frische dinosaurier

Die Ärzte im Rosengarten

Review/Bericht vom 01.06.2004 | Autor: Gerald Merkel

Tags: Die Ärzte   Farin Urlaub   Bela B  

Eine der Bands mit deren Songs man sein halbes Leben Revue passieren lassen kann. Und die laut eigenem Bekunden vor allem deshalb noch existiert, weil Konzerte für sie das Größte sind.

Die ÄrzteDie Ärzte
© die ärzte assistiert von Jörg Steinmetz
Zunächst rollte eine Ska-Rock-Lawine über den seit Monaten ausverkauften Rosengarten. La Vela Puerca aus Uruguay setzen in Punkto Live-Präsenz da an wo Mano Negra aufhörten. Also mehr Rock als Ska mit einem Schuss Reggae. Temperament und voller Einsatz mit dem entscheidenden Quäntchen Lateinamerika-Rhythmus, sodass der Mozartsaal schon um 20.30 gut ins Wackeln kommt. Für die Ärzte anzuheizen ist keine undankbare Aufgabe, wenn man seine Sache halbwegs gut macht. Mehr als das war der Fall. Verantwortlich für das Booking des Oktetts ist der Rocky Beach Club, der auch schlau genug war Brand New Jersey unter seine Fittiche zu nehmen. Die Entdeckung des Abends kam also aus Uruguay.

Danach die Ärzte. Ihre Gassenhauer begleiten uns schon seit Jahren, und ihr Ruf als Live Band begleitet sie. "Ärtze"-Sprechchöre in der Umbaupause wie sie andere Bands nicht nach der fünften Zugabe erleben, kaum auf der Bühne wird das Publikum auf der Empore zum Stehen und zur La Ola gebracht. Willkommen in der Welt des Kommando-R'n'R.

Farin UrlaubFarin Urlaub
Der Sound – vor allem Farins Gitarre - ist im Parkett durchwachsen bis dürftig und erinnert mehr als gewünscht an ihre Punkrock-Roots. Allerdings, den Ärzte-Songs angemessen, liegen die Stimmen jederzeit verständlich über dem Brei – wenn das mitsingende Publikum sie nicht übertont. Auf der Empore dagegen ist der Klang so filigran wie bei den Ärzten wohl überhaupt möglich, aber es sind eh andere Qualitäten gefragt. Die Ärzte wissen was sie tun, die Show baut sich nach dem Muster ‚zwei neuere Stücke, ein alter Hit' auf, je länger der Abend umso mehr aus ihrer unglaublich großen Mottenkiste: Brennende Radios, fette Elken, Westerland, Claudias Lieblingshaustier und so weiter und so fort. Dazu verstärkte Einbeziehung des Publikums. Auf die Frage: "Muss ich jetzt frustriert sein?" ist aufzuspringen, den rechten Arm mit geballter Faust gen Mozartsaal-Himmel zu schleudern und "Nein" zu rufen. Was sich die Hälfte der Show während und zwischen der Songs einbauen lässt und, das muss man Ärzten wie Publikum lassen, fast immer funktioniert und für Kurzweil sorgt. Was ebenfalls funktioniert, ist das Gegensatzpaar Farin Urlaub und Bela B, mit Rod als Idealbesetzung des ewigen Dritten. Allerdings wirkt der gesamte Auftritt auch entsprechend routiniert, dass das Publikum nach ihrer Pfeife tanzt, ist für die Berliner spürbar selbstverständlich. Musikalische Abwechslung gibt es gegen Ende, an die R'n'R-Realschule anknüpfend quasi-unplugged im Sitzen.

Fazit: Wer sich von den Ärzten durch ein 2 ½-stündiges Party-Programm führen lassen will, macht hier nichts falsch. Wer schon immer Probleme mit Mitklatsch-Kommandos von der Bühne hatte (zumal von Leuten, die sich vermutlich selbst über so etwas lustig machen würden), wird die auch bei den Ärzten nicht los. Dennoch: Die Reise durch die Ärzte-Vergangenheit ist auch eine durch die eigene, Soundtracks zu X Partys, neuen Lieben und daraus erwachsenem Kummer, Texte, die in einmaliger Weise teenagertauglich sind und den Nagel auch Jahre später einfach auf den Kopf treffen. Und wenn am Ende "Zu spät" angestimmt wird, haben die Ärzte dann doch wieder gewonnen. Routine hin oder her, in zehn Jahren gerne wieder.

Gerald Merkel

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