4lyn Gude, und willkommen zum Bericht über das 7. Schlossgabenfest in der Darmstädter City. Euer ortsansässiger Regioaktiver hat vollen geistigen und körperlichen Einsatz gezeigt um das auf diesem Hessischen Musikfestival bei freiem Eintritt dargebotene Spektakel in die vollklimatisierten Wohnstuben mit digitalem Breitbandanschluss zu bringen. An vier Tagen über 50 Bands auf drei Bühnen, eine Diskoarea, 400 000 Besucher bei 38 Grad im kaum vorhandenen Schatten, da brauchte es eine harte, aber sorgfältige Auswahl, weshalb der Schwerpunkt der Berichterstattung auf dem zweiten und dritten Tag, also Freitag und Samstag auf den Bühnen rechts und links des Staatsarchivs, jeweils benannt nach deren Hauptsponsoren Entega und Echo, liegt. Aber auch Abstecher in die Oettinger Villa und die Goldene Krone waren geboten.
Freitag, 27.05.2005
No Spoon aus Darmstadt eröffnen um 18 Uhr mit "Break the Silence" stilgerecht den zweiten Tag des Festivals auf der Entega-Bühne, die sozusagen die Hauptbühne ist. Der Sound ist von Beginn an gut. Ihr Alternative Metal ist nicht die typische Sommermucke, der Anteil schwarzer Kleidungsstücke bei ihrer Zuhörerschaft trotz schweißtreibender Temperaturen nichtsdestotrotz standesgemäß. Und sie locken die Leute in die Sonne, vor die Bühne. Zeitgleich spielen die Indie-Rocker Verlen aus Frankfurt auf der Echo-Bühne und haben anfangs ein größeres Publikum, was auch auf den großen Schattenwurf des Staatsarchivs an dieser Stelle zurückzuführen ist. Der Zwischenstopp bei ihnen fällt just auf den Moment, in dem sie "In Hell", ihren Beitrag zum aktuellen Noisepollution-Sampler anstimmen. Mit Jubel wird ihre Ankündigung quittiert, dass sie es per Bandwettbewerb ins Talent Forum bei Rock am Ring geschafft haben. Sie sind etwas agiler auf der Bühne als ihre Kollegen um die Ecke, geposed wird auf beiden Bühnen in jeweils szenetypischer Manier. No Spoon haben mehr Bewegung vor der Bühne zu vermelden und mittlerweile für die Zeit viele Fans am Start, so dass sie auch entsprechend Beifall einheimsen können. Selbstironisch verkündigen sie, dass sie doch tatsächlich ein spaßiges Lied im Set haben, und das heißt sinnigerweise, da (fast) am Schluß gespielt, "Goodbye".
schlossgrabenfest Um 19 Uhr betreten die Hamburger
Eaten by Sheiks die Echo-Bühne chic in Samt-Sackos. Ihr bizarr-schöner Sound ist geprägt durch psychedelische Gitarren auf knarzend-waberndem Bassfundament plus mehrstimmigem Gesang und klingt wie Moby meets Garagenrock meets 311. Oder so. Angespornt durch die ersten zaghaften Lightshow-Versuche (dazu später mehr) bangt sich der Bassist fast zu Tode. "Ihr seht noch skeptisch aus!" analysieren sie die Reaktionen des Publikums. Kann schon sein, ist aber nicht böse gemeint! Die Lokalmatadoren
Sober, rechtzeitig wieder genesen nach ihrer Absage beim DA-Bands-Festival in der Goldenen Krone, musizieren dagegen auf der Entega-Bühne etwas geradliniger, britisch geprägt, melodisch, rock'n'rollig, ihr Stageacting ist weniger extrovertiert und gitarren(solo)lastiger. Mit langen Mähnen würden sie auch unter Mainstream Hardrock-Bands nicht groß auffallen. Ärsche werden beiderorts geshaked. EBS gewinnen in der Kategorie Moshpit, während sich bei Sober die Menge dichtgedrängt vor der Bühne versammelt.
