aber hier leben - nein danke

Tocotronic und die "Hardcore-Schule Heidelberg"

Review/Bericht vom 08.03.2005 | Autor: Sven Kehl

Tags: Tocotronic  

Schön voll ist sie, die Halle02; die Uhr schlägt 21.45 und zu Wochenschau-Fanfaren erscheint, so meine Wahrnehmung, Bassist Jan Müller in weißem Sakko und Fliege um im Stile Max Raabes die Band des Abends anzukündigen.

Tusch und schon geht's unter frenetischem Jubel der Anwesenden mit DER Single des aktuellen Albums - "Aber hier leben? – Nein Danke" los, durch das zunehmend metaphernreiche Tocotronic-Universum. Was zuerst auffällt, ist, dass inzwischen so ganz und gar nicht mehr amateurhaft wirkende virtuose Spiel der Band. Wo Schlagzeuger Arne Zank früher (zu seligen `98`-Capitol-Zeiten) noch verhuscht wirkend, zeitweise relativ unstet auf sein Set einprügelte, sitzt heute alles bombenfest. Breaks, fills und Dynamik? – Alles auf dem Punkt, als wäre es niemals anders gewesen. Im Vergleich zu früher auch präsenter, ist der teils heftig wummernde Bass Jan Müllers. Dass Dirk von Lowtzow Instrument und Stimme ebenfalls routiniert einsetzt, sei nur am Rande erwähnt; denn eigentlich sind das eh nur Marginalien im Tocotronic-Zusammenhang, die im Vergleich zur wesentlich interessanten Entwicklung der Songtexte weit hintan stehen. Wo früher ironisierend unlautere Gitarrenhändler und "Pizza essen mit Mark E. Smith" im Zentrum standen, verbergen sich heute hie und da politische Statements und seelische (Miß)Befindlichkeiten hinter geschickt verschleierten Metaphern.

Insgesamt wirkt der Sound in der Halle02 allerdings ab und zu etwas matschig, ein Quentchen weniger "Mitten" und eine etwas differenziertere Gesangsabmischung hätten der Verständlichkeit nicht geschadet. Im Gegensatz zum sonstigen Eindruck von Tocotronic 2005. Wo früher der Punk bei den schnelleren Stücken wie "Freiburg" noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hatte, ist inzwischen vornehmes Understatement bei der Volumenregler-Einstellung angesagt. Interessante und ausgetüftelte Akkord- und Melodieüberlagerungen hieven den typischen Tocotronic-Sound, gerade bei den Stücken der letzten beiden Alben auf ein neues Niveau. Sicher nicht unbeteiligt an der spieltechnischen Verbesserung ist der vierte Mann im Bunde. Rick McPhail ist, wie schon auf dem Albumcover zu erkennen, fest integriertes Bandmitglied, durch und durch Profimusiker und leistet zurückhaltend einen immensen Beitrag zum Bandsound.

Irgendwie aber nicht revidierbar ist der latente Eindruck einer gewissen Lustlosigkeit seitens der Band; sicher – die Songs klingen gut und das Publikum ist begeistert, aber gerade die aktuellen Stücke wollen nicht so richtig zünden. Vielleicht dann doch etwas zu "verschränkt" um live unklinisch präsentiert zu werden… Vielleicht auch das besch… Wetter, dass, wie Lowtzow eingangs erwähnt, die Frühjahrstour zur Wintertour umdiktiert und somit auf das Gemüt drückt.

Ach ja, das Publikum: Erstaunlich viele (relativ) junge Menschen tummeln sich vor der Bühne, stets bestrebt dem Pogo "light" und  Stagediving zu frönen. Leute, von denen einige 1995, als das erste Album "Digital Ist Besser" erschien, so etwa um die zehn Jahre alt waren und – gutem Willen zum Trotz – wohl auch "Wave your hands in the air"- Aufforderungen Lowtzows nachgekommen wären… (Gibt's eigentlich Tocotronic-Klingeltöne??). Glücklicherweise im nicht mehr ganz so neuen Jahrtausend auch dabei: Die Ausdruckstanz-Gruppe, angeführt von einem zeitgeistbestimmten role-model Double – oder war's tatsächlich die Silbermond-Sängerin im Derwisch-Taumel? Auch lustig: Der junge Mann, der im kollektiven "Wir sind alle eins"-Irrglauben Lowtzow anpogt und vom Frontmann nach wieder gewonnener Fassung ein kurzes "Warst wohl nicht in der Hardcore Schule" erntet.

Mit drei Zugabenstes á drei Songs, davon das zweite in alter Dreierbesetzung, endet im infernalischen Gekreisch achtlos fallengelassener Gitarren ein feiner Gig wissender Mittdreißiger, die uns hoffentlich noch ein weites Stück des Weges begleiten werden.

 

Fotos: Sven Spiegel

Sven Kehl

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