quo vadis, quote?
Interview mit Gregor Friedel (SWR3 / DasDing)
Interview vom 10.12.2004 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Gregor Friedel SWR DASDING Netzparade
Interview vom 10.12.2004 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Gregor Friedel SWR DASDING Netzparade
Deutsche Musiker wollen eine Radio-Quote für deutschsprachige Musik, eine Forderung mit der sie es sogar in den Bundestag schafften. Dazu gibt's Meinungen en masse. regioactive.de fragte Gregor Friedel nach seiner. Als Studioleiter der Mannheimer Niederlassung von SWR3 / DasDing, Dozent an der Pop Akademie, Ex-Plattendreher im Loft (Freitags) und Genesis, sowie Gründer der Turbojugend Baden hinreichend qualifiziert diese zu äußern.
RA: Als Musikbegeisterter und als Radiomacher hast du sicherlich verschiedene Blickwinkel auf das Thema Radioquote für deutsche Musiker. Was hältst du allgemein von dieser Initiative?
Gregor: Das ist ein mehrschichtiges Gebiet. Zum einen ist es so, dass diejenigen, die diese Initiative anschieben, sie so hoch aufhängen wollen wie nur möglich, um möglichst viel Öffentlichkeit zu kriegen. Daher wurde das Ganze auf Bundesebene angeschoben, wobei Radiosender ja unter die Kulturhoheit und damit unter Landeskompetenzen fallen. Aber gut, das ist ein Ansatz um das Thema publik zu machen, das kann ich verstehen. Die Radioquote an sich lehne ich aus zwei Gründen ab. Erstens hat es die Industrie über Jahre hinweg versäumt deutsche Acts zu signen, mit denen Geld zu verdienen war. Sie haben eben viel Geld mit den Ronan Keatings dieser Welt und sonst jemanden gemacht. Auf diese Weise geht es nicht mehr und die Industrie beginnt deutsche Acts zu signen, was ich sehr begrüße. Bislang hatten wir in Deutschland allerdings nur zwei Phasen in denen deutsche Musik gut funktioniert hat. Die eine war die NDW, die andere war Anfang der 90er, mit Bands wie Selig oder Nationalgalerie. Die Löcher danach hat man als Radiostation von den Plattenfirmen nicht gefüllt bekommen, obwohl es mit Sicherheit immer gute deutsche Bands gab.
RA: Was war mit deutschem HipHop?
Gregor: Stimmt. Das fand aber auch im Radio statt. Sachen wie Fettes Brot liefen im Radio, andere nicht, das ist bei englischsprachigen Sachen auch nicht anders. Alles was den Klang hatte, dass es in die entsprechenden Formate passte, lief auch im Radio. Ich möchte einfach von niemanden oktroyiert bekommen, dass ich etwas spielen muss, weil es deutsch ist. Das ist dasselbe wie damals die Frauenquote in der CDU. Wenn jemand Qualität hat, dann ist das doch unabhängig von seinem Geschlecht und meines Erachtens eben auch ob es deutsch oder englisch ist. Und gerade die letzte Zeit beweist, dass das auch so ist, Juli, Silbermond und die Helden werden im Radio gespielt. Meine Verbindung als Dozent zur Pop Akademie macht es mir dann auch einfach, Bands wie Königswerq für die großen SWR Festivals zu buchen, genauso hab ich die Groove Guerilla fürs New Pop gebucht und ins Radio gebracht. Wir waren die ersten, die diese beiden Bands gespielt haben, wir hatten Tom Keller mit nem Video auf der Homepage stehen, ich glaub nicht, dass es Bedarf für Vorschriften gibt. Und in Frankreich gab es dieses schöne Beispiel von, ich glaube N'Sync, die eine französische Textzeile in einem Song hatten und daher gespielt wurden.
RA: Wie siehst du gerade das französische Argument, dass die Verkäufe der französischsprachigen Künstler seit Einführung der Quote deutlich gestiegen sind?
Gregor: Ich weiß nicht, ob man das so am Radio festmachen kann, wenn man sich gerade seit dieser Zeit (1994 wurde die Quote in Frankreich eingeführt. Anm. d, Red.) die Entwicklung des Musikfernsehens unter die Lupe nimmt. Oder auch der Magazinmarkt, der sich, auch durch viele Pleiten geschüttelt, zusehends spezialisiert hat. Ich gönne es jedem Künstler Platten zu verkaufen, aber dazu gehört eben eine Plattenfirma und die entsprechenden Geschäftsstrukturen. Und ohne wehklagen zu wollen, wage ich zu behaupten, dass in Frankreich generell ein anderes Verhältnis zum eigenen Land herrscht. Wir sind in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit englischsprachiger Popmusik großgeworden, das war in Frankreich in dieser Form nicht der Fall. Und die Plattenfirmen hier verhalten sich entsprechend. Schau dir an, wie sich Groove Guerrilla, die live wirklich der Hammer sind, und Königswerq den Arsch abgespielt haben, bis sie endlich einen Vertrag hatten.
RA: Also insgesamt siehst du es als eine Frage der Qualität, ob etwas im Radio läuft. Die Initiative hat eigentlich nicht wirklich deutlich gemacht, ob es um Musiker aus Deutschland oder deutschsprachige Musik geht ...