Kurz nach 20 Uhr nehmen die Disco Doomer Freezeebee die Echo-Bühne ein. Die Anwesenheit von Noisepollution-Mastermind Timo vor der Bühne dürfte jedem Eingeweihten als Gütesiegel vorzüglichen Gitarrenentertainments gelten. Als Erstes beweisen sie mal, dass das Wort "Darmstadt" hervorragend zum Mikecheck taugt (mal "Fleischworscht" oder "Worschtsupp" probiert?!), und während sie sich noch für ihre Frankfurter Herkunft entschuldigen legen Ferox auf der Nachbarbühne schon mal lautstark los. Bei Freezeebee darf und kann jeder mal singen. Als Innovatoren beweisen sie sich durch neue Festivalansagen wie "geht doch mal alle nach hinten!" Ihr Sound erinnert manchmal an Korn, sollten diese irgendwann mal eingängig-melodische Songs schreiben. Ferox lassen gewohnheitsmäßig nichts anbrennen und bieten gefälligen Poppunkrock. Sie und fast alle anderen Bands an diesem Tag bekunden offen ihre Sympathien für den Erhalt der Oettinger Villa als JuKuZ, ein Thema, dass dieser Tage in Darmstadt in aller Munde ist und von Demos und weiteren Aktionen begleitet wird. Weitere Informationen dazu in Kürze.
Kurz nach 21 Uhr kündigt Moderatorin Raffaella von NewcomerTV neben dem Schlossgrabenfest-Special am 18. und 25. Juli im Hessenfernsehen die ersten Gewinner des Votings an: The Heartbreak Motel.Die können es wohl selbst noch kaum fassen und springen auf der Bühne herum wie gestochen und bieten dabei Punkrock, der klingt wie Danzig in poppig. Das Mikro wie ein Lasso zu schwingen ist auch wieder modern und dem Publikum gefällts. Den Rückgang der Anfangsenergie und damit des vielleicht etwas übertriebenen Posings kompensieren sie musikalisch. Königwerq verbreiten derweil auf der Entega-Bühne positive Energie.
So um circa halb elf haben sich dann sämtliche
4LYN-Fans der Republik in Darmstadt versammelt, es ist mächtig voll vor der Echo-Bühne. Vielleicht sind sie nicht die bekannteste oder originellste deutsche Band in ihrer Altersklasse, aber bestimmt nicht die schlechteste. Ihre Liveerfahrung kommt deutlich rüber, Sänger Braz kommuniziert permanent mit dem Publikum und ist ein echter Springteufel. Soundmäßig wird ihnen oft vorgeworfen, dass sie nah an amerikanischen "Vorbildern" wie POD (inbesondere die Gitarrensoundscapes), Limp Bizkit, Papa Roach etc. sind, und Vergleiche mit the Rasmus werden oft bemüht., was man gar nicht mal alles in so weite Ferne stellen kann. Dabei vergisst man oft, dass 4LYN schon annähernd ebenso lang im Geschäft sind. Nebenbei dürften Vorwürfe von Epigonentum spätestens nach der sogenannten Retro- bzw. Garagenrockwelle oder wenn deutschsprachige Bands schamlos bei Nena oder anderen NDW-Größen klauen sowieso ad absurdum geführt sein. Auf den Vergleich mit The Rasmus spielen die Jungs mehrmals selbst ironisch an und jammen sogar kurz auf deren Hit "In the shadows". Der Gig wird ein großer, die Jungs sind hellauf begeistert und beeindruckt vom Publikum, das sich ebenfalls nicht zurückhält. Dafür wird es mit dem wahrscheinlich mächtigsten "Braveheart" (die Menge wird hälftig geteilt und dann rennen beide Partien wie im Film die Engländer und Schotten aufeinander los) der Geschichte Darmstadts belohnt. Nach einsichtiger Selbstkasteiung ("Ich hab' im letzten Song versehentlich statt Darmstadt Duisburg gesagt, dafür müsst ihr mich jetzt mit "fick dich, du Penner!" beschimpfen") verkündet Braz, dass sie eine Dreiviertelstunde überziehen dürfen. Generell sind die Stadtoberen generös, die Mussig tobt noch bis 1 Uhr, so dass der Schreiber mit einem Äppler sour in der Hand bei
Concrete Jungle noch etwas zum chillen kam. Und sich anschließend vom Inder rippen lässt. Bauernfängerei! Ja, ja, ich sprech' nur indisch und meine es gut mit euch, ihr seid jung und müsst essen. Elender Schw?*%ehund, ich wollte doch nur ein Bananenbällchen! OK, er wusste, mit wem er es machen kann, lustig war's trotzdem und Geschädigter wie Standpersonal haben sich letztendlich gleichermaßen amüsiert.
