Schwimmbad Musik Club im Interview
Interview vom 27.05.2004 | Autor: Gerald Merkel
Interview vom 27.05.2004 | Autor: Gerald Merkel
Der Schwimmbad Club in Heidelberg ist eine Institution im Rhein-Neckar-Delta. Die meisten können abendfüllende Schwänke über ihre Erlebnisse in diesen Räumlichkeiten erzählen, von durchzechten und durchtanzten Disco-Abenden über tête à têtes auf dem Balkon zu fantastischen Konzerten in intimer Club-Atmosphäre. Dieses Jahr feiert der Club sein 25-jähriges Jubiläum. Gratulation an dieser Stelle. Und ein guter Zeitpunkt für ein Gespräch mit Geschäftsführer Gerhard Niedermair.
RA: 25 Jahre Schwimmbad Musik Club (SMC), d. H. 25 Jahre Konzert-Club und Disco. Das Konzept (Konzerte von Indie bis - meist am Wochenende – Mainstream und entsprechendem Disco-Programm) besteht meines Wissens schon seit den Anfangsjahren?
GN: An sich ja. Natürlich hat man sich neuen Trends und Zeiten angepasst. Aber das Konzept, viele Möglichkeiten unter einem Dach zu haben, wird auch in Zukunft so bestehen. Vor so 12 Jahren ist der ‚Blue Fish', der kleinere Club im Keller, dazugekommen. Mittwochs läuft dort Dark Wave / Gothic, ansonsten HipHop. Vor ein paar Jahren war es noch Techno. Das ist auch ein Platz für neue Trends.
RA: Die Masse der Besucher wird durch die Disco im ersten Stock angezogen?
GN: Die finanzielle Priorität liegt auf der Disco-Schiene. Das ermöglicht uns relativ unabhängig Live-Konzerte zu machen. Also auch etwas zu buchen, was finanziell nicht so vernünftig ist, von dem man aber denkt, das könnte noch etwas werden weil man von der Qualität überzeugt ist. Solche Risiken deckt der Disco-Betrieb ab. Und solange es den SMC gibt wird es auch Konzerte geben. Ich höre oft die Frage, ob es weiterhin Konzerte im SMC geben wird. Definitiv ja. Ich denke ohne Konzerte wäre es nicht das Schwimmbad.
RA: Also sind die Konzerte auch eine Herzblutangelegenheit?
GN: Auf jeden Fall. Aus rein finanziellen Gründen dürfte man es in diesem Rahmen nicht so machen. Da wäre ein dritter Disco-Raum rentabler. Aber Live-Musik ist einfach Herzblut, das ist Leben, Spannung und auch ein wenig wie Roulette spielen.
RA: Und durch solche Roulette-Spiele kommt man dann auch dazu, von sich behaupten zu können, dass z. B. Nirvana im SMC gespielt hat.
GN: Ja, es war sicherlich einer unserer Glücksgriffe, Nirvana zu der Zeit gebucht zu haben. Komischerweise war das eins der wenigeren Konzerte, die ich mir selbst angeschaut habe. Ich weiß auch nicht mehr wieso eigentlich ausgerechnet dieses. Musikalisch war das nicht leicht einzuordnen, aber Eins war klar: Kurt Cobain hatte eine wahnsinnige Ausstrahlung. Er hatte Charisma, man hat gespürt, dass da etwas Besonderes ist. Diese Lawine, die Nirvana lostrat, war allein durch die Musik nicht abzusehen. Es waren aber auch z. B. Fanta 4 oder, wenn man ganz weit zurückgeht, Ideal oder Trio im SMC. In jüngerer Zeit Monster Magnet, Geen Day, oder Guano Apes, letztes Jahr Wir Sind Helden und vor zwei Monaten Mia. Wir versuchen da am Puls der Zeit zu sein. Ich werde oft gefragt, weshalb ich keine Veranstaltungen in großen Hallen mache. Ich halte die Club-Atmosphäre für das Wichtigste. Zu sagen: ich habe die und die Band genau vor mir spielen sehen, ohne Absperrung etc. Die 500 Leute, die bei Fanta 4 vor dem Club standen und nicht mehr reinkamen, hatten sicher später die Chance Fanta 4 zu sehen. Aber so einen intimen Gig wie im Schwimmbad eben nicht.
RA: Gab es persönliche Höhepunkte?
