schlag auf schlag Southside Festival 2005

Von Gerald Merkel. Veröffentlicht am Mittwoch, 15. Juni 2005


Das Zwillingspärchen No.2 unter den deutschen Festivals darf zufrieden sein: Zum ersten Mal konnten sowohl Southside (40 000) als auch Hurricane (60 000) drei Wochen vor Festival Beginn Ausverkauf melden. Ein wesentlich härteres Line Up (NIN, SoaD, QOTSA, Rammstein) als in den Jahren zuvor mag dazu beigetragen haben. regioactive.de mischte sich unter die 40 000 Südseiter.

Das Southside Festival ist den regioactiven mittlerweile ans Herz gewachsen. Auf ein Programm vom feinsten und auf ein organisatorisch unkompliziertes Festival konnte man sich bislang durchaus verlassen. Insofern war der diesjährige Erfolg des Festival Zwillings sowohl vorhersehbar als auch von Jahr zu Jahr verdient.


Der frühe Ausverkauf hinterließ allerdings recht flott seine negativen Spuren: Nach einer überraschend in einer Kurve aufgebauten Polizeikontrolle (sozusagen als kleiner Reaktionstest) war der Weg vom Park- zum Zeltplatz durchaus kein Pappenstiel. Im Gegensatz zu den Vorjahren war es bereits freitagnachmittags nicht unproblematisch einen Zeltplatz für mehrere Personen zu finden, zu späteren Zeitpunkten völlig unmöglich. Insgesamt wurde der Eindruck erweckt, dass zwar mehr Karten verkauft, dafür aber nicht mehr Platz zum Zelten geschaffen wurde und das trotz scheinbar
Beatsteaks
Foto: Günter Distler
weniger Dixies als im Vorjahr. Diese wurden dann auch nicht mehr so regelmäßig geleert, vielleicht auf Grund der Tatsache, dass viele Besucher gezwungen waren, auf dem für das Abpumpfahrzeug vorgesehenen Weg zu zelten. Derart Organisatorisches war dem Festival in den Vorjahren auf der Habenseite zu verbuchen, dieses Jahr leider nicht mehr. Widersprüchliche Security-Aussagen ergänzten diese zwiespältigen Eindrücke. À Propos Security-Aussagen: Nach einigen Plauderern unter diesen zu urteilen, waren auch wesentlich mehr (über 50 000) Besucher vor Ort. Was dem Einschätzungsvermögen der dortigen Security-Kräfte nach zu urteilen nicht viel heißen mag, mit dem gefühlten Platzangebot allerdings übereinstimmen würde.

Nun gut, mal sehen wie das nächstes Jahr geregelt wird, zumal wohl bereits von einer Aufstockung von 5 000 Besuchern die Rede ist. Dann muss die Infrastruktur allerdings mitziehen. Was wieder mitzog war das Wetter, die Nächte waren zwar kalt, aber dagegen gibt’s Mittel und Wege. Regen war wie üblich Fehlanzeige, da scheint das Southside einen guten Sponsorvertrag am Start zu haben. Wehmutstropfen: Zeltplatzdiebe. Glücklicherweise ziemlich dumme, denn es wäre außer der Sonnenbrille noch mehr an Wertgegenständen zu finden gewesen. Wünsche trotzdem mal alles Schlechte...

Zur Musik: Davon gab’s auf zwei Bühnen reichlich, eine größer, die andere kleiner, das Programm diesmal fast perfekt ineinander übergehend mit nur wenigen Überschneidungen.

