musikalische grundversorgung
Motorpsycho live
Review/Bericht vom 15.05.2002 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Motorpsycho Tocopilla-Events Phanerothyme Hakon Gebhardt
Review/Bericht vom 15.05.2002 | Autor: Gerald Merkel
Tags: Motorpsycho Tocopilla-Events Phanerothyme Hakon Gebhardt
Einmal im Jahr Motorpsycho gehört eigentlich zur kulturellen "Grundversorgung" wie Fußballübertragungen ins Fernsehen für jedermann. Obwohl keine Deutschlandtournee anstand, hatte Mannheim am 23.04. das Glück dem einzigen Motorpsychokonzert hierzulande den Rahmen geben zu dürfen.
Auf dem Weg von Italien nach Holland nutzten die Trondheimer die Gelegenheit die Quadratstadt quasi im vorbeigehen zu rocken. Dem Tourmanagement und Tocopilla-Events an dieser Stelle schönen Dank. Es gibt wohl keine andere Band, in die ich live so hohe Erwartungen setze, wie in Motorpsycho, und dabei niemals wirklich fürchte, enttäuscht zu werden. Gespannt sein konnte man diesmal trotzdem, gab es doch nach den letzten Gigs und Platten Stimmen á la "schön und gut, Bands sollen nicht langweilen und sich weiterentwickeln, ne bisschen sixtie-geschwängerte Psychedelic nach Beatles-Rezeptur ist sicher prima, aber "Demon Box" und "Timothy `s Monster" waren besser, wo sind die verzerrten Gitarren, Motorpsycho rocken nicht mehr wie frü-her (überhaupt ist nix mehr wie früher, ja, ja) und so weiter und so fort...". Für meinen Teil nehme ich da lieber die Aussage der Band "Trust us" wörtlich, und das erwies sich als lohnender, als Aktien am Neuen Markt zu kaufen. Allzumal da das letzte offizielle Album "Phanerothyme" meiner Meinung nach den gelungensten Wurf der letzten Jahre im Motorpsycho-Universum darstellt.Und, langer Rede kurzer Sinn, die Herren aus dem Norden rockten wieder mal derart lässig aus dem Handgelenk, dass einem das Wasser in die Augen steigen wollte. Italien im Frühling ist sicher eine beflügelnde Angelegenheit, erst recht wenn man aus dem Exil der Polarnacht kommt, und das war der Spielfreude unserer Nordlichter deutlich anzumerken. Das Material ging quer durch die letzten Alben und zwar in einer Manier, dass sich anschließend sicher niemand beschweren konnte, es sei nicht heftig genug gerockt worden. Wie immer hatte man das Gefühl, dass keiner der Songs jemals exakt gleich gespielt wird, ein Motorpsychokonzert dreht sich um Musik und ist soweit weg von dem Begriff "Show" wie Holland von der WM (dass mir derzeit ständig Analogien aus der Fußballwelt ins Hirn blitzen liegt, hoffe ich, lediglich an ebendieser). Die Intensität des zwei- bis dreistündigen Zusammenspiels erklärt sich wohl nur durch jahrelanges gegen die Polarnacht proben. Wenn man dann die Aussage aus gewöhnlich gut informierten Kreisen dazunimmt, dass Schlagzeuger Hakon Gebhardt an so einem Tourneetag die Muse findet, vor dem Gig geschlagene vier Stunden auf der Gitarre zu klimmpern, ist eigentlich alles gesagt. Der Gig ging von Anfang an nach vorne los, circa nach der Hälfte trat der "magische" Moment ein, die Stücke wurden länger, dichter, intensiver, die Menschen glücklicher, die Welt friedlicher, die Eindrücke des Autors dieser Zeilen eventuell noch subjektiver als sie ohnehin schon sind. Höhepunkte waren unter anderem "Whip that Ghost" von der "Let Them Eat Cake" und "In The Family" aus dem Album "Angels And Demons At Play", beendet wurde das Feuerwerk mit einer furiosen Version von "Fools Gold" von der "Blissard". Alles in Allem kann der Frühling jetzt loslegen.
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