eine frage des klimas

Interview mit Dr. Woggle & The Radio

Interview vom 09.09.2004 | Autor: Gerald Merkel

Tags: Dr. Woggle and the Radio  

Die Jamaika-Außendienst-Kapelle Dr. Woggle & The Radio aus Weinheim animiert seit fünf Jahren mit Rocksteady, Reggae und Ska landauf landab zum Po-Wackeln. Jüngst gewannen sie die "Beste Band"-Ausscheidung des Mannheim Music Award 2004. Längst überfällig mit Front-Doktor Niko Knapp eine Runde zu ratschen.

Zunächst fällt die frische Groove Guerrilla-Single ins Auge und von dort in den CD-Player. Anlass über Business, Chancen, Risiken und Labels (GG veröffentlichten die Single am 16. August bei Beats Around The Bush) zu sinnieren.

RA: Wie sieht das bei euch mit einer Firma aus?

Niko: Wir haben eine Plattenfirma – Grover Records - ,die unsere Scheiben verkauft und Promo macht oder machen sollte. Das läuft nicht in dem Sinn, dass jemand ankam und sagte: "Jungs, wir signen euch", so wie das die letzten fünf Jahre bei den HipHoppern war, die dir dann erzählten "Hey, ich wurd von Pimmelwurst-Records gesigned". Wir haben beide Platten selbst bezahlt und selbst produziert und einen so genannten Bandübernahme-Vertrag. Grover haben die Rechte für die nächsten Jahre und übernehmen die Promotion. Der Vertrieb bei Grover läuft über SPV, was ja ganz anständig ist, da es so möglich ist, unsere Platte überall zu bekommen. Trotzdem denke ich, dass die meisten Platten auf unseren Konzerten verkauft werden. Natürlich ist Grover Record das Label für Ska in ganz Europa ...

RA: Ihr seid auf einem gewissen Niveau angekommen, und wenn man von da aus weiter will, dann würdet ihr so ein Signing aber sicher auch nicht ausschließen?

Niko: Die Ambitionen hat doch jeder, da kann mir auch kein Punkrocker erzählen, dass er nicht gern viele Platten verkaufen möchte. Vielleicht nicht in dem Sinn, dass man richtig reich wird, aber eben davon leben kann. So haben's die Hives gemacht, die vorher bei Burning Heart waren, so haben's Rancid gemacht, die für ihr neues Album eine Kooperation haben, da sind die Beatsteaks ... Und an denen sieht man auch, dass es möglich ist, sich bei all dem selbst treu zu bleiben. Vor allem die Beatsteaks sind da ein gutes Beispiel. Wie du eben dieses Schweine-Business mit einer Punk-Attitüde kombinierst. Wir würden auch gern dahin.

RA: Aber im Moment müsst ihr noch Sachen neben der Musik machen. Ich denke da an Einträge in unserem Forum, als ihr euch für den MMA beworben und schließlich auch gewonnen habt. Das ging so in die Richtung, "wenn die Woggles da mitmachen, wieso dann nicht gleich Laith Al-Deen, Xavier Naidoo oder Joy Flemming?" Wie findest du das?

Niko: Ja bitte, sollen sie mitmachen, wie ja auch einer geschrieben hat. Dann hieß es, glaub ich, noch: "Mit Dr. Woggle haben eindeutig Profis gewonnen." Wo fängt "Profi sein" an? Was charakterisiert einen Profi? Ist das der, der damit Geld verdient, ist es einer, der einfach nur gut ist? Oder jemand, der ein Management hinter sich hat und überhaupt alles so hinkriegt wie es sein sollte? Ich weiß es ja selbst nicht. Ich sehe es als Kompliment, da wir uns selbst nicht als Profi-Band betrachten. Klar, sind wir viel unterwegs im Vergleich zu vielen anderen Bands.

RA: Und wieso?

Niko: Ja, halt weil wir gut sind (lacht).

RA: Und so viel unterwegs wart ihr nicht von Anfang an ...

Niko: Sicherlich nicht. Wir waren aber von Anfang an darauf aus, soviel wie möglich live zu spielen. Erstes Ziel für uns war das Schwimmbad. Natürlich kam dann erst das Cafe Central, aber das war ja nicht die Schwierigkeit. Wir hatten im ersten halben Jahr drei Gigs mit El Max und dann hatten wir tatsächlich unser erstes Konzert mit Ngobo Ngobo im Schwimmbad. Dann kommen andere Ziele; die immer größer werden. Dann kam das Summer Jam in Köln, wo wir vor zwei Jahren auf der kleineren Bühne gespielt haben. Und jetzt wäre das Ziel mal auf dem Southside oder Hurricane zu spielen.

