beyond preaching to the converted

Interview mit Chandrasonic von Asian Dub Foundation

Interview vom 13.05.2005
Autor: Patrick Jung
Tags: Chandrasonic    Asian Dub Foundation   Aktarvatar  

Versenden
Kommentar

Bookmark and Share

Artikel Zum Thema Kommentare  

Im Rahmen des Gigs in der Centralstation in Darmstadt hatten wir die Gelegenheit mit Steve Chandra Savala aka Chandrasonic, Gitarrist und Mastermind von Asian Dub Foundation, zu plaudern. Angesichts des komplexen Sounds der Londoner hatte sich das Checken des Selbigen ein wenig in die Länge gezogen. Folglich mussten alle darauffolgenden Aktivitäten zeitlich etwas dichter zusammengepresst werden. Kaum hatte der gute Chandra also im Cateringbereich den Löffel mit lecker Tandoori aus der Hand gelegt, hatte er schon unser Mikro vorm Mund. Hineingebissen hat er glücklicherweise nicht und als nach den ersten Minuten im Verdauungswachkoma das Blut aus dem Magen wieder in den Kopf zurückgekehrt war entwickelte sich ein angeregter Plausch.

asian dub int 3
 [Unten weiterlesen ...]


RA: Im Bandinfo war zu lesen, dass ihr auf eurem neuen Album euren Sound in neue Richtungen entwickeln wolltet bzw. euren Sound verändern wolltet.

 

CH: Glaub nie was du liest.

 

RA: Deshalb frage ich ja jetzt dich ob es stimmt oder nicht?

 

CH: Wir haben den Sound nicht verändert. Ich denke, wir haben eigentlich einfach Ghetto Priest hinzugefügt. So ergab sich ein neues Gefüge, durch das die Texte auf unterschiedliche Art ausgedrückt werden konnten.

 

RA: Aber er ist nicht das einzige neue Mitglied?

 

CH: Lord war auf dem letzten Album dabei. Auf dem neuen Album ist er bei einem Track zu hören. Ghetto Priest war nicht mal ein neues Mitglied. Er war auch schon auf dem letzten Album und er kam schon vor 10 Jahren mit uns auf Tour.

 

RA: Und was ist mit Aktarvatar? Ist er nicht mehr dabei?

 

CH: Ich arbeite noch mit ihm zusammen. Er ist eigentlich mehr ein Producer und DJ. Er wollte kein Sänger mehr sein.

 

RA: Wie sieht euer Touren generell aus. Jammt und performt ihr noch viel mit lokalen Acts, wie ihr es z.B. in Brasilien getan habt?

 

CH: Den letzten Jam auf der Bühne hatten wir mit unserer Supportband African Head Charge. Das war gut. Aber ansonsten passiert in dieser Hinsicht in letzter Zeit nicht mehr so viel. Wir haben was mit Chuck D. von Public Enemy gemacht, das war gut. Letztes Jahr in London.

 

 

RA: Wie würdest du euer neues Album beschreiben?

 

CH: Ich finde diese Frage wirklich sehr schwierig. Wie würdest du es beschreiben?

 

RA: Hm. Ich würde sagen, an vielen Stellen kommt verstärkt HipHop und sogar Soul durch.

 

CH: Der Soul ist es! Das freut mich sehr. Ich bin ein großer Fan von Soul aus den Sechzigern.

 

RA: Motown?

 

CH: Oh ja, auf jeden Fall.

 

RA: Hast du den Film gesehen?

asian dub int 4

CH: "Standing in the Shadows of Motown"? Ja, habe ich.

 

RA: Wie fandest du ihn? Hat er dir gefallen?

 

CH: Oh ja, sehr! Er war fantastisch, oder?

 

RA: Ja, obwohl ich nur den Schluss gesehen habe.

 

CH: Es war erstaunlich. Sie hatten so einen guten Sound. Und was ich interessant fand war, dass es keine Rolle gespielt hat, wer der Sänger war. Normalerweise assoziiert man Motown mit den Sängern, aber es war ihr Sound. Sie haben ihn gemacht. Sie hätten irgendjemanden ans Mikro stellen können. (lacht)

 

RA: Ich habe auch gelesen, dass der Ursprung für eure Songs immer ein bestimmter Sound sei. Wie hat man sich das vorzustellen?

