Pressarbeit, eine nationale Anzeigenkampagne, gemeinsamer Stand mit den drei Säulen des Mannheimer Modells auf der Popkomm: Die Stadtmarketing Mannheim GmbH hatte mit der Aufgabe das Thema Pop in Mannheim für die Außenwelt sichtbar zu machen, alle Hände voll zu tun. regioactive.de sprach mit Lale Ertopcu über die "Vermarktung" einer Popstadt.

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RA: Kannst du das Mannheimer Modell knapp skizzieren? Lale Ertopcu: Das Mannheimer Modell ist ein musikwirtschaftliches Konzept, das auf den drei Institutionen Pop Akademie, Musikpark und Popförderung beruht. Es setzt verallgemeinert darauf, dass Leute mit der entsprechenden Ausbildung aus der Akademie kommen, im Musikpark Räumlichkeiten und alles Notwendige unter einem Dach finden, um ihr Business schnell und flexibel aufzuziehen. Über die Popförderung finden sie eine Vernetzungsstruktur, die dieses Mannheimer Modell über diese Grenzen hinaus tragen soll. Als Säulenmodell sehe ich es nicht so gern, weil das sehr statisch wirkt. Es ist doch eher ein Synergien entwickelndes Kreismodell das wirklich "work in progress" ist und das optimalerweise auch immer bleibt.

RA: Wie war aus deiner Sicht die Resonanz auf das Mannheimer Modell auf der Popkomm?

Lale Ertopcu: Erstaunlich gut. Wir waren skeptisch ob man gegen Firmen wie Universal mit der Präsentation einer Stadt einen Stich machen kann. Aber wir hatten eigentlich einen ziemlichen Run auf den Stand, ausgelöst durch die Frage, was denn die Mannheimer eigentlich machen. Und es war dann über Neugier hinaus auch inhaltliches Interesse festzustellen, gerade bei Berliner Journalisten. Unsere Befürchtungen haben sich also nicht bestätigt. Vielleicht war es auch ganz gut, dass man nicht mit einer Hybris sondern eher einer zurückhaltenden Einstellung nach Berlin gefahren ist.

RA: Die Pop Akademie war zwar in das Mannheimer Modell integriert, hatte aber auch einen eigenen Stand. Nimmt sie auch für das Stadtmarketing innerhalb des Mannheimer Modells eine Kernfunktion ein?

Lale Ertopcu: Ja, sie ist integriert aber auch eine eigene Säule, die ja auch europaweit aktiv ist. Sie ist also nicht nur auf die Region bezogen aber ein ganz wichtiges Element innerhalb des Modells. Die Kommunikation war in Berlin jederzeit vorhanden wie das auch in Mannheim der Fall ist. Das Zusammenspiel, sozusagen als Dreiklang, hat sehr gut funktioniert, das war auch das Ergebnis unserer Nachgespräche.

RA: Das Stadtmarketing ist eine GmbH mit der Aufgabe, Mannheim attraktiv darzustellen. Das hat naturgemäß viele Facetten. Wie ist denn der Stellenwert des Thema Pop in diesem Gefüge?

Lale Ertopcu: Das Stadtmarketing fokussiert sich nicht nur auf das Thema Pop. Es ist schon wichtig viele Facetten einer Stadt zu befördern. Da spielen Themen wie Freizeit, Sport, Frauenpolitik und viele kulturelle Themen wie Theater und Museen eine große Rolle. Das ist schon eine große Bandbreite. Pop hat eben durch dieses Mannheimer Modell extreme Aufmerksamkeit im Stadtmarketing, woran Frau Luig auch großen Anteil hat. Die Organisation eines Standes auf der Popkomm macht man nicht nebenher, auch daran lässt sich feststellen wie hoch der Stellenwert des Thema Pop beim Stadtmarketing ist.

RA: Das Thema Pop lässt sich in diesen Zusammenhängen ja von vielen Aspekten aus angehen. Es ist ein Wirtschaftsfaktor, im Mannheimer Kontext gibt es den Ausbildungs- und Existenzgründungsaspekt, vor allem ist es natürliche ein kulturelles Thema und bezüglich einer Stadt, eine Frage der Lebensqualität. Welche Aspekte stehen da für das Stadtmarketing im Vordergrund? Zunächst die Bildung der Institutionen in Mannheim?