GN: Schwierig. Das sind für mich Abende, wenn junge Bands rauskommen und sagen: Mensch, was war das heute gut. Wir hatten Publikum und guten Sound und überhaupt zum ersten Mal ein richtig gutes Konzert. Wir sehen uns auch als Forum für junge Bands und haben auch jeden Monat ca. acht im Programm. Solchen Sachen eine Auftrittsmöglichkeit zu geben und dann einen Abend mit rundum guter Stimmung zu haben, macht mich stolz. Da jetzt ansonsten eine Band herauszuheben ist nach der langen Zeit eigentlich nicht möglich. Wenn man unser Programm betrachtet, wird man sehen, dass da von Independent ab alles zu finden ist, an den Wochenenden gibt es mehr kommerzielle Sachen, bei allen Sparten sehr viele lokale Bands. Das gehört eben zu unserer ‚Schwimmbad-Kultur', auch wenn wir nicht städtisch gefördert werden.
RA: Da ist die Konkurrenz in den letzten Jahren größer geworden?
GN: es gibt für mich zwei Arten von Konkurrenz, die eine ist die, die mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, die andere diejenige, die mit den gleichen Mitteln kämpft wie wird. Das Umfeld wird umso schwieriger, wenn die erstere dann noch sehr viele Disco-Veranstaltungen macht. Ich frage mich, ob Subventionen dann noch gerechtfertigt sind. Nichtsdestotrotz finde ich den Karlstorbahnhof sehr wichtig, da er auch sehr viele Sparten abdeckt, die kommerziell nicht machbar wären. Insofern sind die Subventionen auch absolut in Ordnung. Dennoch müsste man da überlegen ob das in der Form der richtige Weg ist. Ich stoße auch da an meine Grenzen, wo es um Verhandlungen um Fix-Gagen vs. Eintrittsbeteiligung geht. Ins Schwimmbad gehen eben nur 300 Leute. Andererseits ist trotzdem Stimmung, wenn nur 150 Leute da sind. Die Konzertagenturen denken da immer kommerzieller und tun den Musikern nicht unbedingt einen Gefallen damit.
RA: Was hat sich denn so verändert in den letzten 25 Jahren im Booking-Geschäft?
GN: Früher war es einfacher. Da reichte es unter Umständen ‚Independent' aufs Plakat zu schreiben und die Hütte war voll. Die Leute gehen heute nur noch auf absolut ausgewählte Konzerte. Gewisse Mechanismen, die früher funktionierten, tun das heute nicht mehr automatisch. MTV oder VIVA sind keine Garanten mehr für volle Konzerte. Umgekehrt ziehen absolut unbekannte Bands manchmal ohne Werbung haufenweise Leute. Oder Bands, die gut Platten verkaufen aber kein Konzertpublikum haben. Und umgekehrt. Hinzu kommt, dass Konzerte immer teurer werden. Ich wäre gern billiger, obwohl ich glaube wir sind noch die Billigsten. Denn die Leute kommen auch aus der ganzen Region und darüber hinaus auf Konzerte. Und mit Benzin und Getränken und Eintrittspreis werden Konzerte langsam zum Luxus. Das ist keine gute Spirale. Mein neues System mit einheimischen Musikern kam auch aus diesen Überlegungen. Ein Konzert zu machen, heißt nicht nur auf die Bühne gehen und spielen. Da gehört auch Werbung dazu. Die machen wir in gleicher Form für alle Sachen. Es gibt im Schwimmbad keine Gage mehr für lokale Bands. Sie machen Flyer und verteilen diese. Mit Flyer ist der Eintritt billiger, die Musiker bekommen dann von meinetwegen fünf € drei und ich zwei €. Zum einen schaukeln sich die Bands dann gegenseitig hoch. Die einen gehen eben mit 450, die anderen mit 12 € heim - weil der Typ der die Flyer machen sollte plötzlich im Urlaub ist. Das ist auch ein Stück Erziehung. Ich stelle ja alles zur Verfügung, Mischer und PA. Es gibt verdammt viele gute Bands. Und dann gibt es diese Unterschiede zwischen musikalischer Fertigkeit, Charisma und der Fähigkeit auch die Werbetrommel für sich selbst zu rühren. Da ist die musikalische Fähigkeit oft nicht das Entscheidende für einen größeren Erfolg.
Gerald Merkel
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