die netten friedhofsgärtner von nebenan Return to Chaos Part 2 in Darmstadt - Berichte und Originaltöne
Downscape,

Soleilnoir Über das Wie, Wo und Warum hat Kai Müller-Lenz, Frontmann von Downscape und Cheforganisator der Return to Chaos-Festivals bereits hier Auskunft gegeben. Und da er das so gut gemacht hat musste er am zweiten Tag des Festivals vor Ort in der Oetinger Villa noch mal vors Mikro, um den ersten Tag Revue passieren zu lassen und noch ein paar weitere Gedanken zu äußern.
Kai: Vor einem Jahr haben wir hier unsere CD-Release-Party gemacht. Das hat ganz gut geklappt. da haben wir gedacht, hier kann man öfter Konzerte veranstalten. Dann haben wir im Mai das erste RTC gemacht. Es war etwas mäßig besucht, hat aber gut geklappt. Die Bands hatten was zu essen und wir waren alle zufrieden soweit. Man konnte einen Gig spielen. Und dann haben wir für dieses Mal zwei Tage gebucht, weil man kann hier übernachten, es ist ein geiles Haus, man kann für die Bands etwas zu essen kochen und wenn Leute kommen kriegen alle ihr Spritgeld. Diesbezüglich sieht es auch jetzt ganz gut aus. Jetzt müssen nur noch alle wieder gut nach Hause kommen. Guerrilla, der Headliner des heutigen Abends, sind aus der Gegend kurz hinter Köln, haben zweieinhalb Stunden Fahrt vor sich. Aardvarks sind Freunde von denen, sind aus Bonn, haben also ungefähr die selbe Strecke, ich denke, wir werden das mit dem Sprit hinkriegen und ein bisschen was draufpacken können. Das Essen ist bezahlt, die Anlage ist bezahlt, die Mischer sind bezahlt, also insgesamt ist heute ein guter Abend. Ich denke, die Band, die heute die Leute hierher gebracht hat sind Casketnail. Wegen Guerrilla werden auch ein paar hier sein, wegen Legal Hate sind auch ein paar da, aber Casketnail haben die Hütte ganz gut voll gemacht. Wir werden gleich sehen, wie die abgehen. Ich denke, es wird gleich ein bisschen mehr Bewegung sein, wenn die anfangen. Ich glaube, die sind ganz angesagt. Sie sind hier aus der Gegend, haben vor kurzem einen Band-Contest gewonnen (Sie haben sich beim Who’s the King-Wettbewerb im Darmstädter Steinbruch-Theater gegen 23 Mitwerber durchgesetzt) und diesen Jungs ermöglichen wir einfach mal, öfter zu spielen.
Zu den Bands am ersten Tag: Erste Band war Soleilnoir, 
Odium die auch hier aus der Gegend sind, und ziemlichen Ausraster-Metal machen. Der Sänger steht barfuß auf der Bühne und stampft viel rum, kreischt sich die Seele raus. Sehr emotionale Musik einfach. Ich kann sonst nicht viel zu denen sagen, weil ich habe sie das zweite Mal gesehen, aber ich hatte unheimlich viel zu tun, bin nur rumgerannt.
Dann haben Odium gespielt. Das ist so Thrash Metal aus der Gegend um Hanau rum. Die kennen wir von einem Festival, wo wir im Sommer gespielt haben und sie dann eingeladen. 
Midwinter
Dann sollten eigentlich Mort spielen, eine Hardcore Band. Die stehen auch auf den Flyern drauf. Sie haben abgesagt, spielen dafür nächste Woche im Nachtleben in Frankfurt. An ihrer Stelle haben Midwinter gespielt. Black Heavy Metal haben sie auf ihren Flyern stehen. Das war es auch. Sehr episch, mit Keyboard, ein richtiger Hüne am Keyboard. Er sah sehr skandinavisch aus und kam mir hinterm Keyboard ein bisschen fehl am Platze vor. 
