Die Pop Akademien ist eine einzigartige Einrichtung hierzulande. Mit den zwei Studiengängen Popmusikdesign und Musikbusiness haben interessierte Studenten in Mannheim Möglichkeiten, die sie in dieser Form sonst nirgendwo vorfinden. Über das institutionelle hinaus ist davon auszugehen, dass sie die Mannheimer Musikszene dauerhaft beeinflussen wird. Über ihren Stellenwert innerhalb des Mannheimer Modells sprach regioactive.de mit Geschäftsführer Dirk Metzger, Leitung Business, Wirtschaftsförderung und Regionalentwicklung.

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RA: Die Pop Akademie hat ihr erstes Jahr hinter sich und bezieht jetzt eigene Räumlichkeiten. Ist die Akademie in Mannheim angekommen? / Dirk Metzger: Ja, sicher. Ich denke vom Gefühl her wird das richtige Ankommen mit der Eröffnung des Neubaus stattfinden. E2,1-3 ist ja doch ein Verwaltungsgebäude, da war im wahrsten Sinne des Wortes keine Musik drin. Es wird eine ganz andere Sache für Mitarbeiter, Studenten und die verschiedenen Projekte sein, alles an einem Fleck zu haben. Das wird sicher noch mal ein Quantensprung, auch von der Außenwirkung.

RA: Die Pop Akademie hat sich auf der Popkomm vorgestellt. War das ein eigener Stand oder war die Präsentation mit dem der Stadt Mannheim verknüpft?

Dirk Metzger: In erster Linie war es ein eigener Stand, aber der Auftritt war mit dem des Stadtmarketings verknüpft. Das sind schon verschiedene Dimensionen, letztendlich ist die Akademie eine Einrichtung, an der die Stadt Mannheim beteiligt ist und wir haben unsere Hauptwirkungsstätte hier. Aber man muss auch sehen, dass das keine rein regionale Geschichte wird, weil wir eine nationale Ausstrahlung haben wollen und auch brauchen. Nur dann kann man im Umkehrschluss für die Region am meisten tun. Wenn wir wie eine etwas poppigere Musikschule rüberkommen, wäre das kein Grund für jemanden aus Frankfurt, Berlin oder Köln hierher zu ziehen.

RA: Das heißt, die Pop Akademie sieht sich hier durchaus zweigeteilt. Der Standort ist Mannheim, aber sie ist die einzige Einrichtung ihrer Art in Deutschland, das RegioNet bezieht sich auf Baden-Württemberg. Wenn das Stadtmarketing sie als eine der drei Säulen des Mannheimer Modells bezeichnet, ist das ein Art Vereinnahmung durch die Stadt?

Dirk Metzger: Nein, das ist kein Problem, eher im Gegenteil. Der Standort ist von großer Bedeutung und daher ist es wichtig, dass hier Dinge passieren. Gäbe es die anderen Säulen nicht, gäbe es auch überhaupt keinen Grund weshalb wir hier in Mannheim sein sollten. Es ist ja ein gutes Umfeld nötig, damit die Leute auch Lust haben, nach dem Studium hierzubleiben. Der Musikpark als Möglichkeit, hier eine Existenz zu gründen, die Szene, sowohl was Dozenten angeht als auch Möglichkeiten hier aufzutreten und Kontakt zu anderen Musikern zu bekommen.

RA: Wie sieht denn die Zusammenarbeit mit den anderen beiden Säulen momentan konkret aus?