Freitag


Audioslave
Foto: Günter Distler
Das Freitagabend Finale legte schon mächtig los. Eingeleitet von den Beatsteaks, die wieder mal lässig unter Beweis stellten, wer in Sachen Punkrock in Deutschland die Hosen anhat, ging der Ball an Audioslave weiter. Soundgardens Chris Cornell mit den Rage Against The Machine-Mannen. Man durfte gespannt sein. Und Chris Cornell und Tom Morello erwiesen sich auch als beeindruckendes Duo. Morellos Gitarrenspiel ist ebenso charakteristisch wie seine Bühnenpräsenz und wird von einem charismatischen Cornell ergänzt, der neben seiner markanten Stimme auch ein Blickfang ist – einer der allerdings auch wirkt, als wüsste er das seit frühsten Jugendjahren.
Die Ankündigung, dass Audioslave neben ihrem eigenen Material auch Soundgarden und RATM-Stücke spielen würden, wurde erfüllt. Allerdings hat die Zusammenstellung „Black Hole Sun“ und „Killing in the Name of“ dann doch etwas von einer Covershow. Vor allem letzteres ging gründlich daneben. Chris Cornells Stimme wie Attitüde sind perfekt, was Soundgarden Material angeht und der Audioslave Hit der Saison „Be Yourself“ schlägt in genau diese Kerbe. „Killing in the Name of“ braucht allerdings einen vor Aggression platzenden Zack De La Rocha und keine grungig getrimmte Darbietung des Schönlings Cornell. Für viele trotzdem der Höhepunkt des Gigs, was ja auch schon Bände spricht.

Eine Bühne weiter gab im Anschluss darauf der Neu-Scientologe Beck sein Gastspiel, vor der Hauptbühne hieß es allerdings Plätze sichern für System Of A Down. Und was die Vier boten, stellte den frühzeitigen Höhepunkt des Festivals dar. Der Einstieg war identisch mit den ersten drei Stücken der aktuellen Platte „Mezmerize“, die einen (hoffentlich vorläufigen) Scheitelpunkt ihres musikalischen Schaffens darstellt. SoaD boten live genau das, was auch „Mezmerize“ auszeichnet: Fantastisch eingängige Refrains neben knüppelharten Passagen, an Dadaismus grenzende Frickeleien, politisch und sozialkritisch klar Stellung beziehende Texte, denen trotzdem – wie auch der Musik – Humor und Skurrilität nicht abgehen. Ein Gewächs aus Hardcore und Punk, das Zappa durchaus wahrgenommen hat, auch Slayer sehr zu schätzen weiß und keine Angst vor Pathos hat. Last but not least: Die armenischen Wurzeln Daron Malakians (git), Serj Tankian (vc) und Shavo Odadjians (Bass). Die Art derartigen Präzisionsspeed aus dem Handgelenk zu schütteln, scheint durchaus aus dem musikalischen Wachstum an tanzfreudiger Folklore entstanden. SoaD sind auf der Bühne prägnante Figuren und trotz des langmähnigen Sängers und des perfekt getimten Kopfschüttelns der Seitefraktion von stereotypem Rockstar-Gehabe so weit entfernt wie ihre inhaltliche Haltung. Besondere Schmankerl sind die knochentrockenen Ansagen Malakians. Gesang, Attitüde und die Art gesellschaftliche Probleme mit bissigen, bösartigen Slogans und Humor anzugehen, liegen in der Tat wesentlich dichter bei den Dead Kennedys und Acts aus derem Umfeld wie Alice Donut, als an irgendwelchen Nu Metall-Genregrößen.

Der Gig wächst trotz einiger Stolpersteine zum Einstieg – der SoaD auszeichnende Chorgesang wirkt bei BYOB (Bring your own Bomb) noch etwas zerfahren - im weiteren Verlauf zu absoluter Perfektion. Das Material der ohnehin nur 36 Minuten langen Mezmerize stand nicht im Vordergrund, nach den ersten drei Songs wurden lediglich Cigaro, Lost in Hollywood (wenn das kein Hit wird ...) und Question eingestreut. Ansonsten gab es einen Querschlag durch das SoaD-Universum von Chop Suey über Aerials bis zu Toxicity. Kurz nach Beginn musste der Gig unterbrochen werden, da einige Zuschauer gegen den Wellenbrecher vor dem Moshpit gedrückt wurden. Was allerdings glimpflich abging, das Los des Hurricane Festivals, wo während des SoaD-Konzerts mehrfach die Boxen ausfielen, wäre weitaus schlimmer gewesen, denn von diesem Auftritt wollte man keine Sekunde missen.