RA: Habt ihr das allein gemanagt oder stand da eine Booking Agentur dahinter?

Niko: Die ersten 1 ½ Jahre haben wir das z. T. allein und z. T. mit Schoko Booking gemacht. Dann kamen wir zu Moskito. Von da an ging dann wesentlich mehr.

RA: Euch gibt es seit ...

Niko: Seit 5-6 Jahren. Wir hatten ja in diesem legendären Proberaum in Mörlenbach angefangen.

RA: Ihr könnt nicht von der Geschichte leben, aber ihr nehmt Platten auf, seid auf Tourneen, also eine zeitintensive Angelegenheit. Wie kriegt ihr das hin?

Niko: Bei jedem von uns steht die Band an erster Stelle. Jetzt hatte Toni, unser Schlagzeuger Referendariat, da war das natürlich stressiger. Aber wir machen eben viele Wochenendgeschichten, so Donnerstag-Samstag, was ja eh recht sinnig ist. Oder im Rahmen des Agentur-Festivals "Skank around the x-mas tree" sechs Tage um Weihnachten unterwegs sein, oder der "Eastern Ska"Jam, der acht Tage ging. Es ist schon zeitintensiv aber wir wollen's ja auch so. Zur neuen Platte letztes Jahr haben wir eine komplette Tour gemacht, was eine ziemlich gute Erfahrung war – auch wenn die Platte zu spät rauskam und derlei Querelen.
An Live Konzerten wächst man, allein deshalb sollte man soviel spielen wie es geht. Natürlich haben wir mit unserer Musik Im Vergleich zu Punk Bands auch einen Riesenvorteil ... Natürlich muss man gut sein und etwas machen, was einen selbst begeistert. In unserem Genre gibt es viele Bands, die z. B. ganz traditionellen Rocksteady machen. Was wir gut finden, aber bei uns heißt es trotzdem eher "Mix up da thing". Mit Ska und Reggae – das muss ich hier noch mal unterstreichen, wir sind keine reine Ska Band – hat man einfach die Möglichkeit viele Shows zu spielen und dafür Geld zu bekommen. Würden wir nicht welches bekommen, würden wir auch nicht soviel spielen. Wir kriegen genug, dass wir was zusammensparen können, um eine Platte aufzunehmen. Das ist bei Rock, Metal, oder Punkrock anders. Bei Punkrock und Hardcore gibt es zwar eine große Szene aber dafür seltener gute Gagen.

RA: Wie kommen denn Jungs aus Weinheim auf Ska und Reggae?

Niko: Durch Ngobo Ngobo.

RA: Tatsächlich? Nicht durch irgendwelche international bekannten Größen?

Niko: Ja, klar! Das auch. Aber was die Verbindung zu den Gobos betrifft: Seit meinem 15. Lebensjahr war ich mit dem Ngobo Ngobo-Umgfeld unterwegs. Mein erstes Live Konzert waren die Busters. Das, was die Busters und Ngobo Ngobo machten, war schon eine Sache von der wir sagten: Da wollen wir hin. Dann lernst du natürlich die ganze Musik drumherum kennen. Ich bin schon ein völliges Szenetier, ich hab mich seit ich 16 bin, nur mit Ska beschäftigt. Reggae kam erst später.

RA: Dann beantwortet das z. T. schon die Frage, warum es hier in der Gegend so viele erfolgreiche Skabands gibt. Eigendynamik …

Niko: Ja, sicher wir haben hier außerdem noch Loaded, Ska Treck aus Darmstadt. Die Irie Revoltes werden sicher auch gut abgehen. Das liegt am Klima. Das liegt an der Bergstraße, am Odenwald – in Jamaika ist auch alles grün, da gibt es auch solche Berge. Hier in der Gegend gab es schon immer viel gute Musik, das konzentriert sich gar nicht mal so sehr auf Ska. Du weißt selbst was im Odw. los ist und los war, wie viele gute Bands es da gab. Die Frage ist dann immer nur: Wie kriegt man's mit? Mit Ska hast du viele Möglichkeiten, du kannst auf irgendwelchen Stadtfesten spielen, das können VP-1, so klasse ich die finde, rein von ihrer musikalischen Richtung her, nicht ohne weiteres. Es ist schwierig als junge Band eine passende Öffentlichkeit zu finden. Es gab und gibt viel Qualität, denk an Thorn. Eleven, diese ganze Bergstraßen-Szene ist seit Jahren unheimlich aktiv und da möchte ich Mannheim nicht ausnehmen - das ist eine Region. Das alles ist auch keine neue Entwicklung. Für Zugereiste mag diese Promo-Blase so klingen, aber hier gab es schon immer viel Musik. Anke Helfrich, eine der besten Pianistinnen Deutschlands kommt aus Woinem ebenso wie Fritz Münzer. Adax Dörsam, Jim Kahr wohnt in Zotzenbach …

RA: Und Ricky King in Ober-Mumbach … Dich kann man schon als Lokalpatriot bezeichnen?