Dirk Metzger: Da gibt es verschiedene Ebenen. Da gibt es das RegioNet, in dem fünf Städte aus Baden-Württemberg Mitglied sind. Hier ist Mannheim über die Popförderung Mitglied. Es ist eben auch ganz wichtig, sich nicht nur auf eine Stadt zu beschränken, sondern dass die Aktivitäten Baden-Württembergs zusammengeführt werden, Austausch zwischen den Kommunen stattfindet, Bands und Leute sich kennen lernen. Networking sozusagen. Das Branchenmeeting haben wir zusammen mit dem Musikpark im Musikpark veranstaltet, die Location ist optimal dafür geeignet und für beide ein guter Ansatz. Wenn wir jetzt umziehen, wird das noch einmal ganz andere Dimensionen erreichen, das erste Jahr war sehr stark vom Aufbau geprägt, aber durch die räumliche Nähe wird das noch mal einen ganz anderen Move kriegen. Wir haben unser Tonstudio dort, wir arbeiten mit Leuten aus dem Musikpark zusammen, z. B. ist Gregor Friedel vom SWR bei uns Dozent, ebenfalls Hennig Mielke und Hubert Wandjo, die auch bei Beats Around The Bush sind. Und letztendlich werden die Studenten im Strandgut (Gastronomie des Musikparks) essen gehen und von sich aus Leute, die dort arbeiten kennen lernen. Das kann man ja nicht von oben steuern und das ist auch nicht unser Ziel.

RA: Die Möglichkeit, im Musikpark Firmen zu finden, bei denen ihre Studenten ihre Praktika absolvieren können, wurde ja auch so kommuniziert, Wie sehen Sie den Firmen-Mix, mal abgesehen von BATB und dem SWR, in dieser Hinsicht?

Dirk Metzger: Ich finde das sehr spannend, wir haben jetzt ja erst die erste Phase an Pflichtpraktika laufen. Die Stundenten haben sich zunächst erst mal orientiert und waren sehr überregional ausgerichtet. Viele sind bei MTV, bei Sony oder Universal. Ebenso bei Warner, Four Music und AOL. Wir haben zwei Praktikumsphasen, ich kann mir gut vorstellen, dass viele, nachdem sie zunächst in die große weite Welt wollten, mehr darüber nachdenken, was sie nach dem Studium wirklich vorhaben und die Ansätze dann konkreter werden. Z. T. waren die Praktikumsplätze auch schon vergeben, bevor der Musikpark bezogen war und wenn man einen Dozenten von MTV hat, ist es natürlich naheliegend diesen nach einem Platz zu fragen. Ein Vorstellungsnachmittag der Musikpark-Firmen in der Pop Akademie wäre auch vorstellbar.

RA: Um auf die drei Säulen zurückzukommen: Mit der Popförderung als solcher besteht demzufolge relativ wenig Tuchfühlung?

Dirk Metzger: Doch, über das Thema RegioNet.

RA: Aber Anknüpfungspunkte an Projekte der Popförderung z. B. an den Mannheim Music Award gab es nicht.

Dirk Metzger: Das ist sozusagen der Unterbau. Solche Projekte werden innerhalb des RegioNets abgestimmt, in dem Markus Sprengler (Popförderung Mannheim) ja Mitglied ist. So etwas ist unseren Tätigkeiten vorgelagert. Unsere Projekte, wie das Seminarprogramm oder Bandcoaching, sind von Professionalisierungsgrad und eventuell auch vom Lebensalter der Interessenten her, eine Stufe weiter. Das Thema Popförderung ist da eher am Einstieg zu sehen, der Moment, in dem Leute anfangen Musik zu machen, an Newcomerfestivals teilnehmen. Unsere Themen betreffen eher den Zeitpunkt, in dem die Leute sich entscheiden, dieses Tätigkeitsfeld zu ihrem Beruf zu machen. Insoweit geht das Hand in Hand, der dritte Schritt wäre dann mit einem Unternehmen in den Musikpark einzuziehen. Das ist wie eine Kette zu sehen, bei der es natürlich Überlappungen gibt.

RA: Diese Kette sehe ich beim diesjährigen MMA allerdings nur schwer ...

Dirk Metzger: Aus regionalen Musikwettbewerben halten wir uns generell raus. Wir haben mit dem Bandpool ein bundesweites Thema, und es ist zu beobachten dass Leute, die auf solchen regionalen Schienen weit kamen, sich dann dort bewerben und auch aufgenommen werden. Das ist die Stelle, an der wir einsteigen, eine Band sollte regional schon so gut aufgestellt sein, dass man darauf aufbauen kann. Die Partner, mit denen wir zusammenarbeiten, erwarten eben eine gewisse Grund-Professionalität und eine Band mit fünf guten Song, einer Menge Flausen im Kopf und vielleicht acht Konzerten im Jahr bring das nicht mit.