Lale Ertopcu: Es wird eigentlich keiner dieser Aspekte sonderlich in den Vordergrund gerückt. Die verschiedenen Facetten des Themas werden relativ gleichberechtigt bedient und behandelt. Es ist klar, dass der wirtschaftliche Aspekt durch den Musikpark allein dadurch in den Vordergrund rückt, weil damit zusammenhängt, dass versucht wird, Leute in der Region zu halten und den Wirtschaftsstandort Mannheim zu stärken. Es geht aber natürlich auch darum, Kreativität und neue Ideen hier anzusiedeln – eben das, was Musik ausmacht. Und natürlich geht es auch darum, eine entsprechende Atmosphäre in Punkto Lebensgefühl zu schaffen, was hier in der Hafenstraße, im Jungbusch eigentlich passen könnte. Das Thema hat verschiedene Elemente, man kann das an verschiedenen Punkten aufzäumen, sich da thematisch zu beschränken, wäre schade.

RA: Das bedingt aber nicht automatisch, dass gewisse Sachen nicht doch in den Vordergrund gestellt werden?

Lale Ertopcu: Momentan ist es natürlich so, dass diese Institutionen von der Stadt gefördert werden und auch sehr neu sind. Man muss ja auch solche Meinungen ausräumen, in denen Leute vermuten, dass Musik durch diese Aktionen so bürokratisiert wird, dass man sie in einem Excel-Sheet betrachten muss. Und erst wenn die Leute herkommen, fangen sie an zu sehen, dass die Kreativität nicht durch die Bürokratie ausgeschlossen wird. Im Vorfeld gehen viele von der Annahme aus, dass die Kreativität leiden würde, weil das Institutionen sind, die städtisch gefördert werden. Und der Musikpark ist eine hundertprozentige Tochter der Stadt, ebenso wie die Popförderung eine rein kommunale Einrichtung ist. Das sind alles Dinge, die ich gerade für das Besondere halte, das man auch betonen kann.

RA: Wie wird das Stadtmarketing diese Themen denn zukünftig vermitteln? Diese Institutionen sind jetzt hier, sie sind sichtbar und begehbar, dass kann man gut nach außen tragen. Jetzt muss darin entsprechendes passieren. Wird es zukünftig verstärkt um die "Früchte" dieser Arbeit gehen?

Lale Ertopcu: Das war auch die Frage nach der Popkomm: Wie tritt man dort – gesetzt der Fall es wird sie dann noch geben – 2005 auf? Wollen wir dann überhaupt noch mal hin? Denn das Mannheimer Modell haben wir dieses Jahr vorgestellt. Das was dieses Jahr Inhalt war, müsste nächstes Jahr die Form sein, da sind sich alle Institutionen einig. Dann muss es Geschichten um das Mannheimer Modell geben, die zu erzählen sind. Das lässt sich natürlich nicht planen, das ist "work in progress". Und ob das alles so aufgeht, wird man natürlich erst in ein bis zwei Jahren wissen. Dann wird man sehen, ob das ein Hype war oder nicht und muss sich gegebenenfalls auch Kritik stellen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass bei ca. 40 Firmen, die jetzt im Musikpark sind und bei den Studenten der Pop Akademie etwas Gutes herauskommt das sich 2005 erzählen lässt, ist groß. Wir stellen uns jedenfalls schon mal auf einen Stand 2005 ein.

RA: Wie sieht denn die Zusammenarbeit des Stadtmarketings mit den drei Säulen außerhalb der Popkomm, im täglichen Leben aus?

Lale Ertopcu: Man wirkt z. B. bei solchen Dingen wie der Eröffnung der Pop Akademie mit. Das Stadtmarketing hat viel dazu beigetragen, dass der Nachtwandel gleichzeitig stattfindet, also der Jungbusch zu diesem Termin belebt wird, was in Absprache mit der Pop Akademie geschah. Die Zusammenarbeit beschränkt sich also nicht auf die Popkomm, sondern der Anlass, dass man nach Berlin gefahren ist, war der, dass es eine Zusammenarbeit gibt. Das war kein künstlicher Anlass, das Stadtmarketing hat viele Projekte, da müsste man nicht auch noch unbedingt auf die Popkomm. Das Eventprogramm ist jetzt sehr geballt, der Oktober firmiert auch unter Pop-Oktober weil sehr viele Anlässe da sind: Eröffnungsfeiern, das ganze Mannheimer Modell geht an den Start, Open Sound ... Danach wird dieses Jahr zunächst einmal bilanziert, bevor überlegt wird, wie es weitergeht. Das Stadtjubiläum 2007 ist natürlich auch schon im Hinterkopf. Und auch da steht schon fest: Die Form wird der Quader sein und die Sprache die Musik.

