Das Ehrlich & Laut Festival feierte Jubiläum – mit einem im Vorfeld in Teilen umstrittenen Line-Up, und leider bei schlechtem Wetter. Doch summa summarum geriet die fünfte Auflage erneut zu einem Erfolg.

Sondaschule (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival) 4Sondaschule (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival)
© Rudi Brand
Die Diskussionen über das Line-Up beim Ehrlich & Laut Festival entzündeten sich anhand einiger Bands, die von Teilen der Szene der sogenannten "Grauzone" zugerechnet werden: Gruppen, die sich als "unpolitisch" bezeichnen, von klar links positionierten Gruppierungen jedoch als "rechtsoffen" eingestuft werden – soll heißen, sie seien nicht explizit dem politisch rechten Spektrum zuzuordnen, sprechen durch ihre Attitüde, Haltung und in ihr Auftreten integrierte Symbolik aber auch ein Publikum an, bei dem die Frage nach der politischen Denkrichtung leider mit "rechts außen" beantwortet werden muss. In der Konsequenz und mit Verweis auf das Line-Up hatte so z.B. die Punkrockband ddp (Der Dicke Polizist) ihre Show in Alsfeld abgesagt. Das Weblog OireSzene, das im Line-Up des Ehrlich & Laut "jede Menge rechtsoffener Deutschrock- und Oi!-Bands" ausgemacht haben wollte, beschreibt die grundsätzlichen Bedenken zusammenfassend so: "Unter der Oberfläche der unpolitschen Szene (macht sich) die sogenannte Grauzone weiter schön breit, deren Übergänge von 'unpolitisch' zu 'patriotisch' bis hin zu 'nationalistisch' fließend sind. In dieser Szene gibt es keine klare nachvollziehbare Abgrenzung nach rechts." Für den puren Fan von Deutschrock, -Punk und Co., für den die Musik als solche im Vordergrund steht, ist dies möglicherweise ein Affront: Wer will schon mit brauner Soße in einen Topf geworfen worden? Wie so oft liegt die Wahrheit gewiss auch im Auge des Betrachters, doch das Ehrlich & Laut steht ja implizit mit seinem Namen für eine offene Diskussions-Kultur, sollte man meinen, innerhalb derer dann sowohl Bedenken als auch das bedenkenlose Feiern ihren Platz finden müssten.

Frei.Wild (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival) 8Frei.Wild (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival)
© Rudi Brand
"Unpolitisch sein", das scheint uns jedoch alles in allem definitiv mehr ein Modewort zu sein, das eine äußert bequemliche und unangreifbare Haltung suggerieren soll, als dass es ernsthaft der Realität entpräche. Was jeder Mensch tut, hört, liest, kundgibt, worüber er textet, wie er seine Freizeit gestaltet, welche Mode er wählt usw. – all das und noch viel mehr gestaltet unser gesellschaftliches Zusammenleben und wirkt somit auch zurück auf politische Prozesse, Ansichten und Entscheidungen. Am Ende sollte es darum gehen, anderen Menschen den gebührenden Respekt entgegen zu bringen. Dies muss dann aber auch für die Künstler gelten: So haben sich z.B. die immer wieder als negatives Beispiel ins Feld geführten Frei.Wild bereits mehrfach vom Rechtsextremismus distanziert.

Die Kassierer (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival) 7Die Kassierer (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival)
© Rudi Brand
Gleichzeitig werden sie die Debatte ganz so einfach auch nicht wieder los – ein Muster des fortwährenden aneinander Reibens, das man vor vielen Jahren schon bezüglich der Deutschrock-Kultband Böhse Onkelz beobachten konnte. Im Rahmen der Organisation eines Rock gegen Rechts-Festivals Anfang der 90er Jahre erlebte ein Redaktionsmitglied ähliche Debatten selbst hautnah mit, als eine der Bands im Line-Up erst nach mehrstündigen Diskussionen und eindeutigen Distanzierungen sowie Bekundungen ins Line-Up aufgenommen werden konnte. Kritische Fragen, kritische Beobachtung, eine distanzierte und nüchterne Betrachtung sollten also in der Tat niemals unter die Räder geraten, denn sie lohnen, sie räumen potentielle Missverständnisse aus dem Weg, schaffen Klarheit und Orientierung, ermöglichen eine "Haltung" überhaupt erst. Doch ebenso sollte ernst genommen werden, was Künstler als Selbsteinschätzung von sich geben. "Weder ausländerfeindlich noch intolerant" – so nahm unser Team vor Ort die Atmosphäre in Alsfeld wahr.

Los ging es bereits am Donnerstag mit den ersten acht Bands Störte Priester, Folxpunk, The Mahones, Deadline, Streetdogs, Perkele, Firkin und A.O.K.. Ein Abend gemischt aus Deutschpunk, Irish Folk, ein wenig Hardcore, schwedischem Oi!Punk und als besonderer Leckerbissen ein wenig Grindcore/Punk/Hardcore-Crossover – so konnte das Festival sogar recht trocken erfolgreich beginnen.

Serum 114 (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival) 8Serum 114 (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival)
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Ab dem späten Freitagvormittag wurde die OpenAir-Bühne auf dem Zeltplatz von den "kleineren" Punk- und Skabands SMD, Straftat, Mofaclub Marburg, Escandalos und Drunken Army bespielt. Im Anschluss wurde die Hessenhalle für die Besucher geöffnet und Die Traktor durften als erstes auf die Bühne – die Deutschrocker waren im Vorjahr noch auf der Zeltplatz-Stage zu sehen. Im Anschluss präsentierten die Jungs von Unantastbar ihre neue Scheibe Schuldig, die erst seit dem 19. August erhältlich ist. Die fünf Südtiroler spielten knallharten Oi!Punk und überzeugten die Fans auf ganzer Linie. Weiter ging es mit der zweiten Rookies & Kings Band Serum 114 – astreiner Punkrock, der musikalisch an die Toten Hosen erinnert. Der Name Serum 114 stammt aus dem Film "A Clockwork Orange" und (rein musikalisch) genauso brutal gibt sich das Quartett auf der Bühne!