RA: Wenn ich das zusammenfassen darf: Das Stadtmarketing sieht sich als das Dach dieser drei Säulen und formuliert als Kernziel die hiesige Musikszene zu beleben bzw. Mannheim als Popmetropole zu etablieren. Die Pop Akademie ist dann innerhalb dieser drei Säulen vor allem ein belebendes Element?

Dirk Metzger: Richtig, ja. Und profitiert natürlich davon, dass die anderen Partner am gleichen Strang ziehen.

RA: Inwieweit sind öffentliche Veranstaltungen geplant?

Dirk Metzger: Wir hatten ja dieses Konzert mit den Söhnen Mannheims im Eisstadion. Innerhalb der Projektphase wird es sicherlich die eine oder andere Sache geben, aber wir sind ja kein Konzertveranstalter. Wir hatten einmal monatlich eine Reihe im Flic Flac und so etwas wird es sicher wieder geben, wir wollen unseren Musikstudenten ja Praxis verschaffen. Und natürlich haben wir Studenten, die ihre berufliche Zukunft im Eventbereich sehen und da wir ja praxisnah ausbilden wollen, schauen wir im Moment schon, was im Jungbusch gehen könnte um eine Konzertreihe zu etablieren. Was gibt es für Locations, mit welchen Partnern könnte man da zusammenarbeiten, auch um in diesem Viertel etwas in Gang zu bringen. Das wäre ein klassisches Studentenprojekt.

RA: Also wird so etwas der Eigeninitiative der Studenten überlassen?

Dirk Metzger: Teilweise. Es wird sicher auch so sein, dass wir sagen: Hier ist das Projekt, wer hat Interesse daran mitzuarbeiten.

RA: Um auf die Verschmelzung mit der hiesigen Szene zurückzukommen, also mit der Säule der Popförderung: Die Perspektive ist langfristig, d.h. sind die Aktivitäten, die zu einer Vermischung mit der hiesigen Szene führen würden doch eher auf solche Sachen wie das Konzert im Eisstadion und das Label Beats Around The begrenzt? Letztlich sind das auch die Hauptkritikpunkte hiesiger Musiker an der Institution Popakademie.

Dirk Metzger: So krass würde ich das nicht sehen. Letztendlich wollen wir als Studiengangsleiter die Leute selbst mobilisieren. Wir möchten das nicht steuern, aber wenn Studenten etwas tun wollen, dann sind wir gern dabei. Aber das kann nicht von oben kommen, das ist auch nicht unser Job. Musiker müssen ja sehen, dass sie die Dinge, die sie tun wollen selbst gestalten. Von daher sind wir da etwas zurückhaltender. Wir sehen uns da eher in einer Coaching-Tradition. Was die Szene angeht, kann man sich ja die Liste unserer Dozenten anschauen, und wird feststellen, dass da doch sehr viele bekannte Gesichter aus der Region dabei sind, was ja auch für die Klasse der Leute hier und damit für den Standort spricht. Man braucht nicht alle aus Berlin oder Hamburg einfliegen, sondern hat gute Leute aus dem Umkreis von 30-40 Km vor Ort. Im Bereich Pop Musik Design sind das ungefähr 70 % der Dozenten. Wenn dann in Sessions oder für Studiotermine Verbindungen geknüpft werden, geschieht das ohne unser Zutun. Da passiert wohl viel mehr als wir wissen, das wird sich auch langsam aufbauen und langfristig richtig interessant werden. In drei, vier Jahren hat sich die Zahl der Studenten verdoppelt und dann wird diese ganze Power erst richtig deutlich werden. Die Leute müssen ja auch erst mal hier ankommen.

RA: Sicherlich, dieses Jahr waren ca. 50 Studenten an der Akademie, in zwei Jahren werden es 150 sein und um diese Zahl pendelt es sich ein. Wenn man dann noch davon ausgeht, dass von jedem Abschlussjahrgang 10% in der Gegend bleiben ...