Aardvarks So an ’ner fetten Gitarre mit ordentlich Uaaargh im Gesicht. Aber es war voll in Ordnung. Sie hatten ein bisschen Probleme mit Quietschen, mit Rückkopplung vom Mikro. Der Sänger musste das Mikro ständig sehr blöd halten, wir konnten das nicht ändern. Wir haben die Monitorboxen anders gestellt, es ist besser heute, quietscht gar nicht.
ra: Außer bei Legal Hate.
Kai: Außer bei Legal Hate. Aber das sind oft die Gitarren. Man weiß oft nicht. Gestern war es sehr übel, gerade bei Midwinter. Da die hier niemand kannte war die Stimmung etwas verhalten. Es war sehr episch für so einen kleinen Rahmen. Sie gehören auf eine Bühne wo ein paar hundert Leute davor stehen, da kann das innerhalb so einer Metal Szene gut aussehen, aber in dem kleinen Ding hier... es ist immer unwägbar. Man kann es nicht voraussehen. Hier im Nachbarviertel findet gerade auch die Watzemussignacht statt, etliche Bands umsonst inmitten der Stadt. Wir hatten den Termin hier schon sechs Wochen vorher gebucht, dann habe ich das erfahren, da habe ich angefangen zu schmunzeln. Es ist einfach sehr viel los. Ich habe auch in dem Vorbericht gesagt, die Szene ist überfrachtet. Das merke ich hier und das merke ich, wenn ich weggehe. Was hier sehr angesagt ist, ist das Steinbruch Theater und das O25 in Frankfurt. Die Live Arena hat dichtgemacht, zumindest was Metal Konzerte angeht. Das hier ist einfach purer Underground. Ganz klar. Obwohl wir auch eine Tour spielen werden und Guerrilla schon eine Tour gespielt haben.
ra: Findest Du wirklich, dass es ein Überangebot gibt? Ich empfinde das eher als Reichtum, wenn es viele Angebote gibt. Dann ist für jeden etwas da und die Szenen nehmen sich gegenseitig nicht unbedingt so viel weg, da die Klientel einfach unterschiedlich und voneinander separiert sind.
Kai: Das ist schon wahr. Die Szene von harter Musik ist auch nicht mehr die gleiche. Wenn ich 10 Jahre zurückschaue, damals war alles begrenzter, weil man auch lokaler begrenzt war, auch von seinen Möglichkeiten, wegzufahren. Jetzt gibt es viele kleine Netzwerke, die untereinander Konzerte machen und es kommen immer gegenseitig die Freunde und so. Aber wirklich ein Event aufzuziehen ist enorme Arbeit. Da wir das alleine machen, immer versuchen, an andere Netzwerke heranzutreten, gibt es unheimlich viel zu tun. Ich habe mir auch überlegt, das in dem Rahmen nicht mehr zu machen. Sondern es an andere, größere Sachen dranzuhängen. Die Location ist in Ordnung, obwohl hier eher Hardcore und Punk läuft und Alternative.
ra: In der Krone ist es ja teilweise ähnlich.
Kai: In der Krone habe ich auch schon gute und schlechte Konzerte erlebt. Es kommt aber auch auf das Angebot an Musik an. Z.B. am Donnerstag war dieses Harvest-Festival in Hanau, ich war selbst da, die hatten gute Bands und haben 24 Euro Abendkasse genommen. Das hat gestern bestimmt einige abgehalten, am nächsten und übernächsten Tag wieder Kohle auszugeben.
ra: Wobei 5 Euro auch nicht gerade so enorm viel sind für vier Bands.
Kai: Es sind 10 Mark. Wenn ich zurückdenke, früher haben 4-5 Bands 5 Mark gekostet. Aber ich kann es nur so finanzieren. Wir gehen gerade Null auf Null auf. Je mehr übrig bleibt, um so weniger lege ich halt drauf. Die Bands sind schon raus, aber damit ich nicht drauflege braucht es noch einen Tacken.
ra: Hast Du Sponsoren dabei, die bei der Finanzierung helfen?
Kai: Nö, gar niemand.
ra: Dann ist es um so schwerer.
