flusspiraten unter vollen segeln
BOB - Bands on Board die Zweite
Review/Bericht vom 18.07.2005 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Bands on Board die Zweite Cruise Cafe After Board Party
Review/Bericht vom 18.07.2005 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Bands on Board die Zweite Cruise Cafe After Board Party
Eine Seefahrt, die ist lustig ... Unsere zweite gemeinsame Kaperfahrt gemeinsam mit e-motion.music war nicht minder turbulent wie unsere Jungfernfahrt im vergangenen September. Die Bobs diesmal: Sten, Celluloid und Soma, im Salon an den Plattentellern DJ Spy.
Zur Galerie, die natürlich nur einen äußerst unvollkommenen Eindruck dieses Meilensteins der unchristlichen Seefahrt wiedergeben kann, geht es HIER
Jedenfalls eine kleine Schifffahrt, die versammelter Mannschaft Lust auf Meer, äh mehr gemacht hat. Der Versuchung, eine Meuterei anzuzetteln und sich Richtung offenes Meer davonzumachen, wurde widerstanden, vielleicht wurde es auch schlicht vergessen. Knapp über 200 BOB-Fahrer verloren auf dem Rhein, auf dem es erst flussauf- dann flussabwärts ging, ohnehin die Orientierung. Worms wurde gesichtet, soviel ist überliefert.
Ebenfalls scheinbar bereits Tradition: Wenn die regioactiven an Bord gehen, ist das Wetter fantastisch, Sturmwarnungen und gelb-grünen Gewitterwolken zwei Stunden vor der Abfahrt zum Trotz. Also keine Sorgen wegen Seekrankheit, nachdem Besatzung und blinde Passagiere sich am Steg mit lecker Häppchen, zur Verfügung gestellt vom Cruise Cafe, gestärkt hatten.
Musikalisch kann man die diesjährige BOB-Schleife getrost eine perfekte Rundfahrt nennen. Eingegrooved wurde zunächst mit Mr. Rock’n’Roll: DJ Spy, dem Plattendreher unter falscher Flagge. Dementsprechend vorbereitet war es ein leichtes für Sten zur Laute zu greifen. Einsamer Seebär, der er ist, gab Sten wieder eine seiner berüchtigten One Man Shows, an diesem Abend sah er es als seine vornehme Aufgabe an, den Anwesenden Cat Stevens, mittlerweile bekannt als Yusuf Islam, nahe zubringen Ein Luxus, seine eigenen Songs sind ebenfalls als absolut seetauglich zu bezeichnen. Sten und seine Gitarre schaffen es überall, sich in die Gehörgänge zu winden, und dabei ist er ein mit allen Wassern gewaschener Entertainer, der, als der Käptn, um ein menschlich Bedürfnis zu befriedigen, an ihm vorbeirauscht, sein Publikum mitten im Song fragt, wer denn nun eigentlich das Schiff steuere.
Es wurden trotzdem, wie durch Geisterhand, alle Klippen umschifft und nach Sten nahmen Celluloid, insbesondere deren Sängerin Tina, das Ruder in die Hand. Celluloid segeln unter Trip Hop- Ettiket, der Sound setzt sich aus dominanten Bassläufe, natürlichen & elektronischen Beats, Gitarre und programmierten Sounds zusammen, darüber liegt die Stimme Tinas, die irgendwo zwischen Björk, Beth Gibbons und Patti Smith ihre Kapriolen schlägt und in Verbindung mit ihrer intensiven Bühnenpräsenz (auch wenn es, wie auf der Kurpfalz, gar keine Bühne gibt) jederzeit die Nackenhärchen zum Stehen bringt. Ebenso wie Celluloid nicht an ihrer Trip Hop-Schiene kleben, sondern es im Schiffsgebälk auch mal jazzen und rocken lassen, gibt es auch keine prägende Grundstimmung, der emotionale Parforceritt geht von Melancholie bis Lebensfreude. An diesem Abend setzt sich Gitarrist Olaf, der die Band nach dieser Seereise verlässt, noch einmal ein kleines Denkmal, lag’s am Sound oder an seinen Riffs, die selten so gut zur Geltung kamen wie auf der stolzen und edlen Kurpfalz und perfekt das taten, was einem Rockgitarrist zu wenig wäre, aber wirklich gelungene Musik ausmacht: Sie begleiteten formvollendet und wunderbar warm die Sirene des Abends bei ihrem Wellenritt über Väterchen Rheins Rücken während draußen Udinen und Flussgeister im Takt mitschwammen.
Soma aus Ludwigshafen hatten in zweierlei Hinsicht leichtes Spiel: Sie übernahmen ein perfekt vorgeglühtes Ruder, das während der Umbaupause von Sten auf Hitze gehalten wurde, und wussten backbord (oder steuerbord? Flussauf- oder abwärts? Wo sind wir eigentlich ...?) ihre Pfälzer Heimat in Sichtweite. Soma waren dieses Jahr so extrem fleißig und dauerpräsent, dass an dieser Stelle schon das ein oder andere Wort über sie verloren wurde, Audiosurf, Silbermondsupport und MMA seien hier die Stichworte. Was Wunder, die Vier rocken auf Kommando bis der Klabautermann kommt, vergessen dabei nie, dass es so etwas wie Melodie gibt und haben einen Frontmann, dem der Wind in allen gesetzten Segeln seit dem 1000stimmigen Mädelsgekreische beim Silbermond Gig anzumerken ist. Dementsprechend rockten Soma die Kurpfalz souverän Richtung Heimathafen, ein mittleres Seebeben, das da auf die Kurpfalzbrücke zurollte, die Udinen hatten mittlerweile Neptun höchstpersönlich im Schlepptau, der da seine grüne Mähne schüttelte und den Dreizack wild wirbelte. Der Schiffbruch konnte nur durch Einsatz DJ Spys und seine mit allerteuflischstem Rock’n’Roll gefüllten Seemannstruhen im Unterdeck verhindert werden, das einsetzende Powackeln stabilisierte die arg schlingernde Kurpfalz gerade noch rechtzeitig und brachte sie auf exakten Kurs in den Heimathafen.
Von dem aus es noch zur After Board Party ins benachbarte AFM ging. Alles was über diese Episode berichtet wird, ist übrigens reiner Seemannsgarn. Sten hat noch ein bisschen die Laute geschlagen und artig dazu geträllert, während Musiker, Passagiere und Besatzung bei einem Glas Kräutertee die beschauliche Schiffsreise Revue passieren ließen. Ehrlich.
Gerald Merkel
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