jesus vs. andrew in drag The Magnetic Fields live in der Passionskirche Berlin
Stephin Merritt gilt als einer der talentiertesten Songwriter der heutigen Popmusik und ist der Kopf der in Boston gegründeten Band The Magnetic Fields. Diese haben in der Berliner Passionskirche ein Konzert gegeben., © Merge Records

In ihrer fundierten Fünferbesetzung mit Jon Woo an der Gitarre, Sam Davol am Cello, Claudia Gonson am Piano, Shirley Simms an der Mandoline und Stephin Merritt am Harmonium spielten die Magnetic Fields ihre kurzen Popstücke kammermusikalisch instrumentiert.
Foto: Merge RecordsIrdische Schmerzen im Kreuz im Zuschauerraum, metaphysische Schmerzen am Kreuz über dem Altar, die einen der Holzbank geschuldet, die anderen den Holzbalken. Das Konzert der Magnetic Fields fand in der Passionskirche statt, was bedeutete: Unbequeme Sitzmöglichkeiten und ein sich stets in die Bandreihe hineinmogelnder, da im Hintergrund am Kreuz hängender, Jesus im Blickfeld. Ein übermotivierter Fan (viele waren aus dem Ausland angereist) wollte gar eine höhere Instanz erkannt haben und rief zu einem späteren Zeitpunkt: "You're God!". Aber gemeint war nur Stephin Merritt. Der Kopf der Magnetic Fields nahm den Auftrittsort nämlich schon früh zum Anlass, Scherze über den Heilsbringer der Christen zu machen. Da passte I Die, der erste Song des Abends, umso besser.

Stephin Merritt, der kreative Kopf der Magnetic Fields.
Foto: Warner Music GroupIn ihrer fundierten Fünferbesetzung mit Jon Woo an der Gitarre, Sam Davol am Cello, Claudia Gonson am Piano, Shirley Simms an der Mandoline und Stephin Merritt am Harmonium spielten die Magnetic Fields ihre kurzen Popstücke kammermusikalisch instrumentiert. Auch die sythesizergetränkten Lieder vom aktuellen Album Love At The Bottom Of The Sea (unter anderem Quick!, Andrew In Drag, Your Gilfriend's Face) bekamen dadurch einen wärmeren Anstrich. 100,000 Fireflies, das Lied, das sie überhaupt erst bekannt machte, ließ die Bostoner Band wie bei den bisherigen Konzerten der Tour konsequent weg (aber leider auch The Luckiest Guy On The Lower East Side, das beim Berliner Auftritt im letzten Jahr noch auf der Setlist stand). Viele Leadvocals wurden von der wundervoll zurückhaltenden Shirley Simms und Merritts langjähriger Kollaborateurin Claudia Gonson übernommen, die den lieblichen Kontrast zu Merritts kratzigem Bass beisteuerten. Vor allem gelangen No One Will Ever Love You und Drive On, Driver. Auf Konzertlänge funktionierten die viel zu ähnlich arrangierten Songs jedoch leider nicht. Ein bekanntes Magnetic-Fields-Problem. Nach der Hälfte der Zeit (anderthalb Stunden dauerte der Auftritt insgesamt) wären Variationen mehr als willkommen gewesen. Doch das war keineswegs ein Qualitäsmakel, das der Musik der Magnetic Fields an sich geschuldet wäre.
Die Tatsache, dass Stephin Merritt – dem Ehrerbietung nicht nur von Fans zuteil wird (hier sei auf die Dokumentation Strange Powers verwiesen) – ein hervorragender Songwriter und Texter ist, konnte an dem Abend aber selbstverständlich unangezweifelt bestehen bleiben. Auch seine Humoresken nahmen der evangelischen Kirche in Kreuzberg (oder: Krojzböörg, dessen Aussprache den Amerikanern ungeheuren Spaß bereiten muss, so oft, wie man es aus allen Richtungen hören konnte) die ernsthafte Aura einer katholischen Messdieneranstalt. Merritt, der kein einziges Mal seine Mundwinkel zu einem Lächeln verzog, brachte jeden zum Lachen, nicht nur zwischen den Liedern ("The next song is called Goin' To The Country. It's about going to the country." Und: "This one is about the Grand Canyon. It's called Grand Canyon.”), sondern auch mit einer – für Merritt-Verhältnisse physisch elaborierten – Darbietung zu Book Of Love, bei der er zunächst mit seinem Schal erotisch konnotiert umherwedelte, diesen letztendlich mit einer überdramatisierten Geste ins Publikum warf. "Aber du liebst doch den Schal!" rief Claudia Gonson, nachdem die letzten Töne des Songs verklungen waren. Stephin Merritt entgegnete nicht. Dachte sich aber vielleicht auch nur: I love to give you things.