Kai: Ich wüsste aber auch nicht wen. Ich habe schon öfters Konzerte veranstaltet. Früher war der Rahmen kleiner, einfacher, da war ich auch noch mehr gebunden. Jetzt ist es komplizierter. Ich bin zwar viel im Internet aktiv, versuche unheimlich viele Kontakte zu knüpfen. Ich kann aber oft nicht lokal an der Stelle sein oder mich mit Veranstaltern treffen. Das ist kompliziert. Ich versuche hier Konzerte zu machen, und in Gießen mache ich Konzerte mit dem Typen, der heute Abend mischt. Das ist immer ein Pendeln zwischen den Orten an denen ich mich gerade mehr aufhalte. Aber ich bin ganz zufrieden heute Abend.
Da fällt mir noch was zu den Bands am Freitag ein: Ich habe noch ganz vergessen, wir, Downscape, haben auch gut gespielt, obwohl wir ein bisschen unkonzentriert waren, nicht ausreichend proben konnten, weil wir für die Organisation des Festivals so eingespannt waren. Und das, wo wir jetzt auf Tour gehen...
ra: Na, das wird schon werden.
Nach diesen einführenden und teils nachdenklichen Worten geht es jetzt direkt über in des Chaos zweiten Teil:

Legal Hate Die Erdferkel sind los! Ein Aardvark (Orycteropus afer) ist nämlich ein ebensolch possierlicher Vierbeiner. Vorsicht: auf keinen Fall verwechseln mit dem Ameisenbär (Myrmecophagidae) und sogar dem Schnabelligel (Tachyglossidae)! Warum die vier wackeren Herren diesen Bandnamen gewählt haben liegt zwar nicht auf der Hand, aber im Subtilen liegt halt auch ein gewisser Reiz. Nun, genug Schwachsinn gelabert, wir sind ja hier nicht zum Vergnügen. Aardvarks strahlen das gewisse Etwas klassischen Death/Thrash Metals aus, sowohl durch ihre Musik als auch durch ihre Bühnenpräsenz: ein Ehrfurcht gebietender grunzender Hüne im Zentrum der Bühne, die Rhythmusgitarren fest im Griff, ein geschmeidiger Leadgitarrist zu seiner Rechten, ein furioser Tieftöner linkerseits und im Rücken ein atomuhrgeeichter Dampfhammer in Menschengestalt. Freundlich ist er, der Hüne, zwischen den Songs bei den Ansagen, wenn er dem Publikum mit sanfter Stimme für ihre Zuwendung dankt. So verbreitet sich schnell eine Atmosphäre, in der man entspannt dem sehr präzisen Vortrag lauschen kann. Der Selbstbeschreibung der Band kann man beipflichten: „In ihren Stücken haben getragen-melodiöse Teile genauso ihre Berechtigung wie eingehende Mid-tempo Riffs oder mitreißende Thrash-Parts.“ Dass der Hüne außerdem ein echter Casanova ist stellt er unter Beweis, als er den anwesenden Damen „Band T-Shirts in leuchtendem Mentruationsrot“ anpreist. Na ja, Perfektion ist eh nur geschickte Lüge...
Legal Hate sind wiederum als Gesamtspektakel anzusehen. 
Casketnail Die Entertainment-Qualitäten von Frontmann Michael Hamela sind unwiderstehlich, so pointiert leitet er jeden Song ein, so souverän überspielt er die ca. 10-minütige Feedbackorgie zu Beginn des Sets mit dem Hinweis, dass das alles im Eintrittpreis inbegriffen sei, so euphorisch feuert er sich, seine Kollegen und die Zuschauer nach jedem Lied an. Und schon wieder ein treffendes Zitat: „Die Music von Legal Hate enthält Thrash-, Death- und Hardcore-Elemente und wird durch eine Prise Progressivität abgerundet. Man könnte auch sagen es geht ab wie die Hölle und ist trotzdem anspruchsvoll.“, ergänzt um die Information, dass ich mich wiederholt an Kreator zu „Terrible Certainty“-Zeiten erinnert gefühlt habe. Der Vierer aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg hat ’ne Menge Spaß auf der Bühne und verausgabt sich körperlich total. Und hat mit Kai von Downscape bei einem Song sogar noch einen Joker im Ärmel.
