Oskar Schuster ist ein unabhängiger Self-Made-Instrumentalmusiker, der in Berlin seine Wahlheimat gefunden hat.

Kurz vor dem Abschluss schmiss Oskar Schuster sein Musikwissenschaftsstudium in München und ging nach Berlin. Als unabhängiger Selfmade-Instrumentalmusiker hat er sich in der kleinen Nische von komponierenden Künstlern eingenistet und bereits ein Album und eine EP veröffentlicht. Passend zur derzeitigen Debatte um frei zugängliche Musik im Internet erklärt er in unserem Interview, warum er sich an kein Label binden möchte, welche Wege der Selbstvermarktung er wählt und weshalb jeder seine Kompositionen frei nutzen kann.

regioactive.de: Als Komponist von Instrumentalstücken bist du eine Ausnahme innerhalb der heutigen Musiklandschaft, wo Bands und Songwriter im Rock/Pop-Genre zahlenmäßig vorn liegen. Mit der Musikszene deiner Wahlheimat Berlin verhält es sich genauso – wie empfindest du das?

Oskar Schuster: Ich sehe mich schon als Außenseiter. Es fällt mir schwer, meine Musik in eine Schublade einzuordnen. Mit dem Label "Komponist" oder gar "Klassik" kann ich auch wenig anfangen. Das ist ein Nachteil, aber zugleich auch ein Vorteil, denn dadurch steche ich vielleicht ein wenig aus der Masse hervor.

Du hast Musikwissenschaft in München studiert. Was bewog dich dazu, nach Berlin zu kommen?

Oskar Schuster: Ein Freund, der in Berlin eine Band gründen wollte, hat mich sozusagen mitgezogen. Mein Studium habe ich abgebrochen. Berlin bedeutete und bedeutet für mich vor allem Freiheit. Aus der Band wurde nichts und ich habe mich bei der Musikhochschule für Komposition beworben, wurde aber abgelehnt – meine Musik passte nicht ins Schema des Studiengangs. Danach habe ich mich entschlossen, auf eigene Faust ein Album aufzunehmen, in aller Freiheit, ohne mich anpassen zu müssen.

Die Stücke deines Debütalbums Dear Utopia bilden eine Einheit, sie könnten auch als Soundtrack zu einem Film dienen …

Oskar Schuster: Ich persönlich empfinde das Album gar nicht mehr als so einheitlich. Ich glaube man merkt, dass es mein erstes Album ist und ich während der Arbeit daran noch auf der Suche nach meinem Stil war. Allerdings steckt in der Tat ein einheitlicher Gedanke dahinter, eine Art Konzept: Es beginnt mit Les Soirs (frz. die Abende) und endet mit Les Matins (frz. die Morgen) – wenn man von dem letzten Stück Rêverb (rêve = frz. Traum, reverb = engl. Echo) absieht, das ja nur eine Reprise des ersten Stücks ist. Den Hauptteil des Albums bildet also im metaphorischen Sinn die Nacht oder der Schlaf, eine Abfolge von Träumen. Eigentlich sollte man seine eigenen Werke aber nicht analysieren.

Vom Komponieren, Arrangieren und dem Einspielen sämtlicher Instrumente, über das Abmischen bis hin zum Artwork deiner Platten machst du alles in Eigenregie. Inwiefern ist dir diese Kontrolle über den Entstehungsprozess wichtig? Und könntest du dir vorstellen, ein paar dieser Schritte (z.B. die Gestaltung) in Zukunft auch abzugeben?

Oskar Schuster: Einerseits bin ich ein Kontrollfreak, andererseits fehlt mir auch das Geld, bestimmte Aufgaben abzugeben. Also ist es momentan die beste Lösung, alles selbst zu machen – außerdem macht es mir Spaß, z.B. das Artwork selbst zu gestalten. Bei meinem nächsten Album habe ich aber vor, etwas mehr mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten.

Junge Instrumentalmusiker wie Nils Frahm und Ólafur Arnalds sind dir in der Art, Musik zu schreiben, sehr ähnlich. Allerdings haben beide Rückendeckung von Labels und spielen auch vor Publikum. Inwieweit könntest du dir das auf gleiche Weise für dich vorstellen?

Oskar Schuster: Wenn ich die richtigen Leute für eine Band finde, kann ich mir schon vorstellen, meine Musik eines Tages vor Publikum zu spielen, mal sehen. An ein Label im traditionellen Sinne will ich meine Musik allerdings nicht "verkaufen", denn ich will unabhängig bleiben.

