gorilla“ Theo, dem seit Heyday-Zeiten der Ruf eines gefürchteten Mischpultdurchbrennendheißebasslinieninbrandsetzers anhaftet, in nichts nach. Wie da der Zwischenruf „der Grieche muss lauter“ aus dem Publikum ins Bild passt, ist mir jetzt auch nicht ganz klar, aber wahrscheinlich hat die exstatische Verzückung einfach das Sprachzentrum ein bisschen durcheinander gewirbelt. Schlagzeuger „Tjörk Bloom“ und Saitenhexer „Thorben Sander“ sind nicht ganz so extrovertiert, aber wohl nicht, weil sie sich ob ihrer Leistungen an den Instrumenten schämen. (Wenn das mal keine Lokalblatt-Plattitüde war!)

 

Der Reigen geht stilecht und vielsagend mit „Explodiert“ los, die Band und die versammelte Meute rockt, tanzt, springt und hat ne gute Zeit. Die elektronischen Zusätze, die auf Platte den Sound von Bosse prägen, verschwinden live im Hintergrund und es gibt statt dessen ordentlich was aufs Brot. Und warum Stefan Raab Axel Bosse wenige Tage zuvor bei TV Total einfach kurzfristig wieder ausgeladen hat, versteht wohl auch nur er selber. An „Niemand vermisst uns“, der zweiten Single-Auskopplung, die an besagtem Abend live dargeboten werden sollte, kann es nicht gelegen haben, denn die ist eine formidable melancholische Ballade. Weiteres Highlight in meinen Augen, insbesondere in der packenden Liveversion: „Kilometerweit“ mit seiner dramatischen Pause zu Beginn des Refrains, bevor die Luzi wieder mit Volldampf abgeht. Nein, das Duett „Novemberregen“ ist ohne Sängerin Elke von der Band Paula nicht zu reproduzieren, dafür gibt es den neuen Song „Februarstern“ zu hören und die Coverversion von „Warum geht es mir so dreckig“ vom am 14. Oktober erscheinenden Rio Reiser Familienalbum Band 2, auf dem neben Bosse auch Joachim Deutschland, Fettes Brot, die Söhne Mannheims und viele Andere der Deutschrockikone die Ehre erweisen.

 

Dreckig gegangen ist es an diesem Abend bestimmt keinem, im Gegenteil, die Bands haben Laune gemacht, das Publikum hat willfährig den Aufforderungen, nach vorne zu kommen, Folge geleistet oder war schon da, hat mitgetanzt, mitgeschunkelt, mitgesungen und war am Ende ordentlich durchgeschwitzt. Und wem es nicht genug war: Die Traktor präsentieren ab Frühjahr 2006 ihr bereits erschienenes Album „Harter Tobak“ auf der gleichnamigen Tour,  Bosses Erstling „Kamikazeherz“ wartet, flankiert von den drei Singles „Kraft“, „Niemand vermisst uns“ und „Keine Panik“, im Laden auf Euch, man kann es aber auch bei den Konzerten, aktuell im Vorprogramm von Mando Diao bzw. Such A Surge, erstehen.

 

www.bosse-rockt.de

www.dietraktor.de

 

 

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