Gregor: Ich will jetzt keinen Weihrauchkessel über meinem Radioprogramm schwenken, aber ich hab z. B. Watershed aus Südafrika mitgebracht und hier gespielt, als das noch keiner kannte. In den letzten paar Jahren haben wir immer wieder Bands, die in ihren Ländern bekannt waren gepickt und gespielt. Und wieder das Beispiel Königwerq und Groove Guerrilla. Ich glaube die öffentlich-rechtlichen Sender schieben da doch noch weitaus mehr an, als die, die nur die Hits spielen. Und dann gibt's noch so was wie DasDing mit dem Slogan "Zuerst bei DasDing und dann in den Charts". Da läuft zum Teil sehr gute Musik, ob bei der "Sprechstunde" oder "Lautstark" oder eben in der Nezzparade, deren Partner ihr ja seid. Bei SWR gibt es noch "Intensiv", natürlich nicht morgens, aber immerhin. Klar, kann man immer noch mehr haben wollen, aber so dramatisch ist die Lage auch nicht. Natürlich schieben Radiosender noch neue Titel an, ich komm doch nicht montags ins Büro und da ist – hoppla – ein neuer Top Ten Hit. Bei Sendern mit so 300 Titeln wirst du keine unbekannten Sachen hören. Staatliche Eingriffe sind jedenfalls nicht gerechtfertigt.
RA: Wie könntest du dir denn eine Verbesserung der deutschen Radiolandschaft, quasi ein Entgegenkommen, vorstellen?
Gregor: Das ist schwierig, das fängt mit der Frage an, für wen man sendet. Wenn ich bei "Eins live" bin, dann hab ich ein urbanes Publikum, weil die Leute, die in Köln leben, einfach anders sind als die, die in Ahlen leben. Nicht dümmer oder schlauer, aber das ganze Umfeld ist anders. In einer Stadt, in der eine Million Menschen leben herrscht in Sachen Mode und Musik einfach eine ganz andere Dynamik als in einer Stadt mit 30 000 Einwohnern. SWR3 sendet für eine Handvoll Ballungszentren. Ansonsten haben wir eben viel Land.
RA: Ok, da hat SWR3 ein anderes Problem als ein Stadtsender. Ein anderes Beispiel: Vor ein paar Jahren war ich in der Schweiz von dem Sender DRS3 begeistert. Ich hab keine Ahnung, wie der mittlerweile ist, aber damals konnte man zu jeder Tageszeit die spannendsten Sachen hören, bei einem von der Struktur her öffentlich-rechtlichen Sender. Wieso ist das nicht in Deutschland möglich?
Gregor: Als ich in Mannheim studiert hab, hab ich jeden morgen AFN gehört. Da hat ein Typ Metallica, Marylin Manson und Bush gespielt, da war ich wach. Den haben sie rausgeschmissen, weil er Metallica, Marylin Manson und Bush gespielt hat. Worauf ich eigentlich raus will: Leute wie du und ich haben ein überdurchschnittliches Interesse an Musik, wir kennen dementsprechend viele Genres und Bands. Die Frage ist: Will jemand, der sich mit Musik nicht derart befasst, so einen Sender haben? Ich weiß es nicht.
RA: Aber es sollte doch zumindest beides geben?
Gregor: Da muss ich wieder auf DasDing verweisen, denn ich finde, das wird damit schon einigermaßen abgedeckt. Es sind natürlich einzelne Sendungen. Ich mag krachige Gitarrenmusik, ich bin bei Lautstark gut aufgehoben. Es gibt die Angebote durchaus, du kannst neue Sachen hören und erfahren, du musst eben ein wenig danach suchen. Man kann natürlich sagen, ich bemühe nur die tollen Beispiele, aber die gibt es und in der Summe sind das gar nicht so wenige.
RA: Dann ist das natürlich auch ein Problem der Wahrnehmung. Was anders wäre, wenn es einen Sender gebe, der es fertig bringt rund um die Uhr ein interessantes Programm eben für diejenigen, die ein starkes Interesse an Musik haben zu senden.
Gregor: Damit sind wir eben wieder bei diesem Föderalismus-Ding. Um zu den Quoten-Befürwortern zurückzukommen: Wenn ich mich mit solchen Leuten unterhalte, kommt dann immer früher oder später der Satz "Ja, euch mein ich eigentlich auch gar nicht." Wir sind aber öffentlich-rechtlich, damit und mit dieser Forderung sind dann eben alle die Radio machen gemeint, auch der Zündfunk und was weiß ich. Es ist für mich übrigens auch verwässert, um was es da eigentlich geht: deutschsprachige Musik, Musiker aus Deutschland, Neuheiten oder was auch immer. Mit einer Quote für deutschsprachige Musik zieht man englischsprachigen Newcomern den Boden unter den Füßen weg. Ebenso mit Ansagen, wie der von Tim Renner, der ankündigte, Universal nehme nur noch deutschsprachige Künstler unter Vertrag, damit verlieren Bands wie die Groove Guerrilla die Grundlage. Ich bin eben einfach der Meinung, dass sich Qualität von alleine durchsetzt und wir unser föderalistisches System nicht ohne Not haben. Es kann nicht sein, dass der Staat dir vorschreibt, was du zu tun hast.
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Gerald Merkel
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