Den Kehraus dieses fulminanten ersten Tages machten New Order, die allerdings relativ wenig Beachtung fanden. War dennoch eine nette Zugabe, „Blue Monday“ mal live mitzukriegen.

Samstag


Moneybrother
Foto: Günter Distler
Der Samstagmittag kam wie gewohnt etwas behäbig in die Gänge, erster Anlaufpunkt: The Eagles of Death Metal und dabei noch die Möglichlkeit aus den Augewinkeln Madsen – angepunkte Norddeutsche - mitzubekommen. Die ein absolut ansprechendes Set hinlegten, zumindest, was die letzten beiden Songs anging. Den Eagles um Jesse "The Devil" Hughes ist hundert Meilen gegen den Wind anzuhören, dass sie zu der Dessert Session Posse um Queens Of The Stone Age-Mastermind Josh Homme gehören. Allerdings musikalisch wesentlich zurückgenommener als diese. Neben Jesses Tätowierungen und Barttracht (irgendwo zwischen Gay Parade und Hell’s Angels) sticht Gitarrist Dave Catching (Mondo Generator) mit seinem Cowboy Hut und der an und für sich immer völlig geschmacklosen aber in seinem Fall absolut passenden Flying V ins Auge. Außerdem gern und zurecht im Mittelpunkt der Monitorkamera: Die ehemalige Hole- und Mötley Crüe-Drummerin Samantha Maloney, die an Stelle Josh Hommes an der Schießbude saß. Insgesamt ein Gig, der Lust darauf macht sich umgehend großflächig zu tätowieren und betrunken Motorrad zu fahren.


Mando Diao
Foto: Günter Distler
Weitere Stationen des Samstag Nachmittags: Moneybrother, deren Sangesbuder Anders Wendlin soulig-krazige Stimme ein um 16.00 ebenso passendes wie realistisches „Good morning, thank your für beeing up so early“ hervorbrachte und La Vuela Puerca, die lustige Latino-Ska-Punk Truppe aus Uruguay.


Queens of the Stone Age
Foto: Günter Distler
Des Abends durften die schwedischen Großmäuler Mando Diao als Ersatz von Richard Ashcroft ran, was diese, beherzt die Pilzmähne schüttelnd, quittierten. Dreckiger R’n’R, der wirklich gut ist, wenn auch nicht ganz so gut wie die Jungs nicht müde werden zu betonen.

Danach ein weiteres Highlight des Festivals: Queens Of The Stone Age legten los. Strippenzieher Josh Homme wurde gerade zu drei Jahren Bewährung, Sozialstunden beim "Hollywood Beautification Team" sowie 60 Tage stationärer Drogenbehandlung und Anger Management-Kursen verurteilt. Homme hatte 2004 dem Dwarves Sänger Blag Dhalia eine Bierflasche über den Schädel gezogen, Hintergrund war vermutlich der Rauswurf Nick Olivieris bei den Queens. Auf der Bühne war davon keine Rede, QOTSA boten das Paket Stoner Rock, das von ihnen erwartet wird.
Die Ärzte
Foto: Günter Distler
Was sich auf der aktuellen Scheibe Lullabies to Paralyze abzeichnet, manifestierte sich live: Sperriger als bisher gewohnt, ein fetterer Schuss Psychedelic und Melancholie aber dabei immer das bekannt fette Paket Stoner Rock. Nick Olivieri: Auch wenn sich niemand auf der Bühne entblößt, wird der Wahnsinnige nicht vermisst. Weniger Punkrock wird durch ein Mehr an Schamanentum ersetzt, und Neu-Basser Alain Johannes braucht sich nichts vorwerfen zu lassen. QOTSA rocken sich durch ihre bisherigen Alben, bieten aber kein definitives Festivalprogramm. Auch die eingängigen, straighten Kracher wie „No one Knows“ oder „Little Sister“ werden live ordentlich rotzig durch den Fleischwolf gedreht. Wobei bei den Queens sicherlich immer die Frage ist, inwieweit solche Ausprägungen von der Tagesform bzw. dem erreichten Brainlevel abhängen. Ein verdrogte abgedrehte aber brillante Darbietung, die vom Publikum zum Teil relativ still & staunend aufgenommen wurde, allerdings auch, weil im Moshpit derart getobt wurde, dass danach schlicht die Luft zum Atmen fehlte.