Dirk Metzger: Schlechtestenfalls. Da wird sich dann auch zeigen, inwiefern die anderen Säulen greifen, der Musikpark als Gründerumfeld, das Thema Popförderung um uns den Weg zu bereiten, dass Mannheim wirklich eine Musikstadt ist, dass man wirklich Clubs hat, dass aus dem Jungbusch wirklich etwas wird. Das ist ein Part, den wir nur mittelbar beeinflussen können.

RA: Das ist ja die andere Seite der Mannheimer Medaille. Sie haben dieses Jahr zum ersten Mal den Club Award vergeben, bei dem es um Live Konzepte mit attraktiver Newcomeranbindung ging. Ich nehme nicht an, dass sich auch nur ein Club aus Mannheim beworben hat.

Dirk Metzger: Dass sich die spannenden nicht mal beworben haben, finde ich eigentlich schade. Das Capitol oder die Feuerwache hätten sich zumindest bewerben können.

RA: Das hätten sie sich, wenn man ehrlich ist, gerade im Newcomerbereich aber auch wirklich schenken können.

Dirk Metzger: Ja, da ist schon was wahres dran.

RA: Ein Club wie das Substage oder das Cafe Central ist doch sowohl was Größe als auch Qualität des Booking angeht, das was Mannheim wirklich fehlt.

Dirk Metzger: Das ist eine Sache, von der ich hoffe, dass die Popakademie eben ihre Auswirkungen hat. Wenn so 20% der Leute hier hängen bleiben, dann könnte das die Form eines Schmelztiegels annehmen, wenn Ideen aus anderen Städten zusammengetragen werden. Beim Thema Live Szene muss sich einiges verbessern, nur weil jetzt mal 2Raumwohnung hier spielt, ist Mannheim noch keine Goldstadt. Das Robbie Williams Konzert, daser wegen Anwohnerbeschwerden um 22:00 beenden musste, kann man da fast schon als Super Gau betrachten. Man kann nicht nur Pop auf die Fahne schreiben, man muss es auch leben. Und ich denke, da ist der Jungbusch wirklich ein gutes Viertel um so etwas aufzugreifen. Wenn hier keine Sperrzeiten mehr wären, wäre das für den Begriff Popstadt Mannheim ein Riesensprung. Allein die Gremien, die um die Popakademie herum zusammensitzen sind da ein Riesenvorteil – einfach weil man sich mal kennen lernt und sich Ansätze von Kooperationen bieten. Als Gesellschafter der Pop Akademie sitzen die Stadt, der SWR, Universal, die Mannheimer Unternehmergruppe usw. in einem Boot. Dadurch hat man eine sehr breite Abdeckung von Interessen und Sichtweisen. Das fördert das Verständnis für einander und das Erkennen von Defiziten und Möglichkeiten. Am Anfang weiß man eben noch nicht viel voneinander und es geht eben nicht alles von heute auf morgen. In einem Jahr ändert sich nicht alles, aber es sind viele Dinge auf dem richtigen Weg und dass Pop Musik beim Stadtmarketing so ein Gewicht hat, ist sicher ein gutes Zeichen. Jetzt muss man sehen, was die Leute später machen: Geh ich nach Hamburg, Berlin oder ins Ausland oder bleibe ich in Mannheim?. Das ist die Benchmark. Da reicht es nicht zu sagen: Hurra, wir sind besser als Bielefeld, Stuttgart, Frankfurt oder Wuppertal.

RA: Es gibt demnach auch für Bewerber keinen Regio-Bonus?

Dirk Metzger: Nein, das wäre ja eine Katastrophe. Wenn sich gute Leute bewerben, keine Frage, aber das Ziel muss sein, gute Leute hierher zu holen. Eine Region gilt doch dann als attraktiv, wenn Menschen von außerhalb dorthin wollen.

RA: Oder die Tendenz, dass gute Leute aus der Region nach Berlin oder sonst wohin auswandern, stoppen.

Dirk Metzger: Eben, wenn man da etwas ändern könnte, wäre das ein wichtiger Meilenstein. Und trotz allem ist jetzt schon Mannheim neben Berlin die Stadt, in der am meisten nach vorne geht, und das ist schon mal was.

Gerald Merkel

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