Drei mal Drive: Superjones, Kokoon & Phonodrive

Review/Bericht vom 04.04.2004 | Autor: Sven Kehl

Tags: Phonodrive   superjones   KOKOON  

Drei Bands sollen hier heute Abend auf der Bühne stehen und den Mannheimern den Alternativerock ins Ohr und die Herzen bringen. Kokoon aus Rheinhessen, Phonodrive aus Rodgau und Superjones aus HD, die kurzfristig für Cinnamon loves Candy eingesprungen sind, deren Sänger George Grigoriadis leider an einer Kehlkoopfentzündung erkrankt ist ( Gute Besserung! ).

Und furios geht es gleich los mit Superjones. Eins wird sofort klar: Die Villa Drei ist absolut rockkompatibel, der Sound ist brillant und bleibt es auch den ganzen Abend. Die Drums grooven, der Bass wummert fett und unverkennbar melodiös, und was die LesPaul Goldtop aus dem linken Bühneneck da an grungigen Powerchords und cleanen Harmonien beisteuert kann sich hören lassen. Und da ist diese Stimme, die geradewegs aus Seattle via New York hinüberzuschallen scheint. Kraft- und druckvoll bis zum Anschlag und dabei stets ohne Mühe sensibles Gewässer erreichend, wenn die Songs es verlangen. Kevin ( voc ), Oli ( guit. ), Tobias ( bass ) und Thorsten ( drums ) demonstrieren hier heute Abend wirklich mehr als eindrucksvoll, wie gut und eigenständig Alternativerock, made in Rhein–Neckar klingen kann. Ob Rockkracher wie "Pretend" oder akustische Nummern wie "Love, it has no fate", Superjones sind stets Superjones und liegen damit goldrichtig. Hier blitzt ein Quentchen Folk durch, da eine Prise Funk, dort ein hymnischer Refrain, den Pearl Jam nie geschrieben haben; die Breakes sitzen bombenfest und knacken …Kurz, das Bild ist rund und überall stimmt's. Selten, dass eine Rhytmussektion so tight spielt und der Bass dabei so wunderbar melodiös singt. Selten auch, dass Lead-. Und Rhytmusgitarre sich so harmonisch ergänzen und dem Song genau das geben, was er braucht, um zu wirken.
Wow, vielen, vielen Dank.

Nach einer guten Stunde sind Superjones mit ihrem Set durch, und während die vier Jungs ihr Equipment packen, lässt der Rickenbacker, den Basser Guido von Kokoon Richtung Bühne trägt, erahnen, wohin die Reise geht. Hier gibt's was auf die Ohren, meine Damen und Herren. Drummer Neudi stellt dann während des kurzen Soundchecks auch gleich mal klar, wer heute Abend die Felle zum Reißen bringt. Kohle lässt im Vorbeigehen so manchen Möchtegern – Heavy – Gitarrenhelden in den Startlöchern zurück und Vokalistin Nadine ist unbestritten der eyecatcher auf der Bühne. Spätestens zum Refrain des ersten Songs wird klar, wer hier on stage die Hosen anhat. Nadine besitzt nicht nur eine nuancenreiche Stimme mit genügend Aggression um so manche gestandene Riot–Girl–Rockerin vergessen zu machen, sie beherrscht die komplette Bandbreite zwischen zuckersüßem (Alternative-) Pop, leidenschaftlicher Ballade und zeitgenössischem Heavyrock, inklusive einer selten charismatischen Bühnenpräsenz.

Zur Halbzeit wird's akustisch, und Nadine und Kohle schaffen es mühelos, nur mit Gitarre und Stimme bewaffnet, die Atmosphäre, die ihre perfekt arrangierten Songs verbreiten, gar noch zu intensivieren. Den Schlussakt bestreiten Kokoon mit einem bleiernen Riffgewitter, das nochmals, kontrapunktisch zum vorherigen Akustikset, eindrucksvoll die stilistische Bandbreite dieser Ausnahme–Formation aus Rheinhessen bestätigt.

Die dritte Band des Abends ist Phonodrive mit Frontfrau Corinna, Drummer Peter, Bassist Jojo und den Gitarristen Markus und Nicl. Kaum legen die fünf eben jenen Gang ein, geht plötzlich im mitternächtlichen Monnem die Sonne auf und Alternative, Pop und Punk feiern zusammen fröhlich einen (Hit-) Frühling. Phonodrive mögen  definitiv gute Laune machen und ordentlich Gas geben, in eine Schublade pressen lassen sich die Rodgauer sicherlich nicht. Fein verwobene Gitarrenparts, überraschende Breakes und Stilwechsel ziehen sich durch jeden Song und bieten Corinna ein clever arrangiertes Gerüst für ihre außergewöhnlich variable Leadstimme. Eine kurze ungeplante Unterbrechung - der Vox–Amp will grade nicht mehr - und schon geht's weiter mit Phonodrives tighter Rockshow, mitten im Frühling; bei Minusgraden draußen, aber dem Alternative Rock drinnen - im Herzen.

Was gab's zu sehen? – Drei wirklich außergewöhnlich gute Bands, die im großen Rockkontext alle ihr eigenes Ding auf selten konsequente Weise durchziehen.
Wer hat's verpasst? – Alle, die nicht da waren; weil sie
a) es nicht wussten,
b) es vergaßen,
c) zu faul waren oder
d) es ignorierten ?!?

Sven Kehl

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