Du hast dich entschieden, Dear Utopia alleine übers Internet zu vermarkten. Zum einen bedeutet das Unabhängigkeit, zum anderen aber auch Unsicherheit (vor allem finanziell). Stellt es eine Belastung für dich dar, dass du mit dieser Unsicherheit für die Autonomie bezahlen musst? Oder kannst du sorgenfrei mit dem Risiko leben, dass das, was du investiert hast, eventuell nicht wieder rein kommt?

Oskar Schuster: Diese Autonomie ist mir tatsächlich sehr wichtig. Außerdem ist das Risiko nicht so groß, denn man kann heutzutage CDs auch in sehr geringen Stückzahlen relativ günstig produzieren lassen. Und wenn man nicht von einem Label abhängig ist, bekommt man viel mehr für jede verkaufte CD bzw. für jeden Download. Bisher haben bei mir mehr Leute zum digitalen Download gegriffen. Meine Musik biete ich digital für einen sehr kleinen Betrag an, weil Herstellungs- und Versandkosten entfallen. Ein Download kostet mich nichts, eine CD dagegen mit Versand zwischen vier und sechs Euro.

Wie ist also deine derzeitige Bilanz?

Oskar Schuster: Dass ich mich ausschließlich von der Musik finanzieren kann, dazu reicht es bei weitem noch nicht. Zu den ein oder zwei Prozent der Künstler, die von ihrer Kunst leben können, gehöre ich noch nicht.

Das heißt, du arbeitest noch nebenher?

Oskar Schuster: Ja. Ich pflege freiberuflich einen Onlineshop. Dass ich aber nicht so viel nebenher arbeiten muss, liegt ausschließlich daran, dass ich genügsam lebe.

In der ZEIT gab es vor kurzem einen Aufruf von Autoren und Künstlern, das Urheberrecht zu stärken. Eine ganze Serie beschäftigt sich mit dem Thema, auch das schon oft durchgekaute Problem der Musikpiraterie im Internet wird aufgegriffen. Ein Lösungsansatz kommt von Conrad Fritzsch, der fordert, dass Musiker für potenzielle Interessierte frische Kaufanreize schaffen müssen – Stichwort: "package is god".

Oskar Schuster: Ich gehe absolut konform mit Conrad Fritzsch. Ich halte es für falsch, wie Jan Delay oder Sven Regener an einem veralteten Urheberrecht festzuhalten und vor der Realität des 21. Jahrhunderts die Augen zu verschließen. Vielmehr muss man, wie Fritzsch ja betont, die Gegebenheiten des Internets auf innovative Weisen nutzen und neue Modelle entwickeln, wie man als Urheber und Publisher Geld verdienen kann, ohne die User zu kriminalisieren. Es gibt schon einige gut funktionierende Modelle, wie Bandcamp, Spotify, Sellaband, Kickstarter, etc. Sicherlich wird auch noch einiges Neues hinzukommen. Und es stimmt auch, dass die Verpackung dabei immer wichtiger wird, um physische Tonträger zu verkaufen, denn die Musik an sich ist ja tatsächlich frei verfügbar. Man sollte allerdings auch nicht vergessen, dass niemals alle Künstler von ihrer Kunst werden leben können. Aber vielleicht werden es in Zukunft etwas mehr sein als zu Zeiten der großen Labels.

Dann passt es bei dir also ganz gut, denn ums Packaging hast du dir auch Gedanken gemacht: Bei dir kann man zur EP (Les Valses Invisibles) ein Notenheft mitbestellen, sodass man deine Kompositionen nachspielen kann. Woher kam die Idee dazu?

Oskar Schuster: Erstens hatte ich ein paar Anfragen von Leuten, die die Klaviernoten gern gekauft hätten. Und zweitens überlege ich mir vor jeder Veröffentlichung immer, was ich "Besonderes" machen könnte, zusätzlich zu einer ganz normalen CD. Da hat sich in dem Fall das Notenheft angeboten.

Und deine Stücke stehen zudem unter der Creative-Commons-Lizenz …

Oskar Schuster: Ja. Das untermauert allerdings nur noch einmal das, was für mich sowieso selbstverständlich ist, nämlich, dass alle Menschen meine Musik im Internet frei weiterverbreiten und sollen nutzen können – sofern es sich nicht um kommerzielle Projekte handelt. Ich empfinde das Internet nicht als Fluch für Urheber, sondern als Chance, ein sehr großes Publikum zu finden, womit dann ja auch wieder die Chance wächst, CDs und Downloads zu verkaufen. Gerade die Möglichkeit, auf Videoplattformen wie YouTube gestreamt werden zu können ist essenziell. Der Anreiz, ein YouTube-Video beispielsweise auf Facebook mit seinen Freunden zu teilen, ist deutlich größer, als eine reine Audiodatei zu teilen. Übrigens behalte ich mit der CC-Lizenz natürlich alle wichtigen Urheberrechte und verkaufe meine Musik weiterhin ganz normal.