 

CH: Habe ich das so gesagt? Lass mal nachdenken. "Flyover" war ein Riff, ein Sample von Sun-J. "Tank"... wie sind wir darauf gekommen? Das war ein wirklich abgefahrener Loop! "Hope" kam augenscheinlich von den Trompeten, "Round Up" kam von einer südafrikanischen Drumloop, "Oil" hat Sun-J irgendwie hervorgebracht, bei "Take back the power" war es ein algerisches Sample. Ja, irgendwie fängt es alles mit einem Sound an, das stimmt.

 

RA: Aha, da haben wir's, es stimmt also doch was geschrieben wird!

 

CH: (streckt lachend die Hände nach oben) Ihr habt mich drangekriegt. Es stimmt, es stimmt!

 

RA: Wir haben über die musikalische Seite geredet, jetzt mal zu was anderem. Ich bin unsicher, ob ich das Wort "Aktivist" benutzen sollte, weil in Bezug auf euch im Übermaß Gebrauch davon gemacht wird...

 

CH: Gut das du das sagst. Sehr intelligent, dass dir das bewusst ist. Die meisten Journalisten sehen das nicht.

 

RA: Vielen Dank. Es ist etwas, das bei eurer Kunst sehr weit im Vordergrund steht. Wie ist eure generelle Einstellung, was ist euch wichtiger rüberzubringen: die Message oder die Musik vom handwerklichen Standpunkt?

 

CH: Was ist der Unterschied? Da gibt es keinen Unterschied!

 

RA: Wie würdest du dann in dieser Hinsicht Erfolg definieren? Und seid ihr erfolgreich? Habt ihr das erreicht was ihr wolltet?

 

CH: Ja, ich denke wir sind erfolgreich. Wir haben eine Menge Sachen gemacht und eine Menge Sachen erreicht. Zum Beispiel Reisen nach Brasilien und Havanna/Kuba, das La Haine/La Bataille d'Alger-Projekt, ADFED (Musik-Bildungsprojekt, Link: http://www.adfed.co.uk/ ). Diese Sachen. Weißt du, diese Sachen wurden in die Tat umgesetzt, die Ideen entstanden und wurden ausgeführt. Es ist die einfachste Sache der Welt, eine gute Idee zu haben, aber man muss sie in die Tat umsetzen. Ja, ich denke es wäre sehr töricht zu sagen, wir hätten keinen Erfolg. Alleine, dass wir so lange als Gruppe überlebt haben. Dieses Überleben ist wirklich Erfolg. Besonders heutzutage.

 

RA: System of a Down, denen ebenfalls der Stempel "politische Band" aufgedrückt wird, haben sich gerade in einem Interview geäußert, wie unglücklich sie sind, dass man sie darauf reduziert...

 

CH: Das ist wieder sehr scharfsinnig von dir, das anzusprechen. Gerade im Moment gibt es so eine Angst. Der Spielraum von Musik wurde in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren massiv reduziert. Was man erwartet, worüber du redest. Über was du reden darfst. Wenn du in einer Gitarrenband bist erwartet man, dass du ein Heroin missbrauchender, Hotelzimmer verwüstender, schwanzgesteuerter Mensch bist, wenn du ein HipHopper bist, erwartet man, dass du mit Schmuck behangen und vom Geld besessen bist. Diese Role Models passen in ein Marketingsystem. Und die Leute scheinen Schwierigkeiten zu haben mit jeder Gruppe, die außerhalb dieser Kategorien steht. Ich kann das nachempfinden, was System of a Down sagen.

asian dub int 2

RA: Ein Kritikpunkt an euch als Gruppe und speziell an eurem neuen Album lautet, ihr würdet nicht über ein "preaching to the converted" hinausgehen, ihr würdet also nur zu denen sprechen, die ihr sowieso schon auf eurer Seite habt. Was denkst du darüber?