Niko: Ja. Es ist geil hier.

RA: Habt ihr schon mal einen Bandausflug nach Jamaika gemacht?

Niko: Nee. Haben wir aber vor. Wir waren immerhin schon am Meer und unsere Bandausflüge hängen dann ja doch gern mal mit Konzerten zusammen. Wer weiß, vielleicht kommen wir durch den MMA groß raus und werden dann Teile unserer nächsten Platte in Jamaika aufnehmen, wie das jeder Artist von Ruf in diesem Genre macht. Nee, werden wir nicht machen. Der Einzige der schon mal dort war, ist unser Schlagzeuger. Und der hatte den Groove schon vorher raus.

RA: Der Gewinn des MMA …

Niko: Hat uns sehr gefreut. Ich hatte auch wirklich nicht damit gerechnet. Ich dachte: "Na gut, ich bin ne ziemliche Frontsau, vielleicht wird's wenigstens was mit dem Preis für den besten Sänger". Ich bin eben sehr bescheiden ... Aber dass man mit unserer Musikrichtung Awards gewinnt, ist nicht unbedingt üblich. Ich wüsste zumindest von niemandem. Und betrachtet man sich die bisherigen Gewinner des MMA waren das auch eher so Geschichten wie man sie sich im Mainstream vorstellt.

RA: In unserem Forum wurden eure Chancen den Award zu gewinnen von Anfang an höher eingeschätzt.

Niko: Mag sein, aber ich habe immer den Eindruck, dass Ska als Genre einfach nicht ernst genommen wird. So Kirmesmusik, schon allein der Name… Ich denke schon, dass unsere Musik auch in einem mainstreamigeren Rahmen funktionieren würde. Man wird sehen wie es weitergeht. Wir arbeiten jedenfalls daran ...
Was den Award betrifft: Der kam für uns in einem guten Moment, es trat alles ein wenig auf der Stelle, ein paar von uns hatten andere Verpflichtungen, wir spielten nicht so oft ... Da ist es wichtig, dass sich ein paar neue Türen öffnen und der MMA war eine davon. Wir haben viel gemacht in den letzten vier Jahren und da ist es selbstverständlich in Ordnung mal etwas low zu machen. Aber die Award-Geschichte war gut fürs Selbstbewusstsein, mal ein anderes Feedback als vom Publikum – was wir ja durchaus schon haben, da können wir uns nicht beschweren.

RA: Ist das auf persönlicher Ebene problematisch, wenn der eine oder andere gezwungen ist bandmäßig vom Gas zu gehen, während andere voll durchziehen wollen?

Niko: Ach, wir kennen uns schon so lange, da muss man durch so was durch. Klar ist es stressig, wenn man auf bestimmte Dinge achten muss, anstatt einfach loslegen zu können. Wir hatten eine Zeitlang keinen Proberaum. Dann sieht man sich auch außerhalb der Band nicht mehr so oft ...

RA: Was sonst der Fall bei euch ist? Perry Farrell hat mal zur Auflösung von Jane's Addiction etwas pathetisch formuliert, es sei nicht mehr genug Liebe in der Band gewesen und ohne könne eine Band nicht funktionieren ...

Niko: In letzter zeit trat die Liebe zu oft in den Hintergrund. Es gab einfach zuviel andere Dinge, die geklärt werden mussten. Zeitplanung, geschäftliches mit Label und Agentur usw. Aber sobald wir zusammen unterwegs sind, ist die am Start, und das ist das Geile. Menschlich hatten wir noch nie Probleme miteinander. Kritikpunkte und so, ja klar, aber das ist dann eine andere Schiene, ähnlich wie eine Beziehung.

RA: Eine Band kann einer Beziehung sehr ähnlich sein ...

Niko: Na, ich bin länger in dieser Band als ich mit meiner Freundin zusammen bin. Und die Band hat auch jetzt einen sehr hohen Stellenwert. Hm. Sie liest das hier sicher. Jedenfalls hab ich noch mit niemanden so viel Zeit verbracht wie mit den Jungs.

RA: Was auch live bei euch festzustellen ist: Zunächst fällt natürlich der Entertainer mit dem Mikro ins Auge, aber wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass ihr ein absolut ausgeglichenes Team seid.