Mike Patton
Foto: Günter Distler
Der Abend ging munter mit den Ärzten weiter, wie das bei einem Festival läuft, dürfte klar sein ... beste Band der Welt und so ... Jedenfalls eine der kurzweiligsten. Die Hierarchien sind hierzulande doch immer noch klar: Die kleine zeitliche Überschneidung von Wir Sind Helden mit den Ärzten bewirkt, dass das Publikum nach "Denkmal" in Scharen abwandert um sich einen guten Platz bei den Ärzten zu sichern. Und auch festgehalten werden muss, wie Wir Sind Helden neben einer derartigen Creme internationaler Acts wirken: Äußerst blass, sorry neue deutsche Popmusik. Allerdings noch aschfahler um die Nasenspitze: Oasis werden nach dem zu urteilen, was sie beim Southside gezeigt haben, mit der Meinung die beste Band der Welt zu sein, ziemlich alleine dastehen. Routine kann auch unmotiviert wirken.

Sonntag


Bekanntermaßen der derbste Festivaltag. Durchhängen oder weitermachen ist die Devise und um auszuprobieren, was da der Königsweg ist, ist Fantômas keine schlechte Härteprobe. Unter der Regie von Faith No More-Sänger Mike Patton zelebrieren Terry Bozzio, Gitarrist Buzz Osbourne (Melvins) und Bassist Trevor Dunn (Mr. Bungle), wohin Noise wörtlich verstanden, mit Metal verbunden, führen kann. Schlagzeug-Legende Dave Lombardo (Slayer), der normalerweise an den Schlegeln sitzt, ist auf Grund der Slayer-Tour unabkömmlich, Bozzio, der sich frühe Meriten bei Frank Zappa verdiente, ist hier allerdings ein vollwertiger Ersatz. Mike Patton erklärt direkt am Anfang, dass mit dem Publikum nicht weiter gesprochen werde und sie einfach ihren Kram spielen würden. Tun sie. Patton hat fast immer die drei Anderen, vor allem Terry Bozzio, im Blick und gibt mit großer Geste die Anweisungen für brachiale Breaks und,na ja, Schläge, Riffs im herkömmlichen Sinn sind es keine. Selbst dreht er an diversen kleinen Apparaten mit kleinen Knöpfen, säuselt, wispert und vor allem schreit er. Dabei zuzusehen wie da diese Experimental-Chose live entsteht, ist einigermaßen faszinierend, inwieweit das auf Platte ein Genuss ist, mag jeder für sich entscheiden. Klarer ist die Frage, welche Relevanz Fantômas hätten, stünden nicht diese großen Namen dahinter – keine Große. Harmonie und Melodie gibt es während des Fantômas-Auftritts jedenfalls woanders, dafür darf jede Lärmattacke mit Spannung erwartet werden. Trotz des jedenfalls wahnsinnigen Charakters und Pattons Schreiorgien hat der Gig allerdings eine unbestreitbar klassische Note. Es ist allein faszinierend versuchsweise zu verfolgen aus welchen Mustern die meist brachialen Einsätze hergeleitet werden. In dem knapp 45-minütigen Set befinden sich aber immerhin zwei Stücke, die auch Laien so etwas wie Struktur erkennen lassen, mindestens einmal singt Patton in in diesen Breitengraden herkömmlicher Art und Weise. Und sofort nehmen die Klangstrukturen auch eine seltsame Schönheit an. Mike Patton verabschiedet das zu kleinen Teilen bangende (diejenigen müssen sich frühmorgens KONSEQUENT fürs Weitermachen entschieden haben) und zu größeren Teilen fasziniert bis belustigt staunende Publikum zum Abschluss treffend mit den Worten „Thank you for your patience“ und es geht zurück in die Festival-Normalität.