 

CH: Na ja, wenn man die Band nur bezogen auf das Album sieht! (lacht) Das reicht aber nicht. Weißt du was ich meine? Das als Erstes. Ich meine solche Dinge wie das Bildungsprojekt ADFED. Das sind Ideen, die intern verwirklicht wurden. Das hat nichts mit "preaching to the converted" zu tun. Wir haben die "Conversion", die Bekehrung, den Sinneswandel, zum großen Teil selbst erledigt mit ADFED.

 

RA: Wie läuft es mit ADFED dieser Tage? Es ist mittlerweile eine eigenständige Sache, richtig?

 

CH: Ja, das ist richtig. Es existiert immer noch und läuft gut. Die Leute, die zu ADFED kommen sind nicht "bekehrt". Zwei unserer MCs sind auf diese Weise zu uns gekommen. Das kann ich also dem Kritikpunkt schon mal entgegenhalten. Wir hatten eine erfolgreiche Kampagne, die Befreiung von Satpal Ram. Das geht über "preaching to the converted" hinaus. Man kann es auch noch von einer anderen Seite betrachten. Ich denke nicht, dass unsere Musik etwas mit "Preaching", Predigten, zu tun hat. Sie ist ein musikalisches Statement, ein ungewöhnlicher, einzigartiger, individueller Sound. Sie steht für sich selbst als Kunstwerk. Die Band ist ein Kunstwerk. Im Vergleich dazu könnte man fragen "haben Velvet Underground oder die Libertines versagt, weil nicht jeder anfängt Heroin zu nehmen?" Verstehst du was ich meine? Die haben eine Art von Entwurf oder Rezept, wie du dein Leben zu leben hast.

 

RA: Kann man also sagen, das diese Kritik dem Paradigma entstammt, dass ihr eine politische bzw. aktivistische Band seid?

 

CH: Ja, genau. Die hören sich unsere Musik nicht an. Wir sind Musiker. Wir singen einfach über die Dinge über die wir singen wollen. Schau dir mal die Rolling Stones oder so an. Welch großartige Lebensphilosophie: Heroin, Jetset, Ausschweifungen und was sonst noch alles. Und die Hälfte der Leute, die ihre Platten kaufen sind wahrscheinlich Lehrer oder Bankangestellte. Dem Lebensentwurf der Stones folgend sollte jeder ein Rock'n'Roller sein. Aber so wie ich es sehe ist das nicht der Fall, oder?

 

RA: Euer neuestes Projekt ist eine Oper über Lybiens Herrscher Gadaffi. Kannst du etwas darüber erzählen? Was ist der Stand der Dinge? Ihr wart unlängst in Lybien, wie war das?

 

CH: Das stimmt. Es war sehr interessant. Wir haben mit allerhand Leuten gesprochen, quer durch die Bevölkerung, auch mit den höchsten Führungsebenen. Da war eine Art Führungsintrige am Laufen, das war sehr interessant. Und auf der Straße wurden wir von ganz normalen Lybiern herumgeführt.

 

RA: Kannst du etwas über das Konzept der Oper berichten?

 

CH: Ich war lange Zeit sehr interessiert an Gadaffi als sehr theatralischem Führer. Ich fand das sehr interessant, egal was man über ihn denken kann. Er spielt nicht nach den Regeln, er bemüht sich überhaupt nicht um ein irgendein diplomatisches Image. Er hat diese unglaubliche Impulsivität. Wenn er denkt, dass eine bestimmte Sache passieren muss dann macht er das einfach. Das ist ziemlich interessant. Das macht es sehr theatralisch. Die Oper hat sich ziemlich mittlerweile verändert im Vergleich zu meinen anfänglichen Entwürfen. Anfangs war sie etwas unbeschwerter und komödiantischer, aber heute nicht mehr. Es ist mehr eine sinistre musikalische Intrige.

 

 

asian dub int 1

RA: Geht es um ihn als Person?