BRDigung (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival) 4BRDigung (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival)
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Die nächste Band Wilde Jungs aus Fulda heizte dem Publikum – wortwörtlich – mit zwei Feuerspuckern ein. Die Vollgaspiloten lieferten eine solide Show und bei ihrem Stück Frankfurter Jungs hatten sie sichtbar ein Heimspiel! Auch Betontod feierten ein neues Album: Antirockstars. Die Altpunker hatten sichtlich Spaß mit dem Publikum, das überraschend schnell die Texte der neuen Songs beherrschte. Die Halle füllte sich zunehmend – man merkte, dass Frei.Wild die Headliner des Festivals waren. Eine knappe Stunde gaben die vier Südtiroler ihr Programm zum Besten. Leider ohne ein Lied von der neuen kostenlosen Download-Single Engel der Verdammten oder sonstige Überraschungen. Die Männer von Onkel Tom bewiesen, dass auch Punks und Skins leicht zum Trinken zu animieren sind, holten sich zur tatkräftigen Unterstützung ca. zehn Fans auf die Bühne und versorgten diese mit Freibier. Die Newcomer BRDigung rockten was das Zeug hielt und bewiesen, dass es auch junge Punkbands gibt, die auf einem sehr hohen Niveau spielen. Als letzte Band in dieser Nacht spielten Saitenfeuer als Ersatz für Raven Henley. Musikalisch sehr guter Deutschrock, aber auf Grund mangelnden Zuschauerzuspruchs wollte keine wirkliche Stimmung aufkommen. Als man dann die Halle Richtung Zeltplatz verließ, erwartete einen ein riesiges Matschfeld, da aufgrund der Wetterlage mittlerweile alles unter Wasser stand.

Rockwasser (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival) 7Rockwasser (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival)
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Am Samstag traute sich die Sonne leider auch nicht mehr raus und das Wetter wechselte zwischen Nieselregen und Platzregen. Deshalb fand auf der Zeltplatzbühne bei Enorm, Naturtalent, Leftside und CabbaCabba eine Schlammparty statt, die den Spaß an der Sache jedoch nicht minderte. Als erste auf der Hauptbühne spielten, als Ersatz für Hassliebe, die vier Jungs von Rockwasser ihr grundsolides Deutschrock-Programm. Im Anschluss beglückten die Gründer des Punkmailorder Nix-Gut S.I.K. die Masse ca. eine Stunde mit Oldschool-Deutschpunk. Die Oi!-Band Soifass aus Berlin konnte leider nur mit einiger Verspätung ihre Show beginnen, welche dann auch das gesamte Programm nach hinten verschob. Durch den Stau dermaßen verspätet legten Soifass ohne großen Soundcheck los und etwaige Probleme wurden, ohne dass man es allzu sehr bemerkte, während dem Spielen behoben. Großes Lob an den Veranstalter und Soifass!

Sondaschule (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival) 16Sondaschule (live in Alsfeld, 2011 - Ehrlich & Laut Festival)
© Rudi Brand
Mit der österreichischen Band The Sorrow wurde dem Publikum zur Abwechslung harter Metalcore geboten. Viele freuten sich schon auf Die Kassierer und Wölfi ließ sich erst gar nicht bitten, sondern betrat die Bühne von vornherein schon nackt und zog sich dann erst an. Im Anschluss ließen Sondaschule den Saal erbeben und lieferten eine erstklassige Show ab. Selbst Krawallbrüder, die Headliner am Samstag, konnten Sondaschule nicht übertreffen. Die Saarländer spielten leider nur ihr bekanntes Programm runter, ein Highlight blieb aus. Der Abend näherte sich dem Ende mit Rotz und Wasser, welche Oi!-Punk aus Hamburg zelebrieren und sich offenbar um die Ernährung der Fans kümmern. So versorgten sie das Publikum mit Äpfeln und Bananen und sich selbst mit Cola-Korn. Den Abschluss bildete die deutsche Hardcore-Kapelle Übergas mit eindeutigen Metal-Einflüssen.

Das fünfjährige Jubiläum des Ehrlich & Laut Festival wurde der Veranstaltung gerecht, doch leider spielte das Wetter, wie im Vorjahr, nicht mit. Die Bands hingegen präsentierten sich feierwütig und weder ausländerfeindlich noch intolerant. Dennoch besteht kein Zweifel, dass manche Bands leider auch den ein oder anderen Neonazi anlocken. Doch mit klaren Statements auf der Bühne verdeutlichten diese Acts, dass dies definitiv nicht ihrem Willen und ihrer Einstellung entspräche. Es spricht letztendlich auch für das Festival, dass es glücklicherweise zu keinerlei Übergriffen kam.

Fotogalerien: (1) Serum 114, Betontod, Onkel Tom, Frei.Wild und die Wilden Jungz. (2) Sondaschule, Rockwasser, S.I.K., Soifass, The Sorrow, Die Kassierer, Krawallbrüder und Rotz & Wasser.

Jan Philipp Brand / Fotos: Rudi Brand / Ergänzungen zur Line-Up-Debatte von Markus Biedermann

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