You will know us by the Trail of Death und Slut rocken sich durchs Geschehen, das mit Turbonegro zumindest optisch wieder hinreichend skuril wird – musikalisch liegen die Denim Damons mittlerweile eher Richtung Stadion, aber das mit Bravour. Wesentlich mehr skurrile Schminkversuche und Matrosenmützchen als noch vor zwei Jahren im Publikum. Ahoi.

Dann der Höhepunkt des Sonntagabends auf der Hauptbühne: Trent Reznors Nine Inch Nails, derzeit bestehend aus Aaron North als Springteufel und zweiter Giatrrist (Ex Icarus Line), Jeordie White (Aka Twiggy Ramirez – A Perfect Circle) am Bass, Jerome Dillon (dr) und Alessandro Cortini.(Kys) feuern ihr schwarzes Feuerwerk ab. Trent Reznor zeigt Oberarme, in jedem Sinn der Wendung. Vor gleichgültigen Bauhaus-Fans habe Reznor vor Jahren die Contenance verloren, so will es die Legende, nach Herzenslust auf der Bühne randaliert und daraufhin ein begeistertes Publikum vorgefunden (übrigens ein Phänomen, das das regioactive.de-Team auch am Cocktail
Dinosaur Jr.
Foto: Reiner Pfisterer
Stand anlässlich jämmerlich gemixter Caipirinhas und darüber geführter Beschwerde auch erfahren musste. Erst nach Verlassen des normalerweise akzeptierten Pfades zwischenmenschlicher zivilisierter Kommunikation wurde das durchaus berechtigte Anliegen in unserem Sinn erhört. Traurig aber wahr: Lieb sein bringt nix, der Geist von Woodstock hat sich aufs Altenteil zurückgezogen). Genug ausgeschweift, Trent Reznor hat aus dieser Episode gelernt, was er und seine Mannen auf der Bühne ausstrahlen, ist ein gebündeltes Maß Aggressivität. Speziell Aron North springt mehr auf der Bühne herum oder simuliert Gitarrenstöße in die Gesichter seiner Bandkollegen als das er sein Instrument spielt. Gleich zu Beginn liegt er, Kopf nach hinten über, auf seinem Amp, was wirklich trollig wirkt. Trent soll mal einen Gitarristen über die Monitore geschickt haben, möglicherweise wollte Aaron derartigen Attacken mit vorrauseilendem Gehorsam begegnen, der Chef steht ja im Ruf ein arger Diktator zu sein. Dass Aaron North sich nicht allzu sehr um die Gitarre kümmern muss, macht Jerodie White am Viersaiter möglich. Der Löwenanteil des NIN-Sounds kommt live von ihm, überhaupt ist das Prinzip live, die Industrial-Symphonien qua Gitarre, respektive Bass unters Volk zu jagen. Das gewaltige klangliche Spektrum der NIN-Studio Aufnahmen bleibt so etwas auf der Strecke, trotz Allesandro Cortinis unermüdlichem Einsatz. Das aber zu Gunsten einer energiegeladenen, aggressiven Show der fünf komplett schwarz gekleideten Herren (Aaron bleiben zwar Bühnenstürze erspart, zumindest wird er aber von Trent rücklings angefallen und ordentlich durchgeschüttelt), die perfekt zum musikalischen Vortrag passt. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Trent Reznors Stimme auch live Gänsehaut in Massen über den verdreckten Festival-Rücken jagt, da stört es auch nicht wirklich, dass er in den ruhigen Passagen meist einen Halbton daneben liegt. Ein Konzert, bei dem auch die bekanntesten NIN-Stücke derart eigenwillig interpretiert werden, dass man sie erst mittendrin erkennt. Gesamteindruck: Auch für diejenigen Festivalbesucher, die keine hartgesottenen NIN-Fans sind, ein absolut beeindruckendes Erlebnis.


