adventszeit: r'n'r-predigt vor erleuchteter gemeinde

The Soundtracks Of Our Lives

Review/Bericht vom 01.12.2004 | Autor: Sven Kehl

Tags: The Soundtracks Of Our Lives  

Voll ist's geworden im Karlstorbahnhof, und das schon gegen neun Uhr. "The Soundtracks Of Our Lives", irgendwie noch immer mit einem Geheimtipp-Status behaftet, legen einen Zwischenstopp in Heidelberg ein, bevor im Dezember Skandinavien getourt und Anfang des nächsten Jahres New York und Chicago auf dem Plan stehen.


Weit gereist sind nicht nur die sechs Herren aus Göteborg, sondern ebenfalls ein großer Teil des Publikums, wie ein Blick auf die Kfz-Schilder auf dem gut gefüllten Parkplatz zeigt. Zu weit dürfte kein Weg gewesen sein, wie sich herausstellen sollte.
 
TSOOL entern schließlich gegen 23:00 die Bühne, Sänger und Bühnen-Wikinger Ebbot Lundberg greift sich, wie immer in einen wallenden Kaftan gekleidet, das Mikrophon und bedankt sich artig beim zahlreich erschienen Publikum. Ein kurzes Einzählen von Drummer Fredrik Sandsten später hebt das Rock-Luftschiff krachend ab. Das Bild nach einer knappen Minute: ein inbrünstig den Rock predigender 120 Kilo Vollbart inmitten von fünf gnadenlos ihre Gibsons, Fender-Bässe und Drum-Sticks schwingenden Schweden. Wäre Keyboarder und Model der Band Martin Hederos nicht leichter als seine Farfisa-Orgel, er würde sie sich wohl um den Hals hängen. Die Songs sind bei aller harmonischen Komplexität immer dynamisch, winden sich in die Gehörgänge und lassen so schnell nicht mehr los. Manch einer hat mit zwei Gitarren, Keyboard, und vierstimmigem Gesang (!) schon ambitionierten Soundmatsch produziert, aber hier stimmt einfach alles; die schon oft beschriebene Inbrunst des Sängers, die gnadenlos rockende Bühnenshow der Gitarristen Matthias Bärjed und Ian Person und nicht zuletzt die auf den Punkt sitzende Rhythmus-Sektion.
 
"Believe I Found", der Opener des aktuellen Albums "Origin Vol. 1" rockt, wie so ziemlich alle Songs, live noch einige Quentchen mehr als auf der Scheibe. Das psychedelisch beginnende "Midnight Children" steigert sich im Laufe einer Strophe und eines Refrains zu einem furiosen Orkan; kurz glaubt man einen fülligen Jim Morrison inmitten des Chaos auszumachen, aber es ist Ebbot, der mit weit ausgebreiteten Armen und sich überschlagender Stimme das Meer teilt. Spätestens jetzt wird klar, warum sich ein Großteil der schwedischen Rock und Punk'n'Roll Bands auf SOOL als maßgeblichen Einfluss beziehen: Die unbändige Energie, die unzähligen Zitate aus mindestens vierzig Jahren Musikhistorie und nicht zuletzt die Professionalität der Musiker heben das Sextett aus der Menge ihrer Genrekollegen hervor. Ein außergewöhnliches Konzert einer besonderen Band, die ihren Namen völlig zu Recht trägt: Der Soundtrack zum Leben vieler, die irgendwo zwischen "A Hard Days Night" und "Nevermind" geboren, bzw. "musikalisch sozialisiert" wurden. Es darf gespannt auf "Origin Vol.2" und das nächste Konzert in unseren Breiten gewartet werden

Sven Kehl

Kommentare

Kontakt | Über regioactive.de | Jobs | Backstage | Partner | Mediadaten | Presse