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Karlstorbahnhof: Interview mit Martin Müller
Interview vom 30.04.2004 | Autor: Gerald Merkel
Interview vom 30.04.2004 | Autor: Gerald Merkel
Das Kulturhaus Karlstorbahnhof, malerisch am Neckar gelegen, bietet an Konzerten, DJ-Events und Kabarett-Kleinkunst-Veranstaltungen eines der interessantesten Programme in der Region.
In jeder dieser Sparten ebenso bunt und frisch wie qualitativ hochwertig. Mit regioactive.de sprach Martin Müller, einer der beiden Programm-Verantwortlichen.RA: Ihr seid auch in Punkto Jazz sehr aktiv, das Enjoy Jazz-Festival ist aus dem Karlstorbahnhof herausgewachsen?
Martin: Ja, das ging aus dem Karlstorbahnhof hervor und ist mittlerweile eines der großen Jazz-Festivals in Deutschland. Es wird dieses Jahr wieder im Oktober / November stattfinden. Rainer Kern ist ein großer Jazz-Liebhaber und hatte dieses Festival aus der Taufe gehoben. Nach und nach wurde es immer größer und auf Mannheim und Ludwigshafen erweitert. Es gibt mittlerweile an die 10 Spielstätten und war letztes Jahr mit 15 000 Besuchern besucht. Bisher ist es jedes Jahr gewachsen.
Wir sind auch im Weltmusik-Bereich unterwegs, da gibt es afrikanische, osteuropäische oder Flamenco-Musik. Ebenfalls ein wichtiger Faktor sind Lesungen, und Kabarett-Kleinkunst-Veranstaltungen. Demnächst wird es verstärkt Podiumsdiskussionen geben, auch zum Thema Musik und Musik-Branche z. B. zum Thema Zukunft der Musik-Kultur. Da haben wir illustre und hochrangige Gäste, aber da kann ich noch nichts Näheres verraten.
RA: In Verbindung mit Live Konzerten habt ihr eine relativ neue Reihe?
Martin: Ja, der Chop Suey Club. Das findet im Rahmen von Live Konzerten, vor allem im Bereich Indie-Rock, statt. Das ist – zusätzlich zu Konzerten - ein Club-Abend an dem man easy machen und chillen kann, es gibt ein paar DJs, die auflegen. Im Mai haben wir Mai als Live Acts z. B. Less Than Jake oder The Veils + Delays in dieser Reihe.
RA: Also ist der Chop Suey Club im Prinzip eine Methode solche Konzerte auf ein abendfüllendes Club-Ding auszuweiten?
Martin: Genau, das soll ein cooler Abend sein, bei dem die Leute Lust haben hinzugehen, auch wenn sie die Band vielleicht gar nicht kennen: Man weiß, da läuft gute Musik, da sind nette Leute, das verspricht immer einen entspannten Abend. Die Bezeichnung Chop Suey Club lehnt sich an eine Geschichte in San Franzisko in den 60ern an. Das Ganze läuft bis jetzt auch ganz gut. Daneben haben wir auch noch den Rollercoaster, eine klassische Indie-Disco, auch sehr beliebt.
RA: Solche Indie-Gitarren-Geschichten laufen bei euch also noch sehr gut?
Martin: Ja. Wenn du über Jahre hinweg Sachen bringst, die sich nicht wirklich verändern, dann wird das schwer. Leute verändern sich, man muss schauen, dass junge Leute nachkommen, die sich mit solchen Abenden identifizieren können. Was wir versuchen, ist an jungen, frischen Bands dranzubleiben. Gitarrenmusik, also das R'n'R-Indie-Segment, ist die letzten zwei Jahre wieder verstärkt am kommen, hat auch an Plattenverkäufen wieder zugelegt. Elektronische Musik ist im Vergleich dazu wieder etwas schwächer geworden. Deshalb muss man den Leuten Sachen wie Oli Schulz, Tomte oder Kettcar einfach bieten. Dazu noch die Möglichkeit zu geben, anschließend zu cooler Musik abzuhängen, halte ich für ein rundes Konzept. Immer die gleiche Konserven-Spule lutscht sich langsam aus, genauso wie das mit Techno Clubs passiert, wenn sie nicht ständig am Ball bleiben.RA: Wie ist denn der Stellenwert der Konzerte im Vergleich zu den DJ-Abenden, auch betreffs des Publikumszulaufs?
Martin: Partys, bei denen die Leute Samstags tanzen wollen wie die Bombay Boogie Night oder Cube, funktionieren natürlich gut. Wobei die Konzerte auch gut mithalten. Stereolab war z. B. gut oder Lambchomp hatten wir in der Kirche, da waren über 1000 Leute. Adam Green machte hier auch eine total volle Hütte. Kleinere Bands wie Urlaub in Polen oder Gus Black – wobei der sicher noch größer wird – ziehen dann so 100 bis 150 Leute. Solche Sachen baut man ja auch mit auf, man fängt klein mit ihnen an und das wird größer. Das sollte man perspektivisch sehen.
RA: Wie sieht das mit lokalen Bands bei euch aus?
Martin: Beim Chop Suey Club gibt es die Möglichkeit sich zu bewerben. Ich habe auch schon sehr viele Bewerbungen von Bands aus der Gegend bekommen und bin dabei, das Material zu sichten. Manchmal ist das schwierig und erfordert etwas Geduld von den Bands, da größere Bands oft ihren eigenen Support mitbringen. Wenn es die Möglichkeit gibt, werden wir passende regionale Bands dazu buchen.
RA: Solche ‚local hero'-Sachen werden bei euch nicht zu finden sein?
Martin: Wir hatten mal so was, das macht ja mittlerweile jeder kleine Club und jedes Dorf. Wir wollen natürlich eine regionale Anbindung, die lokale Bands fördert, aber in einem anderen Rahmen. Wir wollen von dieser Bewertung wegkommen, so à la ‚wer die meisten Freunde hat und dementsprechend den meisten Applaus, ist die coolste Band'. Das finde ich nicht richtig, Musik ist nicht zu bewerten, das ist ein Gefühl und eine Geschmackssache. Ich möchte den Bands lieber die Möglichkeit geben hier vor relativ vielen Leuten zu spielen und eventuell sogar mit einer ihrer Lieblingsbands am gleichen Abend auf der Bühne zu stehen. Ich denke, die Leute haben da mehr davon. Musik ist ein freier Geist, da gibt es keine Skala an der so etwas festzumachen ist.
RA: Was waren für dich Höhepunkte bisher bzw. welche realistischen Acts hättest du noch gern hier?
Martin: Klasse war Weakerthans mit Oli Schulz als Vorgruppe, der jetzt noch mal kommt. Adam Green war auch ein total schönes Konzert. Coung Vu war im Jazz-Bereich super. Mir persönlich gefiel auch Rocko Schamoni prima. In letzter Zeit gab es viele gute Sachen ... Was ich hier gern hätte ... Da gäbe es viele und bei ein paar bin ich gerade am Verhandeln, da kann ich natürlich nichts sagen. Ich hätte gern mal Tom Waits hier, im Moment aber eher unrealistisch.
Gerald Merkel
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