Kritik muss trotzdem geübt werden: die vielen LKWs, die während der Auftritte der ersten Bands ständig vor der Entega-Bühne durchgefahren sind haben das Publikum gestört und genervt. Da sollte man eine bessere Lösung suchen. Dagegen sollte der Lichttechniker der Echo-Bühne sich Anschauungsunterricht bei der Entega-Bühne nehmen, denn viele bunte Lampen gleichzeitig an ist nicht notwendigerweise eine gute Lightshow und schon gar keine geschmackvolle. Allerübelst waren die permanent auf das Publikum gerichteten Strobos, so dass sogar mit Sonnenbrille schmerzende Augen zurückblieben. Wohl den 4LYN-Song "Kisses of a Strobelight" in den falschen Hals gekriegt, häh?!
Generell fällt das Fazit des Freitags aber positiv aus: Gute, ausgelassene Stimmung, realistische Preise, freundliches, routiniertes Standpersonal, praktisch keine Aggressionen und vor allen Dingen viel gute Musik. Da können sich diverse Stadtfeste etwas abschauen.
Samstag, 28.05.2005
Nach so einem anstrengenden Tag wie dem Freitag verwundert es nicht, dass die erste Schicht mit Cloudberry und Lada verpasst wurde. Und auch um 17 Uhr lümmeln noch einige Festbesucher sitzenderweise vor den beiden Bühnen rum bis es endlich losgeht. Während Songwriter Justin Nova auf der Entega-Bühne gediegen ruhig zu Werke geht, geben sich The Lunatic Light Lovers funkrock'n'rollig, so richtig schön zum Knoten in die Beine tanzen mit emotional-melodischem Satz- und Wechselgesang. Hallowach!
Die Lokalmatadoren Krakeel machen es sich ab 18 Uhr zur Aufgabe, "lautstärkemäßig gegen das Diskozelt anzustinken" mit stilungebundener Gitarrenbluesrockmusik mit poetischen deutschen Texten. Mit Ansagen halten sie sich nicht lang auf, weil sie den Anwesenden möglichst viel Musik mitgeben wollen, die mal folkig, mal wavig-punkig oder auch mal karibisch angehaucht daherkommt, so dass The Police oder Fury in the Slaughterhouse als grobe Richtungsweiser herhalten können.
Danach liegt erst einmal ein Spurt zur Oetinger Villa, in der sich dieser Tage sehr viel zu unerfreulichem Anlass tut. Der Magistrat hat den Einzug des Deutschen Polen-Instituts beschlossen, weswegen das selbstverwaltete JuKuZ über kurz oder lang seine angestammte Heimat verliert. Was die Betroffenen davon halten, teilen sie in regelmäßigen Demonstrationen mit, und nach drei Stunden Marsch in der prallen Sonne zieht es auch den härtesten Punk unter die Dusche. Klischees sind auch nicht mehr das was sie mal waren! Das Solifest findet dementsprechend doch erst abends statt. Also wieder mit Vollgas zurück aufs Schlossgrabenfest und noch die letzten 10 Minuten Bosse reingetan. Die Band um den Ex-Hyperchild-Frontmann bietet deutschsprachigen Alternative Rock mit routiniertem, powervollem Bühnenacting. Axel Bosse selbst erinnert ein wenig an Gavin Rossdale von Bush, deren Fans vor der Entega-Bühne sicher auch auf ihre Kosten gekommen wären. Bosse rockt wirklich!
Um 20Uhr wird dann auf der Echo-Bühne die Popsensation aus Schweden, die Local Boys, angekündigt. Die Buben ziehen alle Register – Mützen in den deutschen Landesfarben sowie profunde Kenntnisse von Sprache und Prominenz (Für die Spätgeborenen: wer war Johnny Weismüller und welche Farbe hatte sein Lendenschurz?) – um das Publikum zum Tanzen zu animieren. Wären the Cure nicht depri, würden sie so klingen. Was machen die Skaliners derweil auf der Entega-Bühne? Sie tragen gelbe T-Shirts und veranstalten ne Tanzparty.
