Neben Spielereien mit dem Substantiv des Bandnamens, lädt Verspielte Zeit dazu ein, auf dem doch etwas fortgeschrittenen Alter der drei Herren herumzureiten. Beides Dinge, die ihnen vermutlich bald auf die Nerven gehen werden. Aber selbst schuld. Wer ihre Musik hört, würde keine derart gestandene Mannschaft vermuten. Zumal den meisten gleichaltrigen Musikern der Idealismus für solche Sachen abhanden gekommen sein dürfte. Oder die Fähigkeit derart sparsam und auf das Wesentliche konzentriert zu musizieren.

Womit wir beim Gig im Soho wären. Der Bandname ist wirklich Programm: Man lässt sich Zeit. Zeit für die Songs und deren Riffs, die sich meistens sehr tragend und in geringer Anzahl über das jeweilige Stück erstrecken. Verspielte Zeit bringen Stilelemente in dieses Jahrtausend, die völlig aus der Mode sind und zu denen jeder eine andere musikalische Erinnerung aus der Schublade holen kann. Das Kunststück: Alles klingt taufrisch und niemals abgekupfert. Die Musik wird ihr eigener Maßstab. Da mag die Gitarre an frühe Cure-Stücke erinnern, durch den sonoren Gesang mit deutschen Texten bekommt sie eine komplett andere Note. Dazu eine monoton-hypnotische Rhythmus-Sektion, die stur den Groove hält und von Wiederholung zu Wiederholung intensiver wird. Ein beeindruckender Gig. Das anwesende Publikum weiß es zu würdigen und verlangt mehrere Zugaben, die es – zusammen mit einigen gemeinsamen Runden Tequila – auch bekommt.

Time Out, nun zum Interview:

Wie lange gibt es Verspielte Zeit? Wie habt ihr euch "gefunden"?

In dieser Besetzung gibt es uns jetzt drei Jahre. Roland, (Gitarist / Sänger) und Detlef verspielen ihre Zeit schon länger zusammen, immer mit wechselnden Bassisten. Ich habe damals nach längerer musikalischer Pause per Anzeigenblatt eine Band gesucht. War nicht ganz einfach, da ich nicht nur bestimmte stilistische Vorstellungen hatte, sondern es auch vom Alter her einigermaßen passen sollte. Die meisten Bands sind nun mal altersmäßig viel jünger und die wenigen Musiker in meinem Alter machen eher Cover- und Oldie-Bands. Ich hatte so was Experimentelles im Kopf, mit Elektronik und viel Groove. So in Richtung Propellerhead und Björk, mit Einflüssen von siebziger Jahre Mucke aus Deutschland. Na ja, auf ein mal ruft also Roland an. War zwar damals noch nicht ganz mein Ding, aber nach ein paar Proben hat es sich viel versprechend entwickelt. Es ist nie einfach, verschiedene Geschmäcker unter einen Hut zu bringen – gut das wir nur zu dritt und kompromissbereit sind.

Seid ihr bei einem Label?

Wir haben unser Demo an eine Menge Labels geschickt. Da kamen, wenn überhaupt, die üblichen Antworten: Kein Hitpotential, vom Stil her zu seltsam usw. Wir sind stur und haben uns nicht unterkriegen lassen. Bis es schließlich mit dem kleinen Indie-Label Proud Music geklappt hat. Und das war gut so, denn es ist ein nettes Label mit einem guten Vertrieb. Immerhin ist die CD bundsweit und auch bei Amazon erhältlich.

Wer hat eure CD produziert? Habt ihr eine neue in Planung?

Unsere CD wurde von Alex Malton produziert. Ein toller Musiker, ein Freak aus der Elektronic-Szene, der zum ersten Mal eine Handmade-Rockband produzierte. Er ist eigentlich mehr als ein Produzent für uns, fast schon ein Coach. Die CD wurde relativ unaufwendig produziert, aber für die bescheidenen Mittel kommt sie soundmäßig sehr gut – finden wir. Was ein wenig fehlt, ist was wir Live so rüberbringen – das fast brachiale, krachige und kantige. Eben der Rock. Das mag aber auch an der Songsauswahl liegen – viele unserer Krach-Nummern fehlen und der Titelsong fällt ziemlich aus unserem Rahmen. Wir sind fürs Erste sehr zufrieden und werden auch unsere nächste CD mit Alex machen.

Frank, du erwähnst Can als Einfluss. Als ich euch das erste Mal gehört habe, dachte ich an Sachen wie frühe Cure oder Joy Division. Sind das Einflüsse für euch?

Das mit den Einflüssen ist immer so eine Sache. Sicherlich haben uns unsere musikalische Vergangenheit und unsere Hörgewohnheiten beeinflusst. Roland stand schon immer auf Element of Crime und hört heute viel Hamburger Schule oder so ruhigere Emo-LoFi-Sachen. Detlef ist Ton Steine Scherben und Rio Reiser-Fan. Meine ersten Platten waren Tago Mago von Can und Autobahn von Kraftwerk. Wir klingen zwar in keinster Weise nach Can, aber – besonders live – gibt es sicherlich Einflüsse. Die Monotonie und der Minimalismus von Bass und Schlagzeug zum Beispiel. Wir hatten ja übrigens im Mai einen Gig mit Ex-Can-Sänger Damo Suzuki als Sänger. Besser gesagt eine Drei-Stunden-Live-Session.