Inwieweit spielt es für dich als komponierender Musiker eine Rolle, dich zu vernetzen oder in eine Szene zu integrieren, wie es normalerweise Bands tun?

Oskar Schuster: Sich zu vernetzen ist sehr wichtig, klar. Ich versuche das momentan im Internet auf verschiedenen Plattformen – eine passende lokale Szene gibt es ja leider nicht. Vielleicht bin ich aber auch nur schlecht darin, mich zu vernetzen.

Kannst du dir Kollaborationen mit anderen Musikern vorstellen?

Oskar Schuster: Für mein nächstes Album plane ich mit einem Streichquartett zusammenzuarbeiten, das werde ich aber voraussichtlich nicht im Internet, sondern im echten Leben tun. Auch mit verschiedenen Sängerinnen, die ich auf SoundCloud kennengelernt habe, kann ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen und umgekehrt besteht auch Interesse. Aber dazu müssen erstmal die passenden musikalischen Ideen kommen.

Welche Resonanz bekommst du auf deine Musik? Vor allem außerhalb Deutschlands scheinst du viel populärer zu sein.

Oskar Schuster: Die Resonanz im Internet ist sehr positiv. Tatsächlich kommen die meisten meiner Facebook-Fans aus Südamerika und aus der Türkei. Das ist ein Vorteil von Instrumentalmusik, dass sie sprach- und damit auch ziemlich kulturübergreifend ist. Da ich keine Konzerte gebe, gab es im "echten" Leben noch nicht soviel Resonanz – die einzige öffentliche Aufführung meiner Musik fand im Rahmen eines kleinen Theaterstücks statt. Nach der Aufführung bekam ich viele positive Reaktionen von den Anwesenden, unter anderem auch von Enno Bunger, dessen Band ich damals noch nicht kannte – er wollte gleich Klaviernoten von mir haben.

Dear Utopia hatte ausgefeilte Arrangements, viel Glockenspiel und Akkordeon. Auf deiner neuen EP Les Valses Invisibles hast du ein paar alte und neue Stücke ausschließlich auf dem Piano eingespielt. Warum?

Oskar Schuster: Hauptgrund war, dass ich mein E-Piano verkauft hatte und stattdessen ein richtiges Klavier in mein Zimmer gestellt habe. Da bot es sich an, einige Klavierstücke von Dear Utopia nochmals mit dem akustischen Piano aufzunehmen und gleich zwei meiner neuen Stücke mitzuveröffentlichen. Mir erging es dabei übrigens ähnlich wie Nils Frahm bei den Aufnahmen zu seinem Album Felt: Um meine Mitbewohner und Nachbarn nicht zu nerven, habe ich einen Moderatorfilz zwischen Saiten und Hämmer gespannt. Den daraus resultierenden leiseren, weicheren Klang und die unweigerlich deutlicher hervortretenden Nebengeräusche waren genau das, was ich wollte. Wenn man gute Kopfhörer hat, dann hört man, wie meine Finger die Tasten berühren und die Hämmer gegen den Filz schlagen. Es fühlt sich ein wenig so an, als wäre man mit seinem Kopf direkt im Resonanzkörper des Klaviers.

Die Titel deiner Stücke sind französisch und isländisch, dein Albumtitel englisch. Warum gerade diese Sprachen? Verknüpfst du etwas mit ihnen?

Oskar Schuster: Mit der französischen Sprache verknüpfe ich persönliche Erlebnisse – und ich liebe die Sprache einfach sehr. Isländisch klingt irgendwie märchenhaft und ungewöhnlich, außerdem ist es als eine Hommage an die großartige isländische Musikszene zu verstehen, die mich schon seit vielen Jahren sehr inspiriert.

Und von welchen anderen Medien lässt du dich noch inspirieren?

Oskar Schuster: Von Fotografien, von Büchern und von Filmen. Ich habe es mir angewöhnt, Fotografien auf mein Klavier zu legen oder Filme stumm auf meinem Laptop ablaufen zu lassen, während ich komponiere. Manchmal schließe ich aber auch einfach meine Augen und lasse mich von den Bildern inspirieren, die durch meinen Kopf tanzen.

Vielen Dank für das Interview!

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