angry music? lucky men!

Mother Tongue: Review & Interview

Interview vom 30.11.2003 | Autor: Gerald Merkel

Tags: Mother Tongue   Psychoblues  

Mother Tongue sind ein Phänomen. In musikalischer Hinsicht ebenso wie bezüglich ihrer Bandhistorie und Position im Business. Wer sich über Konzerte der Band aus LA informiert, stellt fest, dass über ihre Gigs in allerhöchsten Tönen oder gar nicht geschrieben wird. Gründe genug, um sich das Ganze in der Röhre in Stuttgart aus der Nähe zu betrachten. Im Anschluss an einen fantastischen Gig sprach regioactive.de mit Gitarrist Bryan Tulao.

Mother Tongue
Zunächst ist da im ehemaligen Autotunnel das Gefühl, auf einer Familienfeier zu sein: Jeder im Publikum scheint jeden zu kennen. Bedenkt man, dass Mother Tongue das dritte Mal dieses Jahr in Deutschland unterwegs sind und an diesem Abend bereits das 20. Konzert allein dieser Tour geben, wundert das schon weniger. Dass Mother Tongue Deutschland von oben nach unten bespielen, hat handfeste Gründe. In den USA wird die Band großteils ignoriert, während sie hierzulande den Status eines respektablen Club-Acts innehat. Und eine Motivation für die Reunion von Mother Tongue sind, der Legende nach, die zahlreichen Mails deutscher Fans während des Splits. Überhaupt haben die Jungs die Tiefen des Rockband-Daseins schon gut ausgelotet. Seit über zehn Jahren aktiv, aber während alles, was aus Seattle kam und eine Klampfe richtig rum halten konnte, zum Star mutierte, waren sie kommerziell nie wirklich erfolgreich. Die Bandhistorie ist geprägt von Besetzungswechseln, Trennung, Reunion, Labelwechsel, etc. Nebenbei wurde auch mal der Gitarrist von den Red Hot Chili Peppers ausgespannt. Wer's genauer wissen will: Die Fanseite www.mothertonguelives.de bietet das ganze Paket. Eine ebenfalls sehr empfehlenswerte Site ist www.itsrocknroll.de. Initiiert von firefish photography und den Konsolencowboys, gibt es dort zur Zeit ein Foto / Design-Special über Mother Tongue. In Zukunft werden hier auch weitere spannende Acts präsentiert.

Seit ein paar Jahren sind Mother Tongue wieder zusammen, nehmen Platten auf, mit denen sie Anfang der 90er Superstars geworden wären und legen Konzerte hin, dass die Gänsehaut nur so rieselt. Der Gig in der Röhre: Die Musik ist auf der einen Seite eine Mischung aus den Peppers, mehr noch Jane's Addiction sowie in härteren Passagen Rage Against The Machine. Die andere, viel stärker ins Gewicht fallende Seite, setzt sich aus Hendirx, Doors und Led Zeppelin zusammen. Klingt seltsam? Eben eine Kategorie für sich, von manchen als Psychoblues bezeichnet. Die Besetzung ist klassisch: Zwei Gitarren, Drums und Bass, der von Davo, dem Mittelpunkt der Band, gespielt wird. Am Mikro ist jeder der drei Saitenderwische zu finden, wobei Davo den Löwenanteil übernimmt. Bemerkenswert ist Christians Equipment. Ich hab' schon viele abgeratzte Gitarren gesehen, aber seine wird scheinbar nur noch von Tape zusammengehalten. Der Rest besteht aus Schrammen und Kratzern, ein abgefuckteres Teil wurde selten in einem Proberaum dritter Ordnung gesichtet. Dazu ein Sammelsurium an Effektgeräten, dass das Herz lacht (kennt jemand ein Teil namens "fuzz face"? Ist rund und sieht nach einem Haufen Spass aus). Passend dazu der gute alte Orange Amp …