 

CH: Ja, aber auch darum wie er gesehen und dargestellt wird. Ich sehe das so, dass Kunst, egal ob Musik, Film etc, ein interessanter Weise ist, um Licht auf eine Sache fallen zu lassen. Man kann akademisch debattieren und Bücher lesen, das ist nur eine Art der Interpretation wie etwas ist auf der Welt. Wenn man etwas Künstlerisches macht ist es, als hätte man ein Prisma, und durch dieses Prisma lässt du Licht fallen und alle unterschiedlichen Farben kommen hervor. Wenn Gadaffi unser Prisma ist lassen wir unsere Musik und Film durch ihn leuchten und dabei kommen diese ganzen unterschiedlichen Farben hervor. Und das erlaubt dem Betrachter, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Darum geht es, um Perspektiven. Es ist wie bei Picasso. Wenn er etwas anschaute sah er alle Seiten auf einmal, alle Dimensionen. Darum geht es beim Kubismus.

 

RA: Auf eurer offiziellen Homepage sind "Chandrasonic's Guitar Tips", "Dr. Das' Bass-playing Secrets" und "Militant Science – ADF's approach to Technology and Sound" gepostet. Wie ihr selber reumütig zugebt, ist die Seite nicht up to date. Hat sich in der Zwischenzeit etwas getan in deiner Art Gitarre zu spielen?

 

CH: Ich bin weniger ikonoklastisch geworden, ich versuche nicht mehr, so viele heilige Kühe zu schlachten. Ich bin da jetzt etwas relaxter.

 

RA: Eine Sache, die ich beim Soundcheck beobachten konnte, war, dass du auf der Gitarre wirklich "trommelst". Eine Menge Leute spielen rhythmisch oder sogar perkussiv aber du spielst wirklich stellenweise Schlagzeug auf der Gitarre. Das fand ich sehr interessant.

 

CH: (strahlt) Oh, yeah.

 

RA: Was können wir von Asian Dub Foundation in der näheren und ferneren Zukunft erwarten?

 

CH: Ich persönlich denke momentan nur an die Gadaffi-Geschichte. Das ist eine ziemliche Herausforderung.

 

RA: Ist das dein Soloprojekt?

 

CH: Nein, aber ich bin sozusagen der Initiator und die treibende Kraft.

 

RA: Wir sind jetzt am Ende angelangt, es sei denn du hättest noch etwas hinzu zu fügen.

 

CH: Hat echt Spaß gemacht.

 

RA: Dankeschön.

 

 

Links: www.asiandubfoundation.com

 

Fotos: Christian Ludwig

Patrick Jung

Versenden     Kommentar


Zum Thema

Spezial vom 15.05.2005

ADF 12

hirnschmalz und tanzbein

Asian Dub Foundation Special

Konzertreview/Galerie und Interview mit Mastermind Chandrasonic. [mehr]

Review vom 29.04.2005

ADF 1

no iraqi ever called me paki

Asian Dub Foundation: Review & Galerie

Ihrem Ruf als beste Liveband der Welt werden ADF bei ihrem Auftritt in Darmstadt auf eindrucksvolle Weise gerecht. [mehr]

CD-Review vom 21.02.2005

Asian Dub Foundation - Tank

CD-Tipp

Asian Dub Foundation: Tank

[mehr]

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Inhalt. Hier kannst du einen schreiben:

Spezial vom 15.05.2005

ADF 12

hirnschmalz und tanzbein

Asian Dub Foundation Special

Konzertreview/Galerie und Interview mit Mastermind Chandrasonic. [mehr]

Review vom 29.04.2005

ADF 1

no iraqi ever called me paki

Asian Dub Foundation: Review & Galerie

Ihrem Ruf als beste Liveband der Welt werden ADF bei ihrem Auftritt in Darmstadt auf eindrucksvolle Weise gerecht. [mehr]

CD-Review vom 21.02.2005

Asian Dub Foundation - Tank

CD-Tipp

Asian Dub Foundation: Tank

[mehr]

Versenden

Versenden:

"Interview mit Chandrasonic von Asian Dub Foundation"

E-Mail

Mail an "Interview mit Chandrasonic von Asian Dub Foundation"

Kontakt | Über regioactive.de | Jobs | Backstage | Partner | Mediadaten

©2001-2010 regioactive.de, alle Rechte vorbehalten.
Für die Richtigkeit und Vollständigkeit sämtlicher Inhalte kann keine Gewähr übernommen werden.
Für Inhalte externer, verlinkter Seiten sind wir nicht verantwortlich.