Ab 21 Uhr lassen es sowohl Der Fall Böse als auch Dubplate48 (ebenfalls über das Newcomer Voting ins Lineup gekommen) sehr mellow angehen, Erste mehr in Richtung funky HipHop, Letztere seeehr reggaeig im Gentleman-Stil. Als es kurz vor zu mellow wird legen Der Fall Böse ne Schippe drauf. "Da ist der Beat im Schritt", aber "dasistdochkeinhiphop", sondern steht eindeutig im Schatten von Motown bis am Ende sogar für einen Moment amtlich Crossover angezettelt wird.
Danach ist es auch schon wieder Zeit sich zur Soliparty in die Oetinger Villa aufzumachen. Die 2-girls-lo-fi-garage-beat-punk-trasher The Jolly Goods, die die Centralstation schon im Vorprogramm von Adam Green erschüttert haben und von ihm als besser als die White Stripes, von Villa-Organisator Uli Benschen als "Ausnahmeband" bezeichnet werden haben ihr Set leider schon hinter sich. Bleiben noch die frisch ins Popcamp des Deutschen Musikrats aufgenommen Jupiter Jones. Sie rocken wie wild und haben schon viele an But Alive/Kettcar erinnert. Ohne Valium, ergänze ich mal aus meiner privat-subjektiv-impertinenten Perspektive. Den Kampf um den einzigen Ventilator im Raum gewinnen sie schlussendlich.
"Wir wollen den ganzen Demoscheiß gar nicht, aber wir müssen", so die zwischenzeitliche Ansprache von Uli Benschen, "wir würden lieber normal arbeiten. Und der Scheiß wie Flyer und Buttons kostet unnötig Geld". Um dem abzuhelfen spielen die Bands ohne Gage und ein Klingelbeutel geht um. Von der Stadtverordnetenversammlung am darauffolgenden Dienstag erwartete man nichts anderes als die Zementierung des Schicksals der Oetinger Villa.
Danach ist es trotz trister Aussichten schon kurz nach Mitternacht und damit Zeit, zum Schlossgrabenfest zurückzukehren. Im Vorbeispurten ist festzustellen, dass Sorgente und Jahcoustix & Dubious Neighbourhood die Menge mit karibischem Partyflair versorgen.
Der Spurt geht in Richtung Goldene Krone, wo man die letzte überschüssige Energie bei der Late Night Show hosted by Bushfire und silentdecay loswerden kann.
Nach einem dramatischen Intro vom Band legen silentdecay einen vehementen Auftakt aufs Parkett. Ich sach ma' Crush Metal, der klingt wie Machine Head im Todeskampf. München. Ab Mitte August CD World of Lies im Handel. Ein Erdbeben in Menschengestalt, der auf Tonkonserve irgendwie ne Spur melodischer rüberkam. Was nicht heißt, dass sich Frauen nicht sexy dazu bewegen können. Au contraire!
Die ungeduldigen Rufe der Bushfire-Fans werden schließlich erhört. Gleich von Beginn an wird jedes Wort mitgesungen, auch wenn es wie beim Opener "Bushfire" derer nur vier sind. Heavy Stoner Blues soll es eigentlich sein, doch in der spärlich beleuchteten Krone hat es viel mehr von einer Predigt, bei der die Gemeinde dem Oberpriester Bill Brown huldigt, der am Mikro hängend den Mond anheult. Beeindruckend. Schwer die passenden Worte zu finden, aber damit plagen Bushfire sich selbst auch nicht ab, sondern empfehlen statt dessen einfach vorbeizukommen: "so if you are one of those beer drinkin, herb smokin, floor finding, nod your head slow kind of people, well, then bushfiremight be just the band for you." Ein würdiger Abschluss eines nie enden wollenden Tages.
Was am drauffolgenden Sonntag Flyswater, Bitune und The Parachutes in der Oettinger Villa abgeliefert haben gibt es in einem extra Review genau HIER.
Patrick Jung