Niko: Klar bin ich derjenige, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das ist doch in jeder Band so. Aber bei uns ist jeder sehr speziell und geht auf der Bühne ab. Spaß und Freude kommen bei uns in einer breiten Welle rüber, das ist nicht der Schlag von einer Faust, sondern eher ausgebreitete Arme, die dann nach vorne drücken. Das ist das Ideale bei einer Band, ist z. B. auch so bei den Beatsteaks.

RA: Du bist im Cafe Central involviert, hat dir diese Erfahrung viel für Dr. Woggle gebracht?

Niko: Ja, auf jeden Fall. Kontakte und Erfahrungen und z. B. abzuschätzen wie man mit Veranstaltern umgeht. Und Kontakte sind ja eh alles.

RA: Wenn man also zusammenfasst, sind's drei Punkte, die's ausmachen: Sich den Arsch abspielen, Kumpels sein ...

Niko: 11 Freunde sollt ihr sein ...

RA: ... genau, und: Sucht nen Job um die Musik rum, um Kontakte und Erfahrungen zu sammeln.

Niko: Stimme ich zu. Dr. Woglge & The Radio ist an einem Punkt, an dem man sehen muss wie es weiter geht. Die meisten von uns sind mit dem Studium fertig, wir haben einen relativen Status ... Das nächste Jahr wird spannend. Aber letztendlich sagen wir alle: Wir machen weiter. Wir müssen uns aber auch entscheiden wie: Wir können einen Schritt höher im Underground machen, noch ne Platte in diesem Rahmen, einen deutschlandweiten Publikumsdurchschnitt von 300 Leuten erreichen und selbst damit kannst du noch kein Geld verdienen. Dazu müsstest du europaweit unterwegs sein, was bei uns ja schon der Fall ist. Man sollte eben zu den Top 5 in seiner Szene gehören. So was wie im Punk / HC-Bereich Agnostic Front. Wobei das schon sehrt "großer Underground" ist. Da fehlt bei uns noch ein Stückchen.
Was das Musikbusiness angeht, sollte man sich vor Augen führen, dass es schon sehr früh geschäftslastig wird. Wer bringt dich wohin, welche Entscheidung ist richtig? Arbeiten wir mit einem Produzenten zusammen? Machen wir ne Single oder ein Album? Man muss eben wissen was und wohin man will. Das ist nicht nur einfach eben mal zusammen Musik machen. Wobei die Liebe zur Musik natürlich der Antrieb ist.
Naja, und sobald du an den Punkt kommst, an dem du viel spielst hast du auch Kosten, auf die du kommen musst, auch wenn wir sicherlich korrekte Gagen kriegen. Wir brauchen einen Bus, wir zahlen Steuern als GbR insofern sind wir da schon Profis. Wenn du etwas erreichen willst musst du das Ganze professionell angehen. Und dieses Nirvana- oder Wir sind Helden-Ding ist doch nur ein Mysterium. Diese Bands sind nicht nur deshalb groß geworden weil sie supergut waren. Blödsinn. Die haben daran gearbeitet und Leute gehabt, die ihnen dabei geholfen haben. Glück und der richtige Moment gehören auch dazu. Da stimmte eben einfach alles. Bei den Helden gibt es die Geschichte, dass sie 3-400 CDs an irgendwelche Radiosender schickten und es so losging. Da fängt es aber schon an. Erst mal musst du die Dinger produzieren. Vielleicht noch wichtiger: Wem schickst du diese CDs? Wer in welcher Station hört sie sich überhaupt an? Solche Infos haben nur Leute, die sich damit auskennen. Der Manager, Produzent oder was weiß ich, der Helden hat Rosenstolz groß gemacht und mit Nina Hagen gearbeitet. Du brauchst die richtigen Partner. Du wirst nicht groß, einfach weil du saugut bist. Das stimmt einfach nicht. Du musst mit den richtigen Leuten arbeiten und ich hoffe, dass wir die finden oder schon haben.

RA: Bislang scheinen's nicht die schlechtesten gewesen zu sein. Weiter viel Spaß & Erfolg und Danke für das Interview.

Niko: Alles klar, wünsch ich auch.

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Tourdaten:

26.12.04 D- Weinheim // Cafe Central
11.12.04 D- Mannheim // Feuerwache +Ngobo Ngobo
27.11.04 CH- Zürich // Dynamo
26.11.04 CH- Schaffhausen // Orient
01.10.04 D- Berlin // SO36
24.09.04 D- Neustadt a.d. Weinstr. // Musikwerkstatt
18.09.04 D- Gütersloh // Bauteil 5

 

Gerald Merkel

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