Bei der nächsten Band wird es vor der Bühne richtig voll, so wie es Kai vorausgesagt hat. Man könnte meinen, Tokio Hotel marschierten bei The Dome ein. Aber es ist sind Casketnail, die antreten um ihrem „Ruf als hoffnungsvolle Metalcore-Talente aus der Region“ zu zementieren. 
Guerrilla Was ihnen auch mit Leichtigkeit gelingt. In Sachen Sound, Outfit und Habitus setzen sie einen klaren Kontrapunkt zu den Traditionalisten von Aardvarks. So wird klar, was Kai meint, wenn er sagt, sein Ziel sei es, die verschiedenen Szenen harter Musik zu mischen. Wenn man in den Gesichter liest, sind Casketnail offensichtlich selbst ziemlich überwältigt von der Resonanz, die sie gerade erfahren, und wie um zu beweisen, dass das noch lange nicht alles war, präsentieren sie ihren neuesten Song „On my own“, einen neuen zweiten Gitarristen und machen auch sonst keine Gefangenen.
Schwere Hypothek für die Headliner Guerrilla, um nicht zum Rausschmeißer degradiert zu werden. Gut, wenn man einen Mann am Mikro hat, der beim ersten Einsatz gleich von der Bühne springt und wie ein Rumpelstilzchen durch die Zuschauermenge tobt. Schlagartig ist jeglicher Anflug sich einstellender Bettschwere wie weggezaubert und die weitaufgerissenen Augen mustern das Szenario auf bzw. vor der Bühne. Ein Gitarrist strammstehend wie ein in Stein gemeißelter antiker ägyptischer Palastwächter, der andere mit der Klampfe auf Halbmast, derweil der Bassist, anscheinend weil ihm seine flitzefingerndes Instrumentalhandwerk keine ausreichende Herausforderung mehr stellt, den Beweis antritt, dass es gerade in diesen harten Zeiten keine Schande ist, die zu groß geratenen T-Shirts älterer männlicher Familienmitglieder aufzutragen. Der Herr Schlagzeuger indes kommt uns doch irgendwoher bekannt vor... kurz zurückscrollen zum Abschnitt über Aardvarks, bitte. Die fünf Herrschaften aus Kölle bieten in formidabler Weise nicht ganz lupenreinen Death-Thrash – nach eigenen Angaben „...für die ganze Familie“. Und weil es auf ein paar Zitate mehr jetzt wirklich nicht mehr ankommt und Guerrilla auf ihrer Website diesbezüglich alle erdenklichen technischen und philosophischen Raffinessen ausloten soll sich die geschätzte Leserschaft vor ihrem geistigen Auge selbst ein Bild machen, was sie mit „multilateralem Globalisierungsmetal“, „pseudointellektuellem Anarcho-Pop“ oder „Sexualstahl“ assoziiert. Sollte bei diesen Gedankenspielen plötzlich Horn von den Bonner Metzgorern Jack Slater auftauchen, schielt das geistige Auge mit hohem Anschein derbe auf die Bühne, wo genannter Gentleman sich ein Stelldichein als Gast am Mikro gibt.
Um die Anzahl der Originaltöne in fast absurde Höhen zu schrauben, zum Abschluss ein solches von der Downscape-Homepage zu einer immer noch im Raum stehenden Thematik:
„Wir möchten an dieser Stelle [] deutlich manchen, dass wir den Kulturbetrieb in der Oetinger Villa als sinnvoll und notwendig erachten!
Zum einen geht es nach wie vor darum, der lokalen Musikszene ein Forum für Konzerte zu bieten, zum anderen ist die ehrenamtliche, politische und soziale Arbeit in der Villa ein Gut, welches es zu schützen gilt!
Ein Institut zur deutsch-polnischen Freundschaft, Kommunikation etc. wird auch an anderer Stelle einen Platz finden können.
DIE VILLA SOLL DAS JUKUZ BLEIBEN ! ! ! “