Direkter Sturmlauf zur kleinen Bühne war angesagt, denn dort tagte gerade eine frisch reunierte Legende: Dinosaur Jr. In Originalbesetzung, sprich mit den eigentlich spinnefeind gewordenen J Mascis und Lou Barlow. Nachdem sich Balow bei den Aufnahmen von Bug absetzte um unter anderem mit seiner Band Sebadoh selbst einen Indie-Kracher nach dem anderen zu zünden, waren die beiden nicht mehr all zu gut aufeinander zu sprechen. Nun stehen sie jedenfalls wieder zusammen auf einer Bühne und malträtieren die zusammengenommenen 10 Saiten, dass es eine Lust und Wonne ist. Der Beweis, dass da wirklich J Mascis steht, wird tatsächlich lediglich durch sein Gitarrenspiel und seine Stimme angetreten. Eine knallgrüne Sportjacke kontrastiert sich mit den verwaschen ergrauten Haaren, die komplett sein Gesicht verhüllen. Aber spätestens beim ersten Soli ist jeder Zweifel verflogen, der Mann, der die 60iger mit Punk Attitüde versöhnte und das Gitarrensoli in den Schrammelrock etablierte, hat von seiner komplett eigenwilligen Virtuosität nichts eingebüßt. Ergänzt wird er kongenial durch Lou Barlow, dessen melodisches Bassspiel sich in keinster Weise hinter Js Jazzmaster verstecken muss.

Insgesamt bilden die beiden die Antithese zum vorher erlebten NIN-Konzert: Mascis, der optisch fast wirkt wie eine ergraute Ramones-Karikatur – also immer noch die gepflegte Uncoolness schlechthin – und Barlow, der etwas von einem in die Jahre gekommenen Sozialpädagogen hat , bearbeiten ihre Instrumente zwar fantastisch - wie etwa Barlow diese perfekten Bassfiguren aus seinem Instrument befördert, indem er es mit der Rechten bearbeitet wie die letzte Schrammelklampfe, wird mir Normalsterblichem wohl ein ewiges Rätsel bleiben – von einer Show ist allerdings kaum etwas zu sehen. Dafür Jagd ein Evergreen den nächsten, bevorzugt Material aus ihrer gemeinsamen Zeit kommt zum Zug, ansonsten werden auch einige Stücke der You’re Livin All Over Me geboten. Kleiner Auszug des bunten Reigens: Forget The Swan, Just Like Heaven und – natürlich – Freak Scene. Und gegen Ende ist doch tatsächlich ein Wippen und Zucken bei beiden zu erkennen, auch meine ich tatsächlich Js Mundwinkel unter der Haarpracht erspäht zu haben. Der Meister hofft, dass wir alle „a perfect weekend“ hatten, dann ist der Spuk vorbei und entlässt uns ca. 15 Jahre jünger in die Wirklichkeit. Diese hat noch ein Feuerwerk parat, da dieses aber kein musikalisches, sondern ein von Rammstein auf der Bühne gezündetes ist, bleibt’s mit Dinosaur Jr. beim Finale Virtuoso und dem Wunsch auf mehr davon.


Damit endet ein dreitägiger Festivalmarathon, der eine Spur anstrengender als die letzten Jahre war, allerdings auch ein musikalisches Programm bot, dass sich auch wirklich lohnte – ohne die Hälfte aller sehenswerten Acts wirklich gesehen zu haben. Unterm Strich fand der Höhepunkt des Festivals tatsächlich am ersten Tag statt – System of a Down drehen einsam ihre Kreise über dem restlichen Geschehen. Queens of the Stone Age und Nine Inch Nails folgen ohne Reihenfolgen festlegen zu müssen. Bei beiden positiv: Eine Live-Darbietung, die alle jeweiligen Stärken beinhaltet und dabei so spannend ist, wie Konzerte sein sollten - kein Song klingt wie simpel von der Platte reproduziert. Außer jeder Konkurrenz, wenn auch aus verschiedenen Gründen: Fantômas und Dinosaur Jr. Das Southside hat sich ein weiteres Mal als musikalischer Jahreshöhepunkt etabliert.

 

Fotos: SOUTHSIDE Festival  www.southside.de 

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