Zwei Hauptmerkmale machen den Gig aus: Intensivität und unglaublicher Groove. Mother Tongue verbinden ruhige mit aggressiven Passagen, irrsinnige Läufe mit relativ eingängigen Parts, Blues und Psychedelic sind meistens mit im Boot. In eine Schublade passt das alles nicht, sicher ein Grund für die mangelnde Popularität der Band. Aber all diese musikalischen Versatzstücke fließen live in eine feste Form, selbstverständlich und locker aus dem Handgelenk. Dabei ist Publikumsnähe keine leere Phrase für die Mannschaft aus LA. Stage Diver sind willkommen und der Hauspunk der Röhre darf ungestört im Winkel der Bühne an seinem Bier nuckeln. Lediglich die Effektgeräte und Köpfe der Mädels in den ersten Reihen werden von Davo, einem Typ, dem auch bei musikalischer Vollbeschäftigung nicht das Geringste in seiner Umgebung entgeht, angemahnt.

Mother Tongue lassen sich in keiner Beziehung lumpen Weshalb Christians Gitarren aussehen wie sie aussehen, wird von Song zu Song klarer. Als der Bandwahnsinnige schlechthin demonstriert er die ganze Palette: Vom Ritt auf Davos Schultern bis zum Crowd Surfing. Und dabei wird gespielt wie der Teufel, keine Frage. Dabei war er, gut informierten Kreisen zufolge, an diesem Abend lediglich durchschnittlich.

Was bei anderen leicht als Gepose rüberkommt, ist bei Mother Tongue R'n'R pur. Von Christians Exzessen über den gnadenlosen Sash an den Drums bis hin zu Bryans nacktem Oberkörper und Davos Ansagen: "Whenever you see a band playing angry music on stage: remember – as long as they can play it for you on a stage – they are lucky men!" Als Extra noch ein Geburtstagsständchen des Publikums für Davos Frau Stacy via Handy auf den AB – Herz was willst du mehr? Stacy und Davo erwarten übrigens ihren vierten Sohn, die besten Wünsche von hier aus.

Nach diesem emotionalen Wechselbad ist zu beobachten, wie Fanbindung funktioniert und Spaß macht. Nix mit Abschottung Backstage, Mother Togue sind nach dem Gig für alles und jeden zu sprechen, Gitarrist Brian Tualo ist es für regioactive.de.

Interview

RA: regioactive.de ist ein Medium, dessen Fokus auf Newcomerbands liegt, sprich Bands, die ziemlich am Anfang stehen bzw. keinen Plattenvertrag haben. MT hat einiges erlebt, was die Business-Seite angeht und viele eher schlechte Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht. Was kannst du solchen Bands raten?

Bryan: Wenn eine Band eine starke Vision von dem hat, was sie macht, sollte sie dieser auf jeden Fall treu bleiben. Sollte ein Major Label oder sonst jemand daherkommen und sagen: "Hey, ihr seid eine coole Band. Aber ihr müsstet euch ein bisschen ändern. Mehr Popsongs schreiben und hippere Klamotten tragen" – vergesst es! Das ist alles Bullshit! Bleibt dem treu, was ihr macht.

Unser Start war nicht so gut in dieser Beziehung. Wir waren bei einem Major, bei Sony. Wir haben uns für den Kram nicht wirklich interessiert, wollten eine gute Zeit haben. Plötzlich kommt von allen Seiten Input; von Freunden, Familie, dem Label oder von irgendwelchen anderen Typen. Jeder schlägt dir was anderes vor und meint, du sollst dieses und jenes machen, mehr in diese und jene Richtung gehen. Wir dachten damals, na gut, vielleicht sollten wir das eine oder andere wirklich annehmen. Wir waren am Kämpfen, und am Ende kam der Bruch. Letztlich sollte man eben doch nur Dinge für sich selbst, für seinen Spaß und seine Liebe zu all dem machen. Und wenn daraus etwas wird, dann ist das cool. Wenn nicht, dann scheiß drauf!. In erster Linie wollen wir spielen, und das kommt von der Seele. Zu dieser Erkenntnis zu kommen war allerdings ein langer Weg.