RA: Das Thema Pop ist doch sicherlich etwas für das das Stadtmarketing recht dankbar ist. Für eine Stadt Marketing zu machen ist eine recht komplexe Aufgabe, zumal es nicht darum geht, dass irgendjemand kommt und die kauft.

Lale Ertopcu: Das ist ein schönes Thema, denn es geht um Musik und so gut wie jeder Mensch hört Musik. In der Eröffnungsrede der Popkomm fiel das Nietzsche-Zitat: "Ein Leben ohne Musik wäre ein Irrtum". Ich denke, diesem Satz würden sich die meisten anschließen. Musik verbindet mehr als sie spaltet. Und von daher ist das ein günstiges Thema für Marketing, man versucht ja auch immer so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Es ist schwierig mit Musik allgemein von vorneherein Menschen auszugrenzen, trotz verschiedener Stile und Geschmäcker.

RA: Muss das Stadtmarketing mit dem arbeiten, was vorhanden ist, oder sind die Einflussmöglichkeiten auch umgekehrt, sprich kann hat das Stadtmarketing Möglichkeiten Einfluss auf den Inhalt dieser Institutionen zu nehmen?

Lale Ertopcu: Das Stadtmarketing hat überall eine Schnittstellenfunktion, was dazu führt, dass die Erwartungshaltung immer sehr hoch ist, aber die Möglichkeiten da mitunter nicht mithalten. Man muss sich natürlich klar machen, wie man seine Aufgaben definiert. Am besten fährt man mit dem "Powered by"-Modus. Man überlegt sich was man von sich aus anbieten kann, um etwas voranzutreiben, das entspricht ja auch der Aufgabenstellung. Aber man darf die Zusammensetzung des Bildes nicht verändern wollen, das wäre ein Riesenfehler bei dem man auch Probleme mit allen Beteiligten bekäme.

RA: Also, trotz aller Vernetzung, die Aufgabe einer klassischen Marketingfirma?

Lale Ertopcu: Ja. Man verändert nicht das Rezept von Cola sondern überlegt sich wie man das so gut wie möglich nach außen bringt. Und da sollte dir wiederum niemand reinreden. Mit den Vorgaben muss man allerdings arbeiten. Und das ist beim Thema Pop natürlich auch mitunter schwierig, da wir drei Institutionen haben, von denen jede natürlich eigene Vorstellungen hat.

RA: Die Popförderung ins Stadtmarketing einzugliedern war dann wohl so ein Versuch, zwei Dinge unter ein Dach zu kriegen?

Lale Ertopcu: Ja, und das hat auch nicht funktioniert. Die Popförderung ist eine kommunale Geschichte und Markus Sprengler ist dort sozusagen als städtische Vernetzungsperson gut aufgehoben. Man muss eben jeder Institution so viel Freiheit gewähren, dass sie ihre Flügel ausbreiten kann. Der gemeinsame Flug wird dann allerdings angestrebt. Das Stadtmarketing hat hier die Aufgabe den Kommunikationskanal so offen und sauber zu halten, dass jeder seine Wünsche artikulieren kann. Und entsprechend auch auf Negatives reagieren kann.

RA: Wie behandelt ihr das Thema Pop außerhalb dieser drei Institutionen?

Lale Ertopcu: Natürlich existierte eine Musikszene lange vor dem Mannheimer Modell. Es gab ja viele Städte, die sich die Popo Akademie gewünscht hätten. Ein Grund, der für Mannheim sprach war sicherlich die reichhaltige Musikszene vor Ort. Wir haben ein paar richtige Zugpferde und man geht davon aus, dass Institutionen nur auf einem entsprechenden Nährboden wachsen können. Und dann geht es um die Sogwirkungen dieser Institutionen, um einen Dunstkreis, es geht nicht darum, dass nicht auch weiterhin Musiker außerhalb des Mannheimer Modells hier Erfolg haben werden, das steht sich überhaupt nicht im Weg.

RA: A propos Sogwirkung: Mannheim wird in diesen Punkten mit Städten wie Berlin oder Hamburg zu konkurrieren haben.

Lale Ertopcu: Ja, absolut. Konkurrenz belebt das Geschäft. Das sollte beflügeln. Und es reisen bereits Leute von Hamburg oder sonst wo an, um sich zu bewerben. Das sollte man sehen wie ein gutes Rennen, es ist ja gut wenn man etwas hat, woran man sich messen kann.

Gerald Merkel

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