Für meine Begriffe bringt ihr Stilelemente, die völlig "aus der Mode" sind, in dieses Jahrtausend. Ist es vielleicht mittlerweile ein Vorteil, dass Sachen wie eben Joy Division oder Can so in Vergessenhit geraten sind, dass ihr mit diesem Mix wieder überraschen könnt? Sprich, ein jüngeres Publikum ansprechen?

Na ja, die "alten" Sachen kommen ja gerade wieder. Da gibt es jede Menge Retro-Rock-Bands wie z. B. Kings Of Lions, die so aussehen und so spielen wie Siebziger-Jahre-Bands. Oder Mia und Wir sind Helden, die starke Einflüsse aus der NDW haben. Insofern kommen wir mit unserer Musik zum richtigen Zeitpunkt. Andererseits machen wir etwas, das es sonst so nicht gibt, jedenfalls ist mir da nichts bekannt. Ich würde unsere Musik nicht als reinen Retro-Rock bezeichnen. Umso schwerer haben wir es. Wir stehen irgendwie zwischen den Stühlen. Viele haben gewisse Blockaden, wenn sie unsere Musik hören, weil eingefahrene Hörgewohnheiten nicht befriedigt werden. Aber schön, dass immer mehr Leute auf uns stehen und bei den Auftritten begeistert sind, von denen wir es nicht erwartet hätten. Auch und vor allem jüngere.

Du zählst in der Bio auf eurer Homepage deine musikalische Vergangenheit auf. Geht zurück bis zur NDW, Respekt. Was hat sich denn so alles geändert, die letzten Jahre?

Ja, ja – früher war alles besser. Ha ha. Vor 25 Jahren waren die Konzerte noch super besucht und außerdem bezahlbar. Auch regionale Bands haben die Säle voll bekommen. Das Publikum war noch nicht übersättigt, MTV gab es nicht und jede Rockpalast-Sendung war ein Groß-Ereignis, dass partymäßig in jeder WG gefeiert wurde.

Gibt's ein par Anekdoten aus den NDW-Zeiten? Ich hab' nicht oft Gelegenheit, danach zu fragen :-)

Es war eine Aufbruchstimmung  – man wollte sich verändern. Haare ab, die Hippiemusik in den Keller, schwarze Klamotten, ein wenig Punk-Attitüde und was noch alles dazu gehörte. Dann witterte die Plattenindustrie neue Chancen und schnappte sich alles, was irgendwie nach NDW klang. Das war dann auch schon das Ende der "echten" und undergroundigen NDW – es ging dann nur noch um Spaßmucke. Friede, Freude, Eierkuchen. Damals habe ich z. B. in einer Band namens Pavian Band gespielt. Wir wurden immerhin von John Caffery produziert, der schon mit Joy Divison und Pink Floyd gearbeitet hatte, später Produzent der Toten Hosen wurde. Es war eine super Produktion, leider waren der Plattenfirma die Texte zu politisch und die LP wurde - außer einem Song auf einem NDW Sampler - nie veröffentlicht.
Anekdoten? Hm … ist alles so lange her und mein Alzheimer ... Ich könnte dir erzählen wie ich mit Nena, deren Musik ich damals ablehnte … na ja, lassen wir das lieber … 

Ihr habt ja nun schon ein wenig Erfahrung auf dem Buckel. Denkt ihr noch an so was wie Plattenverträge, die es euch ermöglichen von Musik zu leben?

Nö. Wir haben alle unseren Job. Wenn sich was "ergibt", dann mal sehen. Wir sehen es gelassen, haben keinen Druck. Aber wir sind auch sehr "konservativ", dass heißt wir würden uns nicht verkaufen und machen unser Ding. Und es gibt wohl keine größere Plattenfirma, die sich mit uns abmühen würde. Dafür ist unsere Musik viel zu sperrig, will sagen nicht verkäuflich genug. Und das ist gut so.

Gibt es noch musikalische Aktivitäten irgendeiner Art neben Verspielte Zeit?

Nein. Das würde uns zeitlich überfordern. Oh, nee, stimmt nicht ganz: Roland spielt noch in einer Band, die hauptsächlich aus psychisch Kranken besteht. Nicht falsch verstehen, er ist sozusagen Betreuer.

Konkrete Pläne für die nahe Zukunft?

Im Frühjahr nehmen wir unsere nächste CD auf. Wir haben uns gerade eine Groove-Box gekauft und es kann sein, dass die neue CD ein  wenig elektronischer wird. Gigs sind in Planung und wir werden auf dem Burg Herzberg-Festival vor 30.000 Hippies rocken. Vielleicht auch auf anderen Festivals. Wäre jedenfalls schön. Apropos Gigs: Wir suchen noch einen Booker.

 

Gerald Merkel

Kommentare

Kontakt | Über regioactive.de | Jobs | Backstage | Partner | Mediadaten | Presse