RA: Ihr seid jetzt bei einem kleineren Label (Noisolution aus Berlin, das uns neben Mother Tongue Acts wie Blackmail, Miles, Scumbucket, Steakknife u.v.m. beschert) mit welchem ihr wesentlich zufriedener seid. Ist es richtig, dass ihr nicht alleine von der Musik leben könnt, sondern alle Jobs für euren Lebensunterhalt braucht?

Bryan: Oh ja. Dass wir hier sind und das tun können, was wir lieben, ist in gewissem Sinne eine Art Urlaub. Wir könnten bestimmt alle Karriere in anderen Bands machen. Es gab genug Angebote, mit denen wir sicher eine Menge Geld hätten verdienen können. Aber schließlich lieben wir diese Band und unsere Musik und wollen zusammen spielen.
Wenn ich von Urlaub spreche, dann ist das relativ. Heute war unser 20. Konzert in Deutschland, ohne Off-Day, weshalb wir ziemlich durch sind. Aber wir haben trotzdem wieder gespielt, als wäre es das allerletzte Mal für uns und in gewissem Sinn sehen wir das auch so. Wir wissen einfach nicht wirklich, wie es weitergeht. Allerdings lieben wir dieses Ding, das seit 11 Jahren existiert, sehr. Unser Drummer ist jetzt seit zwei Jahren dabei und ihm geht es schon genau so.

RA: Dazwischen war allerdings ein Break …

Bryan: Ja, für vier Jahre.

RA: Ihr wisst jetzt, was ihr in dieser Zeit vermisst habt?

Bryan: Der Vergleich ist vielleicht ein wenig cheasy, aber stell' dir vor, du hattest eine unglaubliche Affäre mit einer Frau. Der Sex ist der absolute Kick aber ansonsten kommt ihr nicht wirklich miteinander klar. Schließlich trennt ihr euch, du triffst andere Frauen. Mit denen hast du ebenfalls gute Erfahrungen, auch tollen Sex. Aber nichts kommt an dieses eine Ding wirklich ran, eigentlich willst du immer zu diesem Gefühl, diesem Kick mit dieser einen Frau zurück. Mother Tongue trennte sich, wir arbeiteten mit anderen Leuten zusammen und das alles war uns letztlich eine Lehre. Wir waren Idioten.

RA: Dass eine Band wie eine Liebesaffäre funktioniert, ist eine Erfahrung, die viele Musiker machen …

Bryan: Es hat mit Liebe zu tun. Vielleicht wirkt das auch so auf der Bühne. Ich habe oft das Gefühl, es könnte unsere letzte Nacht sein. Wir versuchen immer so zu spielen als sei das so und möglicherweise ist das zu hören. Aber das ist nicht unsere ganze Realität. Ich weiß nicht, was nach dieser Tour passiert. Okay, wir sprachen schon über eine neue Platte, aber es ist definitiv hart in dieser Band zu sein. Es ist nicht so, dass wir uns anbrüllen oder gewalttätig werden, aber es ist hart. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Platte aufnehmen und wieder hier spielen werden. Sicher sein kann ich mir allerdings nicht. Wir sind auch sehr glücklich mit Noisolution. Die Leute sind ehrlich und machen großartige Arbeit. Das sind auch Musiker, und sie kommen sehr stark aus dieser Indie-Ecke. Sie und wir verdienen nicht besonders viel Geld. Sollte ein Major-Label ein Angebot machen … Ach, mal sehen, ich weiß nicht, ob ich das die nächsten 10 Jahre noch so haben will wie bisher. Aber wie gesagt, wir sind glücklich bei Noisolution, Arnie macht einen klasse Job und ist ein prima Typ. Viele Kumpels von mir sind bei Major-Labels, und ich denke oft: Schön, deren Stress und Druck haben wir nicht. Bei einem Major ist alles sehr kurzfristig, immer "mega" oder sonst was. Es gibt Fusionen, Übernahmen, die Leute, mit denen man zu tun hat, wechseln ständig. Major Labels haben kein Interesse, Geld in neue Sachen zu stecken. Sie wollen den sicheren Weg. Wir haben unsere Erfahrungen mit Sony. Ich will jetzt nichts Schlechtes über Sony sagen. Aber stell' dir vor, da kommen ein paar Jungs mit dem Flieger aus New York, um unsere Show im Whisky in LA zu sehen. Sie sehen uns eine Stunde spielen und fliegen wieder heim. Das ist dann der Kontakt zu den entscheidenden Leuten deines Labels. Wenn deine Platte erscheint und sie verkauft sich in den ersten zwei Wochen nicht gemäß der Erwartung der Label-Menschen, dann hast du Probleme. Das ist zwar nicht unbedingt eine unserer speziellen Erfahrungen, aber es passiert tausenden von anderen Bands. Majors pushen eine Handvoll "Stars", der Rest wird an die Wand gefahren. Und die Zeiten sind noch härter geworden. Freunde von mir haben ihre Platte vor zwei Jahren aufgenommen und warten immer noch auf den Release. Anderen werden mitten in der Tour die restlichen Konzerte gecancelt.

RA: Davo machte vorhin eine Ansage über "angry music" und die Tatsache, dass es Musiker zu "lucky men" macht, diese vor Publikum spielen zu können.

Bryan: All das kommt ja auch nicht durch Wut oder Frustration. Das fängt damit an, dass wir als Band Freunde sind. Eigentlich viel mehr, eine Art Familie. Wir kommen so oft in einen Club und müssen einfach lachen vor Freude. Christian sagte erst heute Abend, dass er einfach nicht glauben kann, dass wir hier sind und Leute kommen, um uns spielen zu hören. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist das Beste in der Welt. Dafür würde ich alles stehen und liegen lassen, und das mache ich auch. Das machen wir alle. Ich gebe meinen Job auf, um auf Tour zu gehen. Bei den anderen ist das ähnlich. Aber ich habe keine Wahl. Nur so kann ich tun, was ich wirklich will. Die andere Möglichkeit ist, zu arbeiten, relative Sicherheit zu haben und genau das zu vermissen, was wir lieben. Ich möchte niemandem raten, es genauso zu machen. Aber das ist meine Realität, die Realität der ganzen Band. Es geht mir nicht darum, berühmt zu sein und Aufmerksamkeit und einen lukrativen Plattendeal zu bekommen, sondern darum, dass ich nicht mit 90 Jahren dasitzen will und denken muss: Fuck, warum hab' ich das damals nicht gemacht? Wenn ich zu Hause in LA erzähle, dass wir eine gewisse Popularität in Deutschland haben und eine Tour hier machen, bekomme ich oft nur zu hören: "Have a nive trip". In 30 Nächten 30 Shows zu spielen, bedeutet für uns jedoch viel mehr als nur ein "trip". Die meisten verstehen das nicht. Sogar enge Freunde von mir nehmen das nicht ernst und sagen, ich solle mal darüber nachdenken, was anderes zu machen. Etwas, von dem ich mit Sicherheit weiß, dass ich meine Rechnungen damit bezahlen kann. Auf Dauer ist LA ein echter "mindfuck" für mich.

RA: Hast du eine Erklärung dafür, dass ihr in Deutschland soviel populärer als in den USA seid?

Bryan: Nein. Absolut nicht.

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Geht mir genauso. Christians Gitarre ist übrigens erst knappe zehn Jahre alt, auch wenn sie, wie bereits erwähnt, aussieht, als ob Hendrix damit von London nach Woodstock gepaddelt wäre, um sich damit den Weg durch einen Haufen Hinterwald-Sheriffs freizuschlagen. In der Liebe wie im R'n'R geht's mitunter recht rau zu …